Das Tote Meer unter meinen Armen

Jogis Tagebuch 6 Heute erklärt Jogi Löw, wer gegen die Niederlande seinen Job übernimmt und warum er allen Spielern eine wichtige SMS schickte. Außerdem geht er mehrfach duschen
Das Tote Meer unter meinen Armen

Illustration: der Freitag

Dienstag, 12. Juni

Das Genie zeigt sich dann, wenn niemand mit ihm rechnet. Gegen Mittag landeten wir in Charkow. Kaum war ich aus dem Flugzeug gestiegen, breiteten sich die Schweißflecke wie auf Löschpapier unter meinen Armen aus. Auf dem Weg zum Bus hatte ich große Angst, andere schwitzende Menschen an der Hand oder dem Unterarm zu berühren. Wolfgang Niersbach, seine Stirn glänzte wie eine Portion frittierte Pommes, wollte sich kurz an mir festhalten. Ich machte einen Schritt nach hinten, und er lag.

Als wir im Hotel ankamen, stellte ich mich für zehn Minuten unter die kalte Dusche und blieb dann eine halbe Stunde nackt auf dem Bett liegen. Bei dem Gedanken, gleich wieder raus zu müssen, überkam mich Entsetzen. Und morgen soll ich auch noch in einem vollen Stadion sitzen und in regelmäßigen Abständen von meiner Bank aufspringen. Mein Hemd würde schon beim Einlaufen an meinem Rücken kleben. Die Spieler werden dafür bezahlt, das auszuhalten, ich bloß für mein strategisches Genie. Es war zu dieser Zeit, als in mir ein Plan reifte, der mich vor all dem bewahren konnte.

Ich schrieb eine SMS an alle Spieler: „Heute, 15 Uhr, Mannschaftsraum, Referat über Menschenrechte in der Ukraine, Referent: Philipp Lahm. Anwesenheitspflicht!“
Zwei Sekunden später antwortete Philipp: „Danke Trainer. Auch im Namen der Opposition.“
Ich antwortete: „Ehrensache, Philipp. Und trag ruhig dick auf.“

UN-Beobachter Philipp gab sein Bestes, dem Team die Situation in der Ukraine zu schildern. Trotzdem entstand bei seiner Powerpoint-Präsentation bald Gemurmel, einige aktualisierten ihre Facebook-Profile, Boateng meldete sich bei „ElitePartner“ an. Irgendwann reichte es mir und ich haute auf den Tisch. „Es interessiert mich sehr, was der Philipp zu sagen hat, und euch sollte es auch interessieren.“ Danach war Ruhe.

Als Philipp geendet hatte, stand ich auf und räusperte mich.
„Vielen Dank, das war wirklich ein sehr ergreifender Vortrag. 2,5 Millionen politische Gefangene…“
„So viele sind es dann auch nicht“, sagte Philipp.
„Beinahe 2,5 Millionen politische Gefangene zeigen, was für ein System in der Ukraine herrscht. Es ist ein Land, in dem die Demokratie mit Füßen getreten wird. Ich habe mich deshalb dazu entschlossen, ein Zeichen zu setzen, und werde dem Spiel gegen die Niederlande fernbleiben und die Zeit im klimat… im Hotelzimmer verbringen. Es fällt mir nicht leicht, aber manchmal muss man sein Ego hintenanstellen. Sportlicher Erfolg ist nicht alles.“
„Aber Trainer“, sagte Manuel Neuer, „wir brauchen Sie doch.“
Ich ging zu ihm und legte meine Hand auf seine Schulter.
„Manuel, die Menschen in der Ukraine brauchen mich noch ein wenig mehr.“
„Trainer“, sagte Philipp, „ich hab die Zahl der politischen Gefangenen noch mal nachgesehen, es sind deutlich weniger als…“
„Philipp, was sind schon Zahlen? Jeder ist einer zu viel. Ich würde mich jetzt gerne zurückziehen. Aber bitte behaltet meinen Entschluss für euch.“

Mit gekrümmtem Rücken und feuchten Augen verließ ich den Raum und ging auf mein Zimmer. Erstmal duschen.

Wenig später kam Hansi in mein Zimmer, um seine Teilnahme an der abendlichen Weinrunde abzusagen. Er war sauer, dass er nun meinen Job im Hitzekessel von Charkow erledigen musste. „Ich weiß genau, dass du nur im Hotel bleiben möchtest, weil es dir draußen zu heiß ist.“
„Hansi, heimlich bewunderst du mich für meinen Einfall und ärgerst dich bloß, dass du die Idee nicht selbst hattest.“
Grummelnd zog er sich zurück. Busfahrer Wolfgang hingegen brachte seine schlechteste Flasche Wein mit und beglückwünschte mich für den genialsten Schachzug eines Bundestrainers, seitdem Sepp Herberger 1954 vor dem ersten Spiel gegen Ungarn nur eine B-Elf gebracht hatte. Wir schafften die Flasche auch zu zweit.

Jogi Löw ist damit beschäftigt, Europameister zu werden. Sein geheimes Tagebuch muss unser Autor Sebastian Dalkowski schreiben. Der hält sich deshalb bis zum Ausscheiden der Nationalmannschaft für den Bundestrainer

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