Ganz nah dran

Live-Journalismus Mit Blogs, Videos oder Tweets berichten Online-Medien in Echtzeit. Braucht man das? Ja, sagen Journalisten. Aber es kann einen ausgeruhten Journalismus nicht ersetzen.
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Es war ganz zum Schluss dieses Gesprächsabends in der taz Kantine in Berlin, als eine Zuhörerin aufstand und fragte, was denn eigentlich der Mehrwert von Live-Blogs sei. „Ich kann doch warten und mir später einen Artikel zu diesem Thema durchlesen“, sagte die junge Frau.

Die drei Journalisten auf dem Podium wirkten nicht so, als hätten sie sich diese Frage selbst schon oft gestellt. Live-Ticker seien eben ausführlicher und ideal für Polit-Junkies. „Das Unmittelbare ist ein Wert an sich“, befand Egon Huschitt (u.a. Tagesspiegel Morgenlage, European Circle). Damit war die Frage nach der Daseinsberechtigung des Echtzeitjournalismus’ im Internet erledigt.

Im Fernsehen der 90er Jahre wurde gestammelt

Live-Videos von Demonstrationen, Twitter-Berichterstattung aus dem Bundestag oder Newsticker bei wichtigen Wahlen: Online-Medien bieten Echtzeitjournalismus auf unterschiedlichsten Wegen – und das inmitten großer Konkurrenz. Leidet durch eine Zunahme der Geschwindigkeit und die Vielzahl an Angeboten nicht zwangsläufig die Qualität? „Wie live kann Journalismus mit Qualitätsanspruch sein?“, war die zentrale Frage des mediensalons am 28. November in Berlin.

Moderator Christoph Nitz (meko factory, DJV Berlin) stieg denn auch mit der naheliegenden Frage ein, wie es um die Rechtschreibung bei diesen Formaten bestellt sei. Natürlich sei die Fehlerquote in Sachen Rechtschreibung bei einem Liveblog höher als bei einem Zeitungsartikel, sagte Claudia Kleine (u.a. Tagesspiegel). Ein Artikel werde gegengelesen, bevor er erscheine, Texte im Liveblog gingen sofort online. Dennoch, stellte sie klar, messe sich die Qualität eines Liveblogs nicht an der Rechtschreibung, sondern am Inhalt.

Fehler in der Liveberichterstattung gebe es nicht nur bei Online-Medien, sagte Egon Huschitt. Im Nachrichtenfernsehen der 90er Jahre beispielsweise sei ordentlich „gestammelt“ worden. Das sei aber erst aufgefallen, als Leute wie Stefan Raab begonnen hätten, diese Fehler zu archivieren und sich darüber lustig zu machen.

„Die Leute wollen Einordnung“

Auch dies also ein Thema dieses Abends: Echtzeitjournalismus ist keine Erfindung des Internetzeitalters. Petra Sorge (u.a. Spiegel, Zeit, taz) wies darauf hin, dass bereits in den 1920er Jahren in Echtzeit berichtet wurde – nämlich übers Radio.

Sorge sagte, dass mittlerweile verstanden werde, dass Live-Berichterstattung eine eigene Form des Journalismus sei. Es sei zu beobachten, dass sich die Fehlerkultur in diesem Bereich verändere. Fehler würden zunehmend live berichtigt. Es gehe auch um die Frage: Wie kann diese Form des Journalismus „bescheidener“ werden?

Ausführlich sprachen die Diskutanten darüber, welchen Platz Live-Blogs und -Videos oder Tweets innerhalb der Medienlandschaft einnehmen. Die Runde war sich einig darin, dass sie keinesfalls das ausgeruhte Erklärstück oder die gründliche Analyse ersetzen können. „Die Leute wollen Einordnung“, sagte Claudia Kleine, und die könne ein Journalist nur bieten, wenn er mit etwas Abstand über die Ereignisse berichte. Journalisten, die eine besondere Expertise auf einem Themengebiet hätten, seien darum auch eher für die Hintergrundartikel zuständig, als für die Live-Berichterstattung.

„Historisches Material“ per Livestream

Petra Sorge sieht ein zunehmendes Bedürfnis der Leser nach Entschleunigung und Orientierung. Ein Indiz dafür ist laut Sorge der Trend zum Newsletter-Journalismus. „Alles andere ist oft überfordernd“, sagte sie. Online-Seiten würden ständig aktualisiert, so dass es schwerfalle, eine Überblick darüber zu behalten, was wichtig ist. Diese Arbeit nehme ein Newsletter dem Leser ab.

Während der G20-Demos im vergangenen Jahr, sorgte taz-Reporter Martin Kaul für Aufsehen. Seinen Periscope-Livestream aus Hamburg nannte der Branchendienst Meedia später „das Leitmedium der Krawallnacht“. Diese Art des Live-Videojournalismusböte den Zuschauern das Gefühl, direkt dabei zu sein, sagte Petra Sorge. Egon Huschitts Einwand, dass bei dieser Form der Berichterstattung die Gefahr bestehe, dass Journalismus zur Unterhaltung verkomme, wollte sie nicht gelten lassen. Möglicherweise entstehe auf diese Weise „historisches Material“, je nachdem, was an diesem Tag noch passiere.

Egon Huschitts Kritik bezog sich vor allem auf Liveberichte vor der Kamera, bei denen die Journalisten gezwungen seien, Updates zu geben, auch wenn es eigentlich nichts Neues zu berichten gibt. Dieses Schicksal teile der Online-Video-Journalismus mit Liveberichterstattung im Fernsehen. Beneidenswert sei in diesem Zusammenhang die Rolle von Journalisten, die über einen Ticker live berichten: „Wenn es nichts zu sagen gibt, dann wird auch nicht getickert“, so Huschitt.

Fake News können Marken schaden

Die Frage nach der Finanzierung kam spät an diesem Abend. Aber sie kam, aufgeworfen von einem Zuhörer im Publikum. Live-Blogs kosten Geld, sagte Claudia Kleine. Sie könnten einen analysierenden Artikel zu einem Thema nicht ersetzen und seien darum zusätzliche Arbeit. Doch der Aufwand lohne sich für Medien, da er zusätzliche Aufmerksamkeit bringe.

Petra Sorge bezog sich beim Thema Finanzierung auf die Werbung. Es sei online nur schlecht möglich, Inhalte über Werbung zu finanzieren. Bis heute seien die Werbepreise für Print höher als im Online-Bereich. Im Internet seien Unternehmen anders als früher nicht auf Journalismus angewiesen, um Werbung zu machen.

Gerade hier sieht Egon Huschitt jedoch eine positive Tendenz. In Zeiten rechter Blogs und Fake News sei es Unternehmen immer wichtiger, in welchem Umfeld ihre Anzeige erscheine. Unseriöse Online-Auftritte könnten eine Marke leicht beschädigen. „Ich bin guter Dinge, was Werbung betrifft“, sagte Huschitt.

21:46 29.11.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sarah Schaefer

Sarah Schaefer ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
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