Sie lieben den Karl-Theodor noch immer (Lindberg 17)

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Lindberg lebt im Jahr 2060, ist 75 Jahre alt und berühmt und entschließt sich, seine Memoiren zu schreiben. Jeden Freitag veröffentlicht er hier ein weiteres Kapitel. Diesmal soll er seiner Mutter ein Autogramm von Herrn Guttenberg besorgen.

Januar 2011

Ich sollte bloß über das neue Klettergerüst in einem Kindergarten schreiben. Ich hatte keine Ahnung, wo das enden würde. Ich hatte auch keine Ahnung, dass Kindergärtnerinnen sich geistig in einem so bedenklichen Zustand befanden.

Donnerstagabend hatte mich der Chefredakteur der Lokalzeitung angerufen.
„Lindberg, ich habe wieder einen besonders beschissenen Auftrag für Sie.“
„Schön, mal wieder Ihre Stimme zu hören.“
„Ein großer Werbekunde, irgend so ein mittelständischer Produzent von Scheibenwischern, hat einem Kindergarten ein Klettergerüst gespendet. Morgen früh ist der Fototermin im Kindergarten mit Firmenchef. Und Sie gehen hin, um über das tolle Klettergerüst und den edlen Spender zu schreiben. Ich warne Sie: Denken Sie nicht im Traum daran, sich irgendeinen originellen Einstieg auszudenken, das gibt nur wieder böse Anrufe. Einfach so lahm wie immer.“
Und so fand ich mich am nächsten Morgen außerordentlich motiviert auf dem Spielplatz eines Kindergartens wieder. Die Kinder tobten durch den Dreck, die Kindergärtnerinnen schauten gelangweilt. Der Firmenchef richtete noch einmal seine Krawatte. Die Fotografen rauchten eine Zigarette und warteten auf ihre zwanzig Sekunden Arbeit. Und bei mir klingelte das Handy.

„Ja?“
„Hallo, hier ist deine Mutter.“
„Aha.“
„Wir kennen uns.“
„Ist gut, Mutter. Was steht an?“
„Ich habe gerade Herrn Guttenberg im Fernsehen gesehen, unseren Verteidigungsminister.“
„Herzlichen Glückwunsch.“
„Ein schneidiger Kerl und so gebildet.“
„Ist mir bisher nicht aufgefallen.“
„Dass er momentan etwas in die Kritik geraten ist wegen dieser Sache mit der Gorch Fock, also das finde ich nicht nett.“
„Nein Mutter, das ist wirklich nicht nett. Dass Herr Guttenberg sich vom Olymp überhaupt zu uns heruntergelassen hat.“
„Das habe ich Frau Suhrbier von Gegenüber auch gesagt. Die meinte ja, der sei gar nicht so toll, wie alle immer sagen.“
„Wie sie bloß darauf kommt? Aber hast du etwa nur angerufen, um mir zu sagen, dass Frau Suhrbier Herrn Guttenberg nicht mag?“
„Nee. Ich dachte, weil der Herr Guttenberg ja gerade mal wieder in Berlin ist und nicht in Afghanistan oder in seinem Schloss – also da dachte ich mir, ruf ich dich doch mal an und frag, ob du mir nicht ein Autogramm von ihm besorgen kannst.“
„Bitte was?“
„Weil er doch so ein schneidiger Kerl ist. Das Autogramm wollte ich mir übers Bett hängen.“
„Das kann nicht dein Ernst sein.“
„Holst du mir eines?“
„Das kannst du dir mal schön selbst holen. Schreib ihm doch einen Brief.“
„Mensch Junge, du wohnst doch in Berlin. Das ist doch kein Problem für dich.“
„Doch das ist es. Ich muss jetzt auch auflegen. Bin bei der Arbeit.“

Dann wandte ich mich wieder den spannenden Ereignissen am Klettergerüst zu. Die Fotografen hatten Kinder, Kindergärtnerinnen und den Chef der Scheibenwischerfirma vor und auf das Klettergerüst dirigiert. Die Kinder waren eher geringfügig daran interessiert, still zu stehen. Die Kindergärtnerinnen waren immer noch gelangweilt, weil sie schon zehn solcher Klettergerüstübergaben mitgemacht hatten, der Firmenchef grinste bereits vorsorglich und platzierte sich mitten zwischen die Kinder.

Nur mein klingelndes Handy riss mich aus dieser Idylle.

„Ja?“
„Hallo, hier ist noch mal deine Mutter. Bitte stell dich doch nicht so an.“
„Was denn?“
„Na mit dem Autogramm von Guttenberg. Du kannst doch deiner alten Mutter mal einen Gefallen tun.“
„Warum schlägst du dir diesen Guttenberg nicht aus dem Kopf?“
„Aber er ist doch so schneidig.“
„Wenn du noch einmal schneidig sagst…“
„Ich hab früher doch auch immer alles für dich getan. Da ist es ja wohl das mindeste, dass du mal kurz Herrn Guttenberg um ein Autogramm bittest.“
„Um so etwas hätte ich dich früher nie gebeten.“
„Aber weiß du noch, als du mal im Ferienlager in Österreich furchtbares Heimweh bekommen hast und ich dich ganze Strecke mit dem Auto gefahren bin, um…“
„Das gehörte zu deinen natürlichen Aufgaben als Mutter.“
„Und zu deinen natürlichen Aufgaben gehört es, mir ein Autogramm zu besorgen.“
„Du bist ja besessen.“
„Über tausend Kilometer waren das bis Österreich. Unterwegs hätte mich fast ein Lkw von der Straße geschossen und das Essen in der Raststätte war furchtbar. Das Wiener Schnitzel schwamm im Fett. Mich schüttelt es heute noch.“
„Mutter, ich bin bei der Arbeit.“
„Also, tust du mir den Gefallen?“
„Mal sehn.“
„Sohn?“
„Ja?“
„Tust du mir den Gefallen?“
„Lass mich erstmal zu Ende arbeiten, dann kümmere ich mich vielleicht drum.“

Ich legte auf. Mittlerweile hatten die Fotografen ihre Arbeit erledigt und waren abgezogen. Der Firmenchef kam auf mich zu.
„Aus Ihrem Schreibblock schließe ich, dass Sie der Journalist sind.“
„Clever kombiniert. Lindberg ist mein Name.“
„Herr Lindberg, wollen Sie nicht mal selbst aufs Klettergerüst steigen? Wenn Sie darüber schreiben, müssen Sie doch auch erfahren, wie toll dieses Klettergerüst ist.“
„Ach, das glaube ich Ihnen schon, dass dieses Klettergerüst toll ist.“
„Trotzdem. Ich sehe doch, dass Sie es wollen.“

Da ich keine Lust hatte, nach der Diskussion mit meiner Mutter auch noch mit ihm ein sinnloses Gespräch zu führen, steckte ich meinen Block in die Jackentasche und fing an zu klettern. Bald hing ich kopfüber an einem Balken. Dann klingelte erneut mein Handy. Ich ignorierte es.

„Ihr Handy klingelt“, rief der Firmenchef.
Ein wirklich kluger Mensch.
„Ich weiß. Das ist nur meine Mutter, die will, dass ich ihr ein Autogramm von Guttenberg besorge.“
Das ließ die Kindergärtnerinnen aufhorchen.
„Sagten Sie Guttenberg? Können Sie mir vielleicht auch ein Autogramm von Guttenberg besorgen?“
„Au ja, mir auch.“
„Mir auch.“

Ich seufzte für zwei.

„Ich weiß doch nicht mal, ob ich meiner Mutter überhaupt ein Autogramm besorgen kann“, sagte ich, während ich die Welt kopfüber sah.
„Ja aber Sie sind doch Journalist“, sagte die eine, „das ist das für Sie doch kein Problem.“
„Ich habe Herrn Guttenberg bisher genauso oft getroffen, wie Sie ihn getroffen haben.“
„Ja, aber er ist doch so… so… so…“
„Schneidig?“, fragte ich.
„Genau.“

Ich ließ mich fallen. Einfach so.

08:09 28.01.2011
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