Clowns und Helden

Anti-Fake-News Unter dem Namen „Schmalbart“ will ein Netzwerk hierzulande gegen das US-Hetzportal „Breitbart“ kämpfen. Angst weicht Agitation, endlich!
Sarah Khan | Ausgabe 03/2017

Acht Monate vor der Bundestagswahl sind die Populisten national wie auch international bestens vernetzt und gut darauf vorbereitet, die Wählerinnen und Wähler gegen demokratische Institutionen aufzuhetzen. Die Gefahr ist spätestens seit der Trump-Wahl erkannt. Die Bundesregierung will nun schnell noch an Gesetzen gegen Fake News stricken, bevor Breitbart, das Onlinemagazin des Trump-Strategen und Rassisten Stephen Bannon, eine Dependance in Deutschland eröffnet, um auch hierzulande die Debatten weiter zu vergiften.

Doch nicht nur in der Politik formiert sich Widerstand gegen diese Agenda, sondern auch bei Journalisten, Bloggern, Publizisten. Vergangenes Wochenende sind knapp 200 Interessierte der Einladung des Kommunikationsberaters Christoph Kappes gefolgt, der zu einem ersten, offenen Treffen gegen Fake News nach Berlin geladen hatte. In einem Bar-Camp (nerdisch für „offene Tagung mit offenen Workshops“) im betahaus in Kreuzberg wurden Strategien diskutiert und Projekte vorgestellt, die sich unter dem Namen Schmalbart zusammentun könnten. „Wir sind unter uns“, versicherte Christoph Kappes bei der Begrüßung, „wir haben auch die Identitäten hinter den uns unbekannten Anmeldungen geprüft.“

Eine gewisse Paranoia vorm Ausgehorchtwerden durch politische Gegner blieb dennoch den gesamten Tag über spürbar. Auf die Kameras von ARD und RBB reagierten einige Teilnehmer abweisend bis aggressiv, und aus den laufenden Talks heraus sollte möglichst nicht getwittert werden. Doch noch während versucht wurde herauszuarbeiten, was Schmalbart sein könnte, trendete der Hashtag #Schmalbart, und man erfuhr so schon zur ersten Kaffeepause, was Propaganda alles bewirken kann, wenn man nicht aktiv gegensteuert: Die Onlinedebatte schien gekapert. Es wurden Unterstellungen verbreitet, noch bevor klar sein konnte, wohin die Reise geht.

Die Aktivisten aus dem Bar-Camp posteten dagegen an, ob mit Fotos vom Buffet oder mit Impressionen aus den Sessions. Die Schweizer Literaturkritikerin Sieglinde Geisel twitterte: „Bei der Reaktion auf #Populismus dreht sich alles um die Frage: Wer spielt wessen Spiel?“ Eine häufig geäußerte Kritik von außen richtete sich allein schon gegen den Namen Schmalbart – wieso man sich an der Begriffsvorlage der Rechten abarbeite? Bei den internen Diskussionen spielte diese Frage nur eine untergeordnete Rolle, Schmalbart wurde zunächst wie ein Arbeitstitel behandelt.

Auffallend viele Christophs

Ein Drittel der Teilnehmenden – die meisten kamen aus den Bereichen Online, Medien und IT – waren Frauen, zwei Drittel Männer. Es war eindeutig die Stunde der Kommunikationsberater, die in ihren Statements von vernetzten Netzwerken, hybriden Formaten, sogenannten Integratern und der Verschmelzung von On- und Offline schwärmten. Merkwürdigerweise hießen viele Redner Christoph mit Vornamen, in allen möglichen Buchstabierweisen. Christof Fischöder zum Beispiel gab Kommunikationstipps, die eines Tages in eine Schmalbart-Präambel münden könnten: diffamierende, ausgrenzende Methoden der Rechten nicht übernehmen; persönliche Angriffe vermeiden; Demokratiestützende Diskurse ermöglichen; die breite Öffentlichkeit erreichen. Fischöder sagte, der Erfolg einer Anti-Fake-Kampagne sei daran zu messen, ob Hetze weniger Likes bekomme und die Leute nicht mehr jeden Mist glaubten. „Kühle“ in der Diskussion zu gewinnen, nannte er ein erstrebenswertes Ziel.

Dagegen zeigte sich in den mehr als 20 Sessions, dass viele Aktivistinnen und Aktivisten aber doch eine große Lust am Schabernack verspüren. Nicht grundlos erinnerten einige an die Situationisten, die vor 60 Jahren die Methoden der Kunst und des Theaters in die politische Kommunikation trugen; oder an die Möglichkeit, mit Spaß, Rollenspielerei und Partisanenstrategien die Widersprüche und Gefahren der Populisten aufzudecken.

Eine solide Finanzierung mahnte der Hamburger PR-Berater Jürgen Braatz an. Die juristische und materielle Basis des Netzwerks soll nicht durch eine Klagewelle gleich wieder zerstört werden können. Ob Schmalbart in eigene Recherchen, Contentproduktion und journalistisch geschultes Personal investieren muss, darüber scheint zwischen Braatz und Initiator Kappes aber noch Uneinigkeit zu herrschen. Braatz glaubt, dass es reicht, wenn die Inhalte von außenstehenden Aktivisten umsonst geliefert und durch das Schmalbart-Netzwerk lediglich in einen presserechtlichen Rahmen gesetzt werden. Kappes dagegen ist überzeugt, dass es wichtig ist, eine eigene Redaktion einzurichten und jeden Tag zu produzieren.

„Die Gefahr von Breitbart ist, dass sie nach sechs Wochen den ganzen Traffic beherrschen“, warnte Kappes und skizzierte das Szenario auf ein Blatt Papier: Er zeichnete Blasen, von denen jede für ein deutschsprachiges Newsportal steht, bei dem die Hetzer von Breitbart ihre Themen und Headlines finden könnten, die sie dann nur aufbauschen, verzerren und in ihren propagandistischen Kontext stellen müssten, um Hasskommentaren eine weitere Bühne zu bereiten. Namentlich nannte er etwa die deutsche Huffington Post und Focus, PI-News und Die Achse des Guten, Tichys Einblick und compact.

Zwischen die Blasen zeichnete Kappes kleine Pfeile, die in einen größeren Strom münden. „Es hängt natürlich auch davon ab, wie viele Redakteure arbeiten beim deutschen Breitbart – sind es nur zwei oder mehr?“ Aus den USA, aus Stephen Bannons Lager, sind noch keine konkreten Pläne zur deutschen Expansion benannt worden. Nur dass sie kommen – sowohl nach Frankreich als auch nach Deutschland –, zeichnet sich ab, zum Beispiel nach entsprechenden Meldungen der Agentur Reuters.

Ratlosigkeit war in vielen Sessions im betahaus herauszuhören, etwa bei der Frage, wie man als Einzelperson in Foren, bei Facebook oder Twitter, auf Lügen und Verschwörungssprech angemessen reagieren soll. Einige Aktivisten und Tekkies streben die Entwicklung von Apps an, die ihren Usern zur Seite stehen und aus solchen argumentativen Problemlagen heraushelfen. Christoph Giesa, der Koautor des Buchs Gefährliche Bürger: Die Neue Rechte greift nach der Mitte (Hanser 2015) sagte in einer Gesprächsrunde über den Umgang mit populistisch getriebenen Posts: „Wir müssen viel besser vorbereitet sein, wir müssen die Netzwerke im Hintergrund kennen und auch die Mythen und Selbststilisierungen als Opfer, die in der rechten Szene kursieren. Auch müssen wir selbst jede Extremisierung in den Debatten vermeiden. Jedes Schwarz-Weiß-Denken ist gefährlich.“ Er riet dazu, sich nicht auf jede Diskussion einzulassen – und vor allem den Populisten nicht den Gefallen zu tun, sie als Nazis zu bezeichnen. Sie seien längst clever genug, bestimmte Minderheiten nicht nur zu bekämpfen, sondern sich auch mit Einzelnen daraus gezielt zu verbünden, denn das helfe ihnen, ihre Verfassungsfeindlichkeit zu maskieren.

Am Ende des Bar-Camp-Tags appellierte Gastgeber Kappes an die Teilnehmenden: „Erhaltet euch eine gewisse Lockerheit und Lebendigkeit!“ Das habe er während eines Clown-Seminars gelernt, das seine Freundin ihm geschenkt habe. Er besitze jetzt die Qualifikation, in einem Krankenhaus als Clown aufzutreten. „Als Horrorclown?“, fragt man ihn, daran erinnernd, dass im US-Wahlkampf auch diese seltsame Spezies eine Rolle spielte. Kappes erklärte: „Ich bin durch die Clownerei lockerer und lebendiger geworden. Wir müssen bedenken, wir können keinen gesellschaftlichen Konsens mehr herstellen. Es geht jetzt um den richtigen Umgang mit der Fragmentierungen und den Konflikten.“

Eine Reporterfabrik

Das Schmalbart-Projekt ist nicht die einzige publizistische Initiative gegen den Fake und den Hass. Parallel zum Kreuzberger Camp gab das gemeinnützige Recherchezentrum Correctiv bekannt, mit Facebook in eine Kooperation zu treten, um dem Portal zu helfen, gefälschte und erfundene Nachrichten zu identifizieren, kenntlich zu machen und deren Verbreitung zu drosseln. Nach der unrühmlichen Rolle als Gerüchteschleuder und Hetzmaschine, die Facebook im US-Wahlkampf innehatte, will man dort vielleicht drohenden neuen gesetzlichen Bestimmungen zuvorkommen. Bei der Bildung einer eigenen Redaktion hält sich Facebook jedoch zurück, es will nicht als Presseunternehmen gelten.

Auch der langjährige Spiegel-Reporter Cordt Schnibben stellt sich an die neue Frontlinie der Demokratie und möchte der Wahrheitssicherung im Netz dienen. Mit seiner „Reporterfabrik“ will er Journalisten in Onlinetutorials ausbilden, auch hier soll es eine Kooperation mit Correctiv geben.

Es sieht so aus, als ob viele Menschen die Angst vor dem Populismus, die seit Monaten in Europa umgeht, langsam, aber sicher abschüttelten – um zu verteidigen, was ihnen erhaltenswert erscheint. Diese Aufbruchsstimmung war am letzten Wochenende vor der Inauguration des Donald Trump deutlich spürbar. Es gibt sie also doch noch, die guten Nachrichten.

06:00 15.02.2017
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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