Freitag, der siebzehnte

Klar, wir müssen ... mit dem Virus leben. Nur nicht auf die Weise und in dem Umfang, wie es eine verwöhnt daherkommende Forderung nach Freiheit vorgibt
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Je aufdringlicher der Hofhund kläfft, desto augenscheinlicher wird die Botschaft. Zwar ist Bello diesmal nicht darauf aus, die LINKE zu examinieren. Dafür aber geht er umso brutaler gegen diejenigen vor, die Dinge und Deutungshoheit für sich vereinnahmen und machtpolitisch ausspielen. Man mag zugestehen, dass es staatsnahe Berichterstattung gibt , man kann zurecht feststellen, dass die Macher, die an der Macht befindlichen Täter, vieles falsch, zu spät oder dilettantisch angefasst haben. Wahr ist aber auch, dass die Pandemie hier zu Lande nie so bedrohliche Formen angenommen hat wie in anderen Ländern. Will sagen, dass in Deutschland nicht alles falsch gemacht wurde. Klar, dass man ein Jahr brauchte, um die Inzidenz als fragwürdigen Seuchenanzeiger zu erkennen, dass man ein Jahr brauchte, um Inzidenzstufenpläne als etwas bundesweit Gültiges zu akzeptieren, dass man sich erst jetzt mehrsprachig in die prekären Wohnstandorte begeben möchte, um dort besonders intensiv zu impfen, ist traurig. Ja, ich könnte die Wut kriegen ob solcher Dummheit und Ignoranz – von Vorsatz möchte ich hier nicht sprechen. Obwohl auch das denkbar wäre.

Klar, dass man so lange brauchte, um alle Facetten des Pandemiegeschehens zu begreifen, um richtig zu reagieren, schmerzt schon. Doch wir erleben die Pandemie als erste ihrer Art, und da sollte man den Handelnden schon einiges nachsehen. Das werten viele CoronaKranke, das werten viele Hinterbliebene anders. Was verständlich und in der Demokratie legitim ist.

Dass sich da der unbetroffene Kläffer einmischt und nicht einmal erwägt, die Handlungsoptionen und -zwänge der Gegenseite zu e r f ü h le n, enttäuscht mich. Für ihn ist vor allem Frau Merkel Schuld am Desaster, obwohl doch gerade sie es war, die für striktere AntiCoronaMaßnahmen gestanden hat. Wären die Logdowns nämlich in aller Härte praktiziert worden, dann hätten wir das derzeitige Dilemma nicht. Hätte sie egoistisch und deutschlandorientiert Impfdosen geordert, wären wir allezeit rechtzeitig und gut versorgt. Der Hofhund, der die Dinge immer so zu bekläffen weiß, dass sein Gegenüber - ob nun schuld oder nicht - die Arschkarte hat, will auch diese Argumente nicht gelten lassen. Weil ja, verdammt nochmal, auch dann Nagelstudios und Bars hätten schließen müssen. Doch für welchen Zeitraum? Für einen sehr, sehr kurzen, wenn man den mit den bisher vertanen Monaten vergleicht. Es ist tatsächlich der an dieser Stelle oft unsinnige Föderalismus, es ist das fehlende wissenschaftliche Denken, es ist die schlotternde Angst fast aller Ministerpräsidenten, die alles versaut haben. Der kurze konsequente Stillstand hätte portugalmäßig alles in die richtige Bahnen gelenkt. Aber hier in Germany: Denkste, Quatschbude, Pustekuchen.

Klar: Mit dem vom Hofhund bekläfften Kadavergehorsam haben wir alle ein Problem. Doch wenn der Hofhund den Gehorsam generell, also in Gänze als kleinbürgerlich und folgsam-kriecherisch ausradiert, ist er wohl weit jenseits der roten Linie. Denn es gibt immer Situationen – und Corona steht beispielhaft dafür – in denen Anordnungen strikt, ja gnadenlos befolgt werden müssen. Nehmen wir nur die Entscheidungen auf Intensivstationen oder QuerdenkerDemos.

Zur Problematik gehört auch, was sich Liefers und Co. in #alles dichtmachen geleistet haben. Jawohl geleistet, denn diese Leute haben kein Gefühl für missverständliche Ironie. Für das, was Witz, Häme und Groteske in Betrieben oder Krankenstationen anrichten können. Dort, wo sich permanent gefährdete Menschen den Schweiß austreiben, Menschen, denen der Feinsinn für verlorene Bodenhaftung schon mal abgeht. Für wen produzieren diese Künstler? frage ich. Für 0,1 Promille unserer Gesellschaft? Und warum kläfft der Hofhund ein weiteres Mal kräftig, wenn „Mit-Ironiker“ ihre Tat bereuen und sich zurückziehen?

Klar: Liefers ist ein starker und bislang auch integrer Mann. Er hatte es drauf, sich dem Shitstorm zu stellen und zu argumentieren. Dafür gebührt ihm Anerkennung. Doch die zollen ihm Leute, die eine krasse Minderheit in Deutschland darstellen. Was ist mit der Mehrheit – mal abgesehen von denen, die Liefers angesichts vom Münster, Prahl und Börne jede Schandtat verzeihen? Was ist mit denen, die bei Seuche keinen Spaß verstehen? Auch denen möchte der Hofhund am liebsten eine beißen. Nach dem Motto: Scheiße, dass ihr nicht begreift. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!

Fürwahr: Folgten wir alle dem Hofhund, würden wir Bürger kritiklos hinnehmen, dass Thierse als Sarrazin mit Bart und Sahra Wagenknecht als böse Abweichlerin durchgehen, könnte die LINKE getrost einpacken. Aber Leute wie Sie und ich, Leute, die mit Parteilinien nichts im Sinn haben – Leute wie Sie und ich, haben ein Gespür dafür, dass Hundegekläff nur EIN, zuweilen ein völlig unmaßgebliches Zeichen ist. Und dass es immer auch hilft, wenn man Hofhunde aus dem selbst verordneten Käfig entlässt. Auch dann, wenn die drinbleiben wollen.

Dr. Ulrich Scharfenorth, Ratingen

www.stoerfall-zukunft.de

18:18 30.04.2021
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Geschrieben von

Scharfenorth

Geb. 1941. Bis 1990 Gutachter fuer die DDR-Stahlindustrie. Danach Journalist/ Autor in Duesseldorf. 2008: "Stoerfall Zukunft"; 2011: "abgebloggt"
Scharfenorth

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