War gut damals, rund um den Aschenbecher

Die Dingsbums Egal, wie Sie zum Rauchen stehen: Wenn Sie eines dieser Schmuckstücke aus Porzellan, Kristall oder Granit auf dem Flohmarkt finden – nehmen Sie es mit! Des Redens wegen

Als ich kürzlich den deutschen Film Im Labyrinth des Schweigens sah, der von der Vorgeschichte der Frankfurter Auschwitzprozesse in den 1960er Jahren erzählt, stach mir ein Detail der Filmausstattung unerwartet ins Herz: Man sieht Fritz Bauer – jenen berühmten Staatsanwalt, der mit seinen Mitarbeitern die Mörder von Auschwitz zur Rechenschaft ziehen will, die im Nachkriegsdeutschland als Lehrer, Bäcker, Metzger unbehelligt weiter leben und arbeiten konnten – in einer Ecke seines Büros inmitten einer modernistischen Sesselgruppe sitzen und rauchen. Die Sessel sind um einen kleinen Tisch gruppiert, auf dem ein großer Aschenbecher steht.

Das Gruppenbild mit Aschenbecher rührte mich. Ich sah nicht nur Gert Voss, den Darsteller des Fritz Bauer, wie er in seiner letzten Rolle noch einmal alle Kräfte mobilisierte, obwohl der Tod ihm bereits ins Gesicht gezeichnet war. Ich entdeckte in diesem Sekundenbild auch eine vergangene Gesprächskultur, die ich selbst aus dem Pastorat meines Großvaters kannte. Bei ihm saßen stets Menschen um einen Tisch herum – Konfirmanden, Studenten, Gemeindemitglieder, Kirchenmusiker –, um zu streiten, zu erzählen oder zu labern. Und stets versammelten sie sich um einen „gigantischen“ Aschenbecher. Es waren Objekte, die auf jeder Seite eine breite Einkerbung besaßen, damit die Raucher von jeder Seite Zugriff darauf hatten. Jeder Haushalt führte diese schweren Schmuckstücke aus Porzellan, Kristall oder Granit, mit deren man einen Einbrecher mühelos erschlagen oder eine Ehe beenden konnte. Aschenbecher, die mit Gold belegt waren, Elefanten oder chinesische Drachen abbildeten, galten als kostbares Geschenk.

Der Aschenbecherkult stand aber nicht nur für eine andere Gesundheitsauffassung als die heutige; wesentlicher erscheint mir, dass er für eine Kommunikationskultur steht, in der man gemeinsam im gleichen Raum zusammensitzt, längere Zeit anderen Menschen ausgesetzt bleibt. Ich behaupte, dass die Menschen in Zeiten des Aschenbecherkults sich damals deutlich weniger ins Wort fielen als heute. Sie konnten ja, während ein anderer Mensch sprach, an der Zigarette nuckeln, inhalieren, gewichtig ausatmen, mit ihrem Rauch die Luft dekorieren, und mit den Händen Codes senden. All das, was den Altkanzler Helmut Schmidt bis zuletzt so faszinierend machte, hatte einst der ganz normale Alltagsdiskutant drauf. Irgendwann verschwand der Aschenbecherkult, vermutlich in den 90ern, und heute sind wir Gespräche nicht mehr gewohnt, in denen wir lange und eng gruppiert zusammensitzen. Unsere Begegnungen geschehen unter Zeitdruck und man muss dafür auch nicht mehr gleichzeitig im selben Raum sein. In Cafés sitzen wir in Reihenanordnungen, der Blick ist durch die Möblierung so gelenkt, dass er an anderen Menschen vorbeiführt oder zur Straße geht. Wir schweigen wie die Mönche, teilen nichts, außer dem kostenfreien WLAN.

Falls Sie einen dieser riesigen, schweren Aschenbecher auf einem (Gemeinde-)Flohmarkt finden, nehmen Sie ihn mit nach Hause, egal wie Sie zum Rauchen stehen, und lassen Sie sich von ihm erzählen, wie es war, als Menschen sich noch stundenlang im Kreis miteinander unterhielten (einige vielleicht auch über Auschwitz).

Sarah Khan schreibt als Die Dingsbums für den Freitag regelmäßig über die besonderen Dinge und Gegenstände des Alltags

06:00 05.04.2017
Geschrieben von

Sarah Khan

Jg.71, Autorin, Gespenster-Reporterin, Michael-Althen Preisträgerin, aufgewachsen zwischen Protestanten u Pakistanern in Hamburg
Sarah Khan

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