"Werft keine Schatten"

Eventkritik Schüler basteln Solarmobile, Autohersteller produzieren fürs Schaufenster: Die Umwelttechnologie-Messe „Clean Tech World“ nimmt sich der Elektromobilität an

Das Auto der beiden Mädchen kann sprechen. Es hat zwei Stimmen. „Erneuerbare Energien sind viel zu teuer“, sagt die eine, die männliche. „Atomenergie ist unverantwortlich, nicht erst seit Fukushima“, sagt die andere, weibliche.
Elektromobilität ist das Hauptthema der Clean Tech World, die „Messe für Umwelttechnologie und Nachhaltigkeit“ auf dem stillgelegten Berliner Flughafen Tempelhof. Mit Elektromobilität haben sich die zwei Neuntklässlerinnen aus Frankfurt beschäftigt, ebenso Dutzende anderer Schüler und Schülerinnen, die an diesem Nachmittag durch die Tempelhofer Hangars laufen. In Physik-Kursen und in ihrer Freizeit haben sie Solar-Mobile gebastelt, so groß wie ferngesteuerte Autos, aber nun angetrieben von der Sonne, die durch das geöffnete Hangartor auf die Solarzellen knallt. Die Jugendlichen wurden nach Berlin zum Solarmobil-Wettbewerb eingeladen vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, das Deutschland zum „Leitmarkt für Elektromobilität“ machen will, und vom Verband der Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (VDE), der tatsächlich so heißt.

Nur Metaphern

In der Kreativ-Schiene des Wettbewerbs treten die beiden Frankfurterinnen an, mit einem Mobil, das aus einem Kopf und zwei Händen besteht: Zur giftgrünen Gesichtshälfte gehört eine Hand, die Geldscheine, Schmuck und rauchende Kühltürme hält und für die Interessen der Atomenergie steht. Die Hand der gesunden, hautfarbenen Gesichtshälfte trägt einen blühenden Apfelbaum und repräsentiert die erneuerbaren Energien. Aus dem Kopf erklingen die beiden miteinander diskutierenden Stimmen vom Band. „Dieses Auto besteht vollständig aus Metaphern“, sagt eines der Mädchen.

Eine Halle weiter haben Hersteller von Elektroautos ihre Fahrzeuge aufgebaut, und dass auch die wenig mehr als Metaphern sind, erklärt einer der Vertreter vor seinem 35 000 Euro teuren Modell. „Cool finden das alle, aber der Kunde kauft rein nach Preis.“ Und der ist bei einer Reichweite von 150 Kilometern und einer Ladedauer von sechs Stunden nicht rentabel. „Derzeit geht es rein darum, zu zeigen, dass man dabei ist bei der Elektromobilität.“ Eine Million ausschließlich mit Strom betriebener Autos will die Bundesregierung 2020 in Deutschland auf den Straßen wissen. Bei der Internationalen Automobilausstellung in Frankfurt gab es kürzlich erstmals eine eigene Halle für die Elektroautos.
In Tempelhof kann man die geräuschlosen Kleinwagen durch den leeren Nachbar-Hangar und über das stillgelegte Rollfeld fahren. „Ist aber nicht so groß die Auswahl diesmal“, sagt der ADAC-Vertreter, der an seinem Stand die Führerscheine für die Testfahrten kontrolliert. „Letztes Jahr gab es hier mehr verschiedene Fahrzeuge.“

Dafür gibt es einige andere Dinge für elektrisch angetriebene Räder aller Art: Vom nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip wiederverwendbaren Staubsauger über einheitliche Stromstecker für verschiedene Elektrofahrrad-Typen bis hin zur deutschen Vertretung des Europäischen Parlaments, die Klimaschutz-Flyer ausgelegt hat. Und es gibt den Solarmobil-Wettbewerb. Der soll dafür sorgen, dass sich hierzulande viele nach dem Schulabschluss für ein Elektrotechnik- oder Maschinenbau-Studium entscheiden und deutsche Elektroautos zu Verkaufsschlagern machen. Die beiden Frankfurterinnen müssen sich geschlagen geben; die Jury aus Ministeriums- und VDE-Vertreter hat das Modell „Don’t stop the music“ zum Sieger gekürt. Es hat Reifen aus CDs und spielt beim Fahren eine Schallplatte ab.

Dürfen und Müssen

Nebenan hat der Renn-Wettbewerb begonnen, wo es nicht um Kreativität in der Gestaltung, sondern um Geschwindigkeit geht. „Wer gewinnt, muss Technik studieren“, sagt der Vertreter des Bildungsministeriums ins Mikrofon, bevor er die schwarz-weiß karierte Fahne zum Start herunterreißt. „Und wer verliert, darf Technik studieren.“ Jungs setzen ihre mit Solarzellen gespickten Autos auf eine Holzbahn und lassen sie auf eine zehn Meter gegenüber liegende Plexiglasscheibe zurasen. Von dort lässt sie eine am Heck angebrachte Feder zurückprallen und in Richtung Ziel fahren. Zuschauer reißen die Hände hoch, jubeln, eines der unterlegenen Fahrzeuge hat ein Rad verloren. Bevor die nächsten an den Start gehen, ermahnt der als Kommentator eingekaufte Radiomoderator: „Werft ja keine Schatten auf die Bahnen eurer Gegner.“

Die Messe fand vom 30.9. bis 2.10.2011 in Berlin statt.Clean Tech World

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Geschrieben von

Sebastian Puschner

Stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter „Politik“

Sebastian Puschner studierte Politik-, Verwaltungswissenschaften und Philosophie in Potsdam und wurde an der Deutschen Journalistenschule in München zum Redakteur ausgebildet. Bei der taz arbeitete er als Redakteur im Berlin-Ressort. 2014 wechselte Sebastian Puschner zum Freitag, wo er den monatlichen Wirtschaftsteil mit aufbaute. Seit 2017 ist er verantwortlicher Redakteur für Politik, seit 2020 stellvertretender Chefredakteur. Er interessiert sich besonders für Politik und Ökonomie von Hartz IV bis Cum-Ex sowie für Fragen zu Geopolitik, Krieg und Frieden.

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