Nicht so schüchtern!

Position beziehen Flagge zeigen gegen den Rechtsruck? Bislang halten sich deutsche Unternehmen damit zurück. Doch es gibt gute Gründe, diese defensive Haltung aufzugeben.
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Im Frühjahr dieses Jahres setzte der Siemens-Chef Joe Kaeser einen Tweet ab, in dem er die AfD-Politikerin Alice Weidel scharf für ihre Aussagen über „Kopftuchmädel“ kritisierte. Wenige Monate später legte er nach und warnte vor dem erstarkenden Nationalismus und Rassismus in Deutschland. Damit sorgte er für Aufsehen, ist es doch alles andere als alltäglich, dass sich der Chef eines deutschen Unternehmens politisch positioniert.

Das sollte sich dringend ändern, fordert Harald Christ, Mittelstandsbeauftragter der SPD: „Eine Willkommenskultur ist im Interesse der Unternehmen“, sagte Christ bei einer Podiumsdiskussion im Habel am Reichstag in Berlin. Auf Einladung der „sitzungswoche“ ging es am 18. Oktober 2018 um die Frage, inwiefern Unternehmen sich mit Blick auf die gesellschaftliche Polarisierung stärker politisch positionieren sollten.

Kunden haben nicht nur das Produkt im Blick

In Zeiten des Fachkräftemangels und der internationalen Ausrichtung vieler Unternehmen sei entscheidend, welches Bild ein Land in der Öffentlichkeit abgibt, sagte Christ. Er kritisierte, dass sich nach den gewalttätigen Demonstrationen in Chemnitz zu wenig Vorbilder aus der Wirtschaft in die Diskussion eingebracht hätten.

Dabei ist offenbar genau das von den Menschen erwünscht, wie Milorad Ajder berichtet: „Weltweit erwarten die Menschen, dass Unternehmen sich positionieren“, sagte der Global Director im Bereich Corporate Reputation des Marktforschungsunternehmens Ipsos. Die Herausforderung sei, dabei nicht opportunistisch zu erscheinen, sondern authentisch zu bleiben.

In Deutschland herrsche bei Unternehmen eher die Ansicht: Das Produkt spricht für sich. Dabei könne für die Kaufentscheidung eines Kunden auch eine Rolle spielen, ob er Gutes über ein Unternehmen gehört habe und nicht nur über die Produkte – auch wenn diese „Made in Germany“ sind.

Regelrecht Angst vor Journalisten

Christine Wenzel, Leiterin des Bereichs Corporate Affairs Germany bei Hewlett Packard Enterprise äußerte Verständnis dafür, dass Unternehmen eher davor zurückschrecken, sich parteipolitisch zu äußern. Es sei aber durchaus ihre Aufgabe, demokratische Werte zu vertreten.

Doch offenbar gibt es bei Unternehmen große Vorbehalte, nicht nur öffentlich Position zu beziehen, sondern überhaupt mit der Öffentlichkeit in Verbindung zu treten. Es habe ihn überrascht, zu sehen, dass manche Konzernchefs regelrecht Angst vor Journalisten haben, sagte Markus Löning, Gründer und CEO von Löning – Human Rights & Responsible Business. Viele hätten wenig Übung im Umgang mit Journalisten. Unternehmen schickten lieber Verbände vor. Doch in der öffentlichen Wahrnehmung, so Löning, mache es einen Unterschied, ob ein Verbandsfunktionär spricht oder der Vertreter eines Unternehmens.

Mitarbeiter als Individuen

Diese Zurückhaltung gegenüber Medien und der Öffentlichkeit werde im digitalen Zeitalter immer schwieriger, sagte Milorad Ajder von Ipsos. Unternehmen müssten die defensive Haltung aufgeben und in Kontakt mit der Öffentlichkeit treten. Dabei könnten sie ein Vorbild dafür sein, wie Debatten zivilisiert ausgetragen werden. Das funktioniere nur, wenn sich Mitarbeiter auch innerhalb eines Unternehmens wie Individuen verhalten könnten.

In Bezug auf den Mittelstand schlug sich Harald Christ von der SPD eine andere Richtung ein: Er sagte, nirgendwo sei die Bindung zu einem Chef oder Inhaber so stark wie im Mittelstand. Wenn dieser sich positioniere, könne das durchaus Einfluss auf die Mitarbeiter haben, nach dem Motto. „Wenn der Chef das sagt…“

Auch Christine Wenzel von Hewlett Packard betonte die Bedeutung einer starken Konzernführung. Gleichzeitig sagte sie: „Wir brauchen Menschen, die selber denken.“ Eine Vorgabe des Unternehmens, der die Mitarbeiter blind folgen, sei also nicht ausreichend.

Selbst aktiv zu werden, sei auch notwendig, um einen Kulturwandel bei diesem Thema zu unterstützen. Arbeitnehmer könnten fordern, dass sie nur für ein Unternehmen arbeiten, das sich engagiert, sagte Christ.

Für Karriere zählt der Konsens

Was ist eigentlich der Grund dafür, dass deutsche Unternehmen so zurückhaltend sind? Für Harald Christ liegen die Ursachen auch in der Ausbildungs- und Arbeitskultur. „Unser Karrieresystem fordert Klarheit und Wahrheit nicht“, sagte er. Karrieren in Deutschland seien von Konsens getrieben, auch innerhalb der Unternehmen. Es gehe eher um Balance und Taktik, als darum, einen klaren Standpunkt einzunehmen.

Gleichzeitig gibt es bei Unternehmen die Befürchtung, sich mit einer Positionierung zu schaden – diese Befürchtung kam während der Diskussion immer wieder zur Sprache. Wer Stellung bezieht, wird ganz genau auf seine eigene moralische Integrität abgeklopft: Beispiel Joe Kaeser und der Konzern Siemens, der immer wieder für seine Kontakte in Länder wie Saudi Arabien kritisiert wird.

Positionierung nicht nur aus Eigeninteresse

Die Position, die ein Unternehmen einnimmt, müsse authentisch sein – das sagten mehrere Teilnehmer des Podiums. Sie müsse aber auch im Verhältnis zu dem stehen, was ein Unternehmen tut, sagte Markus Löning und spitzte zu: Es sei löblich, Schulen in Afrika zu bauen, Wenn die Schule aber neben dem Kakaofeld des Unternehmens liege, auf dem die Schüler nach dem Unterricht schuften müssen, sollte man sich zuerst um das Kakaofeld kümmern.

Max Heywood, Head of Global Policy und Advocacy bei Transparency International erinnerte daran: Politischer Einfluss ja, aber bitte transparent. Dass ein Unternehmen von sich aus mehr Transparenz an den Tag lege, sei noch immer äußerst selten.

Unternehmen – auch dieser Punkt kam häufig zur Sprache – hätten eine Verantwortung, sich zu positionieren. Und zwar nicht nur aus Gründen der Reputation oder anderer Unternehmensinteressen. Es gehe um die generelle Frage, wie wir in diesem Land zusammenleben wollen, so Markus Löning. Und Harald Christ betonte: „Die Unternehmen sind Teil dieser Demokratie.“

11:01 19.10.2018
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Geschrieben von

Sarah Schaefer

Sarah Schaefer ist freie Journalistin in Berlin. Für die Meko Factory berichtet sie über Veranstaltungen.
Sarah Schaefer

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