London Riots 2011: Die Ära Thatcher (1)

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Im Grunde scheint mir in der aktuellen Jugendrandale in England - weiter draußen am Rande - jener Zerfall bzw. jene Abwesenheit von Strukturen und Bindungen, und die Unfähigkeit zum Dialog zwischen den sozialen Klassen weiter zu wirken, die bereits zur Zeit von Thatchers Machtübernahme maßgeblich mitverantwortlich für Großbritanniens Niedergang gewesen waren. Statt gemeinsam einen notwendigen wirtschaftlichen Strukturwandel in Angriff zu nehmen, bekriegten sich Arbeit und Kapital erbittert und die spezifische Organisation und Vorgehensweise der britischen Gewerkschaften förderte dies. [1]

Auf der politischen Ebene setzten die Parteien – bedingt u.a. durch das im Zweiparteiensystem zementierte „class based voting“ - diesen Klassenkampf um des bloßen Klassenkampfes willen fort. [2] Eine Wirtschaftskrise löst man so aber eher nicht. Falls der etwas andere Weg in der Bundesrepublik beispielhaft ist, dann bedarf es dazu eher einer Machtbalance und Kooperationsbereitschaft zwischen Kapital und Arbeit. Und der Typus einer echten, über die Repräsentation von Kapital und Arbeit oder Oben und Unten hinaus reichenden, „Volkspartei“ dürfte zumindest in der Vergangenheit auf der politischen Ebene ebenfalls zur konsensualen Problemlösung besser geeignet gewesen sein.

Ganz subjektiv aber schien und scheint mir in Großbritanniens gesellschaftlichen Auseinandersetzungen gelegentlich ein Übermaß an „Pubertät“ und ein Mangel an erwachsener Ernsthaftigkeit zu herrschen – um das mal etwas platt zu formulieren. Und was damals, vor Thatcher, als Klassenkampf verstanden wurde, hatte in meinen Augen teilweise schon Züge pubertärer (antiautoritärer) Revolte und Verantwortungslosigkeit, dem dann damals konsequenterweise der Ruf nach der starken Mammi folgte, die dann auch energisch durchgriff. Der „neue (konservative) Mann“ Cameron macht in der aktuellen Situation, offenbar solch durchaus konservativer Tradition folgend, auf starker Pappi. Was traditionellem konservativen Paternalismus deutlich näher ist, als die seit Thatcher immer wieder propagierte Selbstverantwortlichkeit des möglichst deregulierten Individuums der „Demokratie der Eigentümer“.

Auch die Art, wie der Konflikt in Nordirland ausgetragen wurde, scheint mir zumindest partiell solche pubertären Züge aufgewiesen zu haben. Letztendlich ist es egal, ob man es dann marxistisch oder anderweitig religiös begründet. Etwas anders würde ich die islamistischen Selbstmordattentate einschätzen. Da scheint mir die Grenze zum religiösen Wahn überschritten.

Inwieweit dieses pubertäre Element mit der paternalistischen und entmündigenden Art von Wohlfahrtsstaat im damaligen Großbritannien zusammenhängt, vermag ich nicht zu sagen. Aber vielleicht macht es schon einen Unterschied, wie weit die Bürger mitdenken und mitentscheiden muss. Das fing damals schon beim Ausstellen eines ärztlichen Rezeptes an. Der Uniarzt meinte, er werde mir etwas verschreiben „to kill the germs“. Der Apotheker füllte Tabletten aus einem großen in ein kleines Glas, klebte ein beschriftetes Etikett darauf und übergab es mir. Dass es ein Antibiotikum gewesen sein muss, erfuhr ich erst viel später von meinem Hausarzt zuhause, den ich wegen der Nachwirkungen konsultierte.

Im deutschen Sozialstaat bekam und bekommt man dagegen einen Beipackzettel, den man ohne ein paar Semester Medizin gar nicht versteht, und der gelegentlich dazu führt, dass die Verschreibung im Müll landet und man von selbst wieder gesund wird. Im besten Fall aber ist man informiert und kann im Zweifel auch selbstverantwortlich Entscheidungen bezüglich der Einnahme treffen. Zu Mitdenken und Mitverantwortung könnte auch die Beitragsfinanzierung in Deutschland einladen. Anders als es bei der weitgehenden Steuerfinanzierung in GB der Fall ist, bekommt man hier nämlich zumindest selbst und individuell mit, dass Kosten und Beiträge steigen und könnte sein persönliches Verhalten daran anpassen. Definitiv mehr Eigenverantwortung bringt eine selbstverantwortete Arztwahl mit sich. Und die war, vereinfacht gesagt, in Deutschland damals wesentlich freier. Das mag im Klein Klein eines einzigen Aspektes des Wohlfahrtsstaates bedeutungslos erscheinen, könnte aber in der Summe vielleicht schon eine „erwachsenere“ Einstellung des Bürgers zum (Sozial-) Staat bewirken als dies in einem Wohlfahrtssystem der Fall ist, wo mehr über den eigenen Kopf hinweg entschieden wird. Thatchers Politik musste unter solchen Umständen umso härter erscheinen.

Damit es keine Missverständnisse gibt: Ein freieres, mehr Selbstverantwortung einforderndes Gesundheitssystem muss nicht auch besser sein. Der britische NHS ist beispielsweise – zumindest oberflächlich betrachtet - wesentlich kostengünstiger als das deutsche (oder gar amerikanische) System und als der OECD-Durchschnitt.[3]

Der Beginn der Ära Thatcher, in der sich da einiges zu ändern begann, fiel in etwa mit dem Ende meiner Love Affair mit Großbritannien zusammen. Die Zeit vor Thatcher würde ich also aus eigener Anschauung kennen, hätte ich damals bewusst darauf geachtet. Die Ära Thatcher kenne ich - sieht man von zwei beruflichen Kurzaufenthalten in England und Wales ab - allenfalls aus den Medien, insbesondere den entscheidenden Wahlkampf zwischen Thatcher und Callaghan, denn damals hatte ich noch meine Studentenabos von OBSERVER und TIME Magazine. Die Ära Blair kenne ich aus eigener Anschauung gar nicht mehr. Entsprechend dünn unterlegt ist das, was ich dazu sagen kann. Versuchen möchte ich es trotzdem.

1971/ 72 weilte ich studienhalber in Nottingham. Im Nachhinein scheint es mir, Leben und Haus einer meiner Vermieterinnen damals spiegelten in überspitzter Form den vor-vor-Thatcherischen Zustand der britischen Gesellschaft. In einem Raum, der mit abgenutzten, aber exquisiten Tapeten ausgekleidet und schweren roten Samtvorhängen behängt war, residierte sie zwischen Stilmöbeln und allerlei tatsächlichen oder scheinbaren Kostbarkeiten. Und über allem ein Hauch von Moder und Verfall. Mein eigener Raum war feucht, schimmelig, hässlich und kalt. In der Küche, die ich mitbenutzen durfte und die eher noch schlimmer war als mein Zimmer, war alles, Pfannen, Töpfe, Geschirr und Einrichtung, alt, heruntergekommen und verdreckt. Ich war einiges gewöhnt, aber solches hatte ich bis dahin noch nicht gesehen.

Ganz im Kontrast dazu, strahlte meine Vermieterin eisern einen Hauch von vornehmer Würde und Bürgerlichkeit aus, der mit ihren Lebensumständen nicht mehr in Übereinstimmung zu bringen war. Wie verzweifelt ihre Lage gewesen sein muss, zeigte sich, als sie beim Zahlen der Miete plötzlich auf einer sehr viel höheren Summe bestand, als vereinbart, und auf meine Einwände ziemlich entsetzt reagierte. Es kam zu einer ziemlich erbitterten Auseinandersetzung nebst Kündigung, bevor sich herausstellte, dass sie noch nach dem alten System gerechnet hatte, während ich mich an dem neu eingeführten Dezimalsystem orientiert hatte.

Dass sie danach die Kündigung, wohl aus purer wirtschaftlicher Not, wieder zurücknahm, nahm ich damals nicht wahr. Ich war froh, einen Grund für eine neue Zimmervermittlung zu haben. Die Frau wirkte auf mich arrogant, unverschämt und nicht ganz von dieser Welt. Ich nahm zwar die blätternde Fassade wahr, nicht aber, was menschlich dahinter stecken könnte.

Ähnlich war es damals wohl um die britische Gesellschaft insgesamt bestellt. Man lebte inmitten der Relikte des untergegangenen Empire, Queen und Adel inklusive, und dem Glamour und Glitter der Popkultur, während auf der anderen Seite die alte Industrie zerfiel, ohne dass genügend Neues nachwuchs. Verelendung und Verdreckung nahmen zu. Ein Hauch von Schäbigkeit lag zumindest über den industriellen Teilen des Landes. Aber irgendwie ging alles seinen selbstverständlichen Gang. Und über allem ein etwas befremdlicher Hauch von britischem Bessermenschentum und Großmachtswahn.

Während aber die alte Dame durch ihr Alter und ihren körperlichen Zerfall daran gehindert war, von sich aus etwas anderes gegen ihre Misere zu tun, als ein unzumutbares Zimmer an Studenten zu vermieten, war die britische Gesellschaft wohl eher durch die schon mehrfach genannte Klassenstruktur und deren Rituale blockiert, die noch stark vom 19. Jahrhundert geprägt waren.

Meine ganz persönliche Erfahrung damit machte ich während des Bergarbeiterstreiks im Winter 1972. Während der periodischen Stromabschaltungen aus Kohlemangel, tippte ich, in Schlafsäcke gehüllt, mit blauen Fingern und bei, mit durch Alufolie reflektiertem, Kerzenlicht mein Referat über die westdeutsche Wiederbewaffnung und hoffte mit dem Rest der Stadt darauf, dass die in den Zeitungen angekündigte Kerzenlieferung aus Germany noch vor dem Wochenende eintreffen möge – denn die Kerzen waren landesweit ausverkauft.

Am Rande nahm ich die Auseinandersetzungen zwischen Streikposten und potentiellen Streikbrechern zur Kenntnis, oder dass streikende Bergarbeiter hin und wieder Alte und andere Kohlebedürftige in akuter Not mit derselben versorgten.

Zuhause in Deutschland scheint dies zu einer ziemlich hysterischen Berichterstattung in den Medien geführt zu haben. Vor Ort konnte ich nichts dergleichen feststellen. Die Gelassenheit färbte selbst auf uns Auslandsstudenten ab. Und dieser Streik war ja auch absolut harmlos im Vergleich zu dem, was später folgen und erst zum Sturz von Edward Heath und später von James Callaghan führen, und schließlich im Showdowm zwischen Margaret Thatcher und den Gewerkschaften 1984-85 enden sollte. [4 ]

[1] www.zeit.de/1974/06/arbeitskampf-statt-arbeitsrecht/komplettansicht?print=true

www.spiegel.de/spiegel/print/d-43334931.html

www.mao-projekt.de/INT/EU/GB/UK_Eisenbahnen.shtml

www.spiegel.de/spiegel/print/d-42891537.html

www.spiegel.de/spiegel/print/d-41784215.html

de.wikipedia.org/wiki/Gewerkschaft#Gro.C3.9Fbritannien

de.wikipedia.org/wiki/Streikposten

en.wikipedia.org/wiki/Picketing_%28protest%29

de.wikipedia.org/wiki/Closed_Shop

[2]

www.bpb.de/publikationen/09530855620527655440712531274099,1,0,Politische_Willensbildung.html

www.perspectivia.net/content/publikationen/adef/rohe-schmidt_krise/setzer_parteiensystem

www.textfeld.ac.at/pdf/724.pdf

www.lehrer-online.de/426659.php?sid=52722896706006222128583608360290

de.wikipedia.org/wiki/Parteiensystem

[3] de.wikipedia.org/wiki/National_Health_Service

www.gesundheitspolitik.net/01_gesundheitssystem/ausland/gesundheitssysteme-national/england-de.pdf

www.gesundheitsseiten.de/start.php?nas=l,0350,0200

www.woz.ch/artikel/2010/nr05/international/18891.html

www.woz.ch/artikel/rss/20871.html

www.nilsbandelow.de/gbd12f.htm

www.medical-text.de/meldung.php?ID=191

www.focus.de/politik/ausland/einschnitte-im-britischen-gesundheitssystem-mandel-op-erst-nach-sieben-entzuendungen_aid_650076.html

[ 4] news.bbc.co.uk/onthisday/hi/dates/stories/january/22/newsid_2506000/2506715.stm

en.wikipedia.org/wiki/Winter_of_discontent

en.wikipedia.org/wiki/UK_miners%27_strike_%281984%E2%80%931985%29

normanstrike.wordpress.com/2010/

Ursprünglich am 12.08.2011 22:52 Uhr unter anderem Titel eingestellt.

22:17 13.08.2011
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
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