seriousguy47
28.05.2012 | 01:42

Giulio Cesare oder Das Wunder von Salzburg (Arte 27.05.2012)

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied seriousguy47

Für mich war es eine Premiere: Zum ersten Mal schaffte es das „Regietheater“ nicht, mir eine Oper so zu vergällen, dass ich mich mit Magengrimmen abwandte. Händels Musik war einfach zu schön. Und das Ensemble zu gut. Zwar war der Anfangchor nebst Andreas Scholl ein Fehlstart, weil (zumindest in der Fernsehübertragung) zu leise, aber bereits bei Anne Sofie von Otters großartiger erster Arie als Cornelia war die Regie mit ihrem deplatzierten Ölkriegsszenario und herumliegenden Echsen und Krokodilen machtlos. Und beim ersten Auftritt von Cecilia Bartoli als Cecilia Bartoli waren die Zumutungen der Regie vollends vergessen. Befriedigt konnte man feststellen, dass Bartoli auch bei Cleopatra passt. Selbst bei „Ihr Augen wie Sterne“. Wunderbar. Und ein Vorgeschmack von dem, was noch kommen sollte (z.B. „Se pietà...“ mit anschwellender Publikumsexstase). Trotz anfänglichem Militärkostüm und Drohnen-Ritt, die die Regie hier für angebracht hielt. Zumindest Brecht hätte wohl seine Freude gehabt: Glotzt nicht so romantisch! War jetzt aber dummerweise eigentlich nicht Weill, sondern Händel....Trotzdem Szenenbe(i)fall für die Ironie. Und berechtigter Jubel für die Bartoli.

Im Zickenkrieg der Countertenöre bekam Philippe Jaroussky als Sextus zu Recht das erste Bravo, obwohl die Regie nichts unversucht ließ, ihn so unattraktiv wie nur möglich zu verunstalten. Kurzhosig bis zum Knie und mit Hosenträgern, war er eher die ideale Adresse für lüsterne katholische Pfarrer als der Rächer des Vaters. Aber nicht einmal die Ablenkung durch diese Verunstaltung konnte verhindern, dass man den Kontrast zur schwächelnden Stimmgewalt von Andreas Scholls Julius Cäsar schmerzlich konstatieren musste. Scholl singt schön, aber er schafft(e) offenbar die auf d(ies)er Bühne erforderliche Dramatik nicht. Jarousski schaffte das und zusammen mit Händel (Il Giardino Armonico!!) und Anne Sofie von Otter als Cornelia („Nur Weinen kann ich noch...“) auch noch ein Wunder an Innerlichkeit und Schönheit. Unglaublich! Jubel! ….Das habe ich übrigens schon geschrieben, bevor es tatsächlich passierte.....

Überhaupt: dieser Euroviosion Contest der Countertenöre war – neben Bartoli und Il Giardino Armonico - eines der Alleinstellungsmerkmale dieser Aufführung. Peinlich, dass die Herrschaft, die die Ankündigung in der TV-Programmzeitschrift verfasste ausgerechnet Jochen Kowalski vergaß, einen Pionier und immer noch Meister des Faches, der ...nun ja.... als Eunuch Nirenus ebenso wenige Wünsche offen ließ wie Christophe Dumaux als Ptolemäus! Auf seine Weise war Kowalski sozusagen der heimliche Star in der Nebenrolle. Und Christophe Dumaux ist sicherlich klug genug, zu wissen, dass das erste Buh nicht ihm sondern der Regie galt, die ihm zumutete, im Gedärm zu wühlen und auch noch „hineinzubeißen“. Gesanglich und darstellerisch war er als Bushido des Barock jedenfalls untadelig. Und dass er sich später innerhöslich das Gemächte reiben musste, obwohl vermutlich Scharen von Fans Schlange stehen würden, um das für ihn zu erledigen, war eine weitere Redundanz dümmlicher Beflissenheit eines hilf- und geschmacklosen Regietheaters, die aber, Gott sei Dank, nicht typisch für die Regie insgesamt war.

Danach erwartete ich Jarousski in Unterhose. Es war dann aber doch „nur“ wieder die kurze Hose, knielang. Dafür zog er das Hemd aus, was auch nicht gerade nach Mens' Health aussah. Sorry, Philippe.“ Es ist die Stimme, ihr Idioten!“, möchte man sagen. Und dann muss er auch noch Selbstmordattentäter spielen......Oh Herr, schmeiß eine schöne Arie dazwischen! ….Leider nur Pause.... Und danach wuchtet sich ein mächtiger Bass (Ruben Drole, Achilles) durch seine Arie, bevor Bushido Dumaux anscheinend mit dem Gedanken an Ehrenmord an der Bartoli spielt und sie ins Maul des Krokodils schiebt, das Anne Sofie von Otter in weiser Voraussicht bereits im ersten Akt wieder verlassen hat. Stark gemischte Gefühle beim Publikum. Zu Recht.

…..Wie weitsichtig Händel komponierte, hatte sich bereits vorher erwiesen, als die Regie auf die Idee kam, Andreas Scholl zur Bartoli ins Bett zu beordern. Nein, ich rede jetzt nicht von Bumsen auf offener Bühne. Das muss man wohl mittlerweile ohnehin akzeptieren. Aber dass ausgerechnet der Scholl ausgerechnet bei der Bartoli oben liegen sollte, das war dann doch zu abwegig. Händel trieb ihn - Gott sei Dank – rechtzeitig aus dem Bett......

Und dann endlich eine der Arien der Arien: „Piangerò“/ „Tränenreich“.....Beim mittlerweile regievergifteten Protokollanten mit begrenzter Wirkung, aber beim offenbar noch entspannten Publikum berechtigter Jubel.

Danach singt, frisch dem Meer entstiegen, Andreas Scholl sehr schön, aber zu leis von Cleopatra und anderem und bekommt nun auch seine Bravos. Der fürchterlich mit Marmelade bekleckerte Achilles (soll wohl Blut sein) muss noch unbedingt etwas singen, bevor er stirbt und zieht so die Aufmerksamkeit von Jochen Kowalski auf sich, wodurch sich die Szene soweit beruhigt, dass Scholl Jarousski entbomben kann. Die Counters sind nun quasi als "neue Männer"unter sich. Und Jarousski. der so gar nicht zum Kostüm passenden Aufgabe entledigt, kann nun wieder befreit von Rache singen. Die erledigt jetzt ja ein anderer - der dafür nicht mehr so erfrischend jugendlich singen kann. So gleicht sich alles wieder aus.

Und die Regie gerät auch wieder in den Hintergrund. Denn jetzt langen Händel und Bartoli so richtig zu. ...Na ja, dass sie Scholl ausgerechnet an der Kraft seiner Arme erkennt.....-:) Das passte wohl schon beim Kastraten Senesino nicht, für den die Rolle komponiert worden sein soll. Sagte jedenfalls Scholl in der Pause.....Urheberecht, wem Urheberecht gebührt....Und die Bartoli trällert glücklich dazu und schmückt noch schnell einen Christbaum … äh … Bohrturm...

Dann, Herrjeh, eskaliert überraschend der Zickenkrieg der Countertenöre. Ausgerechnet Ministrant Jarousski tötet Bushido Dumaux und Anne Sofie von Otters Freude klingt irgendwie nicht wirklich überzeugend. Schmerz kann sie offenbar besser.....Jarousski scheint derweil seine Tat nicht ganz geheuer, verzweifelt jubiliert das Orchester, verzweifelt machen Cleopatra & Co auf lustig und ich merke endlich, dass ich nicht weiter auf das „Largo“ zu warten brauche. Das gehört nämlich zu Xerxes. Leider.....Und dann resigniert selbst Händel zeitweise vor dem Libretto und dem Protokollanten fällt auch nichts Böses mehr ein....bis Bartoli und Scholl höchst verliebt losträllern und der pflichtgemäßen Langeweile ein Ende setzen. Ja, die Bartoli erweckt offenbar selbst bei dem Scholl noch die jugendlichen Rest-Hormone. Ein Prachtweib! Da wird auch gleich der Beifall wieder lauter.

Bei mir allerdings will am Schluss keine rechte Stimmung mehr aufkommen. Da fiel auch Händel kein so rechter Höhepunkt mehr ein, der mir die Regie aus dem Gemüt hätte blasen können. Das Largo noch. XXL-Version. Dann Vorhang. Das wärs! Stattdessen lässt die Regie zur Hochzeit einen Panzer auffahren, der dann, Gott sei Dank, doch nicht ins Publikum schießt. Sonst wäre auch noch der Schlussapplaus ausgefallen. So viel breit gestreuten Solistenjubel habe ich noch nie erlebt. War aber auch ein sensationelles Ensemble. Unglaublich! Ein Ereignis.

Soviel zum „Wunder“. Dass ich Giovanni Antonini und Il Giardino Armonico dabei nicht eigens abhandle, zeigt, dass sie so sehr Teil des „Wunders“ waren, dass sie mir fast gar nicht auffielen. Das hätten sie wohl auch nur negativ können – wie gelegentlich der Herr Thielemann, wenn er die Sänger egomanisch zudonnert. Ich stelle jedenfalls fest, dass ich Il Giardino Armonico in dienender Funktion genauso liebe, wie wenn sie selbst die Stars sind.

Hätte ich nicht nebenher protokolliert, das Regietheater hätte hier wohl endlich einmal auf ganzer Linie bei mir verloren. Man vergaß es einfach. Und was könnte demütigender sein. Was nicht ausschließt, dass es deutschen Stümpern doch gelungen wäre, alles zuzuscheißen. Aber, Gott sei Dank, hier wurden keine deutschen Neurosen ausagiert. Und wenn auch die zwanghafte „Modernisierungs“- Sucht sich wieder einmal austobte, war es doch intellektuell nachvollziehbar und hinreichend ästhetisch. Offenbar gewinnt selbst das Regietheater, wenn platte deutsche Dümmlichkeit entfällt. Dennoch berechtigte Buhs. Cäsar war nun einmal kurz vor Christus und Händel ist kein Zeitgenosse. Das könnte man vielleicht endlich einmal akzeptieren.

Allen Genießern sei jedenfalls das Nach-Sehen bei ARTE empfohlen. Und, falls mit Getränk: Bitte auf Exzellenz achten! Die gibt es zwar nicht immer in der Staatsoper. Aber immer bei ALDI. Anders als Regietheater muss Exzellenz nämlich nicht teuer sein......Ich selbst werde es auch noch einmal anschauen. Diesmal nicht zum "Protokollieren", sondern zum Genießen.

Das Ensemble: Giovanni Antonini (Dirigent), Andreas Scholl (Jules César), Cecilia Bartoli (Cléopâtre), Anne Sofie von Otter (Cornelia), Philippe Jaroussky (Sextus), Christophe Dumaux (Tolomeo), Jochen Kowalski (Nireno), Ruben Drole (Achille), Peter Kálmán (Curio), l'Orchestre Il Giardino Armonico • Regisseur: Olivier Simonnet • Inszenierung: Moshe Leiser et Patrice Caurier • Ausstattung: Christian Fenouillat • Autor / Komponist: Georg Friedrich Haendel, Nicola Francesco Haym (Livret) • Produzent: ARTE France - Clasart Classic - Bel Air Media - ORF Agostino Cavalca (Costumes), Christophe Forey (Lumières), Konrad Kuhn (Dramaturgie), Beate Vollack (Chorégraphie)

liveweb.arte.tv/de/video/Cecilia_Bartoli_Andreas_Scholl_Jules_Cesar_Haendel_Pfingstfestspielen_Salzburg/

de.wikipedia.org/wiki/Giulio_Cesare

Update 29.05.2012:

Mein "Live Ticker" scheint nicht nur schnell, sondern auch einigermaßen zutreffend gewesen zu sein. Das jedenfalls schließe ich aus den ersten "offiziellen" Kritiken, wo einige "Ähnlichkeiten" mich "schmunzeln" lassen.

www.welt.de/print/die_welt/kultur/article106385557/Cecilia-oder-Cleopatra-Koenigin-ist-sie-immer.html

www.berliner-zeitung.de/theater/pfingstfestspiele-salzburg-sekt-und-soldaten,10809198,16129636.html

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