Geschichte schreiben im Jahrhundertbus

Zeitzeugen "Das Gedächtnis der Nation": Guido Knopp und Hans-Ulrich Jörges eröffnen ein Zeitzeugen-Projekt, das jeder im Netz einsehen kann. Inhalte kontrolliert die Redaktion

Er kämpfe immer noch mit dem Kloß im Hals, sagt der Google-Vizepräsident für Nord- und Zentraleuropa Philipp Schindler. Guido Knopp schafft es sogar bei einer Pressekonferenz, die Leute zu rühren. Der oberste Geschichts-Entertainer des Landes stellt an diesem Donnerstag das Projekt "Gedächtnis der Nation" vor, ein Internet-Videoarchiv für Interviews mit Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts in Deutschland. Vorbild ist die Sammlung von Überlebenden-Interviews, die Steven Spielberg mit der Shoah Foundation angestoßen hat. Dazu lässt Knopp einen Film zeigen. Das 20. Jahrhundert in sieben Minuten. Feierlich-getragene Sprecherstimme, dramatische Musik und ein großer zeitgeschichtlicher Moment nach dem anderen: Man kennt das aus dem ZDF-Abendprogramm. Gänsehaut und Klos im Hals verursacht es offenbar dennoch.

Google-Mann Schindler fängt sich und sagt: "Ich hoffe, Sie können mich trotzdem verstehen." Sein Unternehmen sei stolz, über die Tochter Youtube den Videokanal für das "Gedächtnis der Nation" sowie die Server bereitzustellen. Bestückt sind die bereits mit 1.600 Zeitzeugeninterviews und erklärenden Kurzfilmen aus den Archiven von Knopps Arbeitgeber ZDF. Dort sitzt die vierköpfige Redaktion, wenn sie nicht gerade auf Tour ist: Herzstück des Projektes ist ein Lastwagen, in dem sich ein kleines Aufnahmestudio befindet und der fortan durch die Nation tourt, um deren Gedächtnis mit Schilderungen unprominenter Zeitzeugen des 20. Jahrhunderts zu erweitern. Entlang der einstigen deutsch-deutschen Grenze fährt der Laster zunächst, und an seinen Stationen sollen vor allem ehemalige DDR-Bürger vom vergangenen Alltag im Osten erzählen, wie Knopps Mitstreiter Hans-Ulrich Jörges aus der Stern-Chefredaktion sagt: "Wir Westler haben große Lücken, was die DDR-Vergangenheit angeht."

Dem Anliegen widmet sich auch Ingo Materna. Am Freitagvormittag steht der 1932 in Mecklenburg Geborene vor dem Berliner Fernsehturm, wo der Gedächtnis-Laster erstmals Station macht. Materna ist selbst Historiker: Er hat an der Humboldt-Universität Geschichte studiert und später, von 1981 bis 1997, als Professor gelehrt. Dazwischen arbeitete er im Museum für Deutsche Geschichte in Ostberlin, konzipierte die dortige Ausstellung zur deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 mit. "Mit Videoaufnahmen habe ich nie gearbeitet", sagt Materna, bevor er die drei Stufen ins improvisierte Fernsehstudio hochsteigt, um dem Redakteur zu folgen, der ihn aus seinem eigenen Geschichtsstudium kennt und zum Interview gebeten hat. "Willkommen im Jahrhundertbus", begrüßt er Materna.

Kartoffelkäfer und Upton Sinclair

Eine Stunde reden die beiden, über das Singen antifaschistischer Ernst-Busch-Lieder im Internat in Brandenburg, über die marode Landwirtschaft nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Startbedingung vergesse man ja gern, wenn man über die Pleite DDR-Wirtschaft spotte, sagt Materna. Der Interviewer fragt ihn nach dem Anti-Amerikanismus, über die damals in der DDR gestreute Mär, eine Kartoffelkäferplage sei auf die Abwürfe der Schädlinge durch US-Flugzeuge zurückzuführen. "Ach, wissen Sie", sagt Materna, "wir haben damals Musik von Glenn Miller gehört und Bücher von Upton Sinclair gelesen. Die Kritik an den USA war keine generelle, sondern eine an gewissen politischen Entwicklungen dort." Als später Sinclair wegen seiner Abkehr von der Sowjetunion in der DDR nicht mehr verlegt wurde, habe man sich die Werke trotzdem beschaffen können.

Bis Ingo Maternas Interview online stehen wird, werden wohl noch einige Wochen ins Land ziehen - die vier Redakteure erzählen schon jetzt von Überstunden en masse. Knopp und Jörges hoffen auf weitere Unterstützer, um die Redaktion ausbauen zu können. Spätestens dann, wenn das Projekt die erhoffte Resonanz erhält und sich viele Zeitzeugen von selbst melden, wird das dringend nötig sein. "Die von oben gemachte Geschichte können wir so von unten ergänzen", sagt Peter Lautzas, der Vorsitzende des Geschichtlehererverbandes, der für die Nutzung des Internet-Archivs in den Schulen sorgen will. Es gibt einen Mitmach-Kanal, auf den jeder eigene Zeitzeugen-Interviews hochladen kann. "Natürlich geht nichts ins Netz, was die Redaktion nicht geprüft hat", sagt Knopp. Wer bei "Gedächtnis der Nation" als Gesprächspartner zurückgewiesen oder verkürzt wiedergegeben wird, kann aber zumindest online Einspruch erheben.

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18:30 07.10.2011

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