„Mehr Salz in der Mediensuppe“

kontextwochenzeitung Am 1. Mai 2013 feierte die kontext:wochenzeitung ihr zweijähriges Bestehen/ Überleben. Die Stuttgarter Querschläger-Szene feierte mit.
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Der erste Mai ist ja nun schon ein Weilchen her. Aber man hat schließlich hin und wieder auch noch anderes zu tun. Und es ist ja auch nur etwas für den kleinen Hunger zwischendurch.....

Laut einer Anekdote soll es im ersten Weltkrieg in der österreichischen Armee einen intelligenten Soldaten gegeben haben, der aber ständig quer schlug. Also ließ der Oberst ihn kommen und schlug ihm vor, sich doch eine Kanone zu kaufen und sich damit selbständig zu machen.

Mit diesem, von einem Schweizer Kollegen übermittelten „Witz“ brachte Josef-Otto Freudenreich auf den Punkt, wie und weshalb es zur Gründung der kontext:wochenzeitung kam – die seit nunmehr 2 Jahren wöchentlich online und als Beilage der taz erscheint. Neben CamS21, fluegel.tv und zahlreichen Blogs ein unverzichtbares Medium für die intellektuelle Stuttgarter Querschläger-Szene im Allgemeinen und den Stuttgarter Widerstand im Besonderen.

Dass kontext dabei durchaus nicht singulär ist, zeigt sich schon an dem Ort, an dem gefeiert wurde: das von Werner Schretzmeier, Gudrum Schretzmeier und Peter Grohmann gegründete Stuttgarter Theaterhaus ist seit Jahren ein wichtiger Stachel im fetten Fleisch des Stuttgarter Staats-Spießertums.

Eine selbständig quer schlagende Kanone gibt es leider nicht mehr: der Widerstandszeitung "einund20" hat es finanziell das Genick gebrochen – und daran ändert auch das Geld nichts, das ich und andere ihr vorher noch schnell hinterher geworfen haben....

Dieser Wermutstropfen soll bei aller Feierlaune nicht verschwiegen werden. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass in einer Bewegung die „Verlierer“ verdrängt und vergessen werden. Und der traurige Hinweis schafft auch die Verbindung zum Festredner der kontext-Feier, dem Stuttgarter Kolumnisten und Flaneur Joe Bauer, der jüngst zu Spenden (Teil II) für die überschuldeten Macher von „einund20“ aufgerufen hat.

Unter der Überschrift „Mehr Salz in der Mediensuppe: 2 Jahre Kontext: Wochenzeitung“ verstand es Joe Bauer lesens- und hörenswert, die Ursprünge des linken ersten Mai mit der Situation in Stuttgart und der Lage der Medien zu verbinden. Und der „stern“ kriegte noch die „Hitler-Tagebücher“ übergebraten..... Ein paar Auszüge:

„….die Älteren unter Ihnen, die ihr Gedächtnis noch nicht im Trillerpfeifen-Konzert der Demos gegen Stuttgart 21 verloren haben, werden sich erinnern:
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Am 1. Mai 1886 erwacht in den USA der Widerstand gegen die Ausbeutung des Proletariats. Zehntausende Arbeiter ziehen durch die Straßen von Chicago, unter ihnen der Deutsche August Spies. Herr Spies ist ein hessischer Förstersohn, gottlob kein grüner Öko-Spießer, sondern Sozialist. Er ist einer der Führer der Arbeiterbewegung, hat in Chicago die deutschsprachige „Arbeiter-Zeitung“ gegründet. Von den Schissern der Sozialdemokratie hat er sich abgewandt und den revolutionären Anarchisten angeschlossen. Seine Kollegen von der bürgerlichen Presse hetzen deshalb gegen ihn, was das Zeug hält, und als in den Straßenkämpfen der ersten Maitage in Chicago eine Bombe explodiert, fordern die saturierten Propaganda-Blätter, ein Exempel zu statuieren. So geschieht es: Ohne den geringsten Beweis für eine Schuld verurteilt das Gericht August Spies zum Tod. Im November 1887 wird er zusammen mit drei Mitstreitern gehängt.
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16 Jahre später wird das Urteil annulliert, und daraus lernen wir: Eine korrupte Justiz gibt es nicht nur in Stuttgart.
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Der historische Mai von Chicago erzählt uns etwas: Zeitungen waren mal eine Macht. Zeitungen konnten einen Streik anzetteln und den Streikführer an den Galgen bringen. Viele glauben, das sei heute noch so ähnlich. In Wahrheit hat die Propagandamaschinerie der Gegenwart mit dem Journalismus der Bleizeit – Leute wie der kontext-Chef Josef-Otto Freudenreich kennen ihn noch aus der Praxis – nicht mehr viel gemein. Das hat nicht nur mit der Abschaffung des Galgens zu tun.

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Schon die unterdrückten Nachrichten sind die wahre Lüge. Hinzu kommt, dass denkfaule Journalisten heute das Lügen-Vokabular der Marketing-Politik übernehmen. Wenn Menschen entlassen werden, spricht man von Marktanpassung, wenn Zuschüsse gestrichen werden, von sozialem Ausgleich.

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Es ist ein Unding, wenn viele Leute der Meinung sind, Autoren- und Fotografenarbeit sei grundsätzlich umsonst zu leisten. Nur weil etliche Schnorrer heute in der Lage sind, in drei Zeilen fünf Fehler plus ein Handy-Foto von der jüngsten Demo auf Facebook zu posten.

Gut geschriebene Texte auf der Basis von Recherche und Fantasie kosten allerdings Geld....[und ARBEIT!!!!!-sg]...

Guter Journalismus kann Brücken bauen, Orte und Menschen zusammenbringen und damit einer Stadt mehr geben, als es die Typen aus den sogenannten Kommunikationsbüros der Politik und Wirtschaft tun. Bekanntlich sind diese PR-Leuchten nicht einmal in der Lage, den Aufzugführer zu informieren, bevor sie einen Fernsehturm schließen. Ich sage ihnen auch, warum: Sie verstehen Kommunikation nicht als Dialog zwischen A und B. Vielmehr sehen sie sich in einer Art von Größenwahn als Propagandachefs, als Spin Doctors, die ideologische Strategien entwickeln, wie A am cleversten B bescheißt. ….“

Die ganze Rede gibt es hier (Text) und hier (Video). Die anderen Reden:

Begrüssung durch Uli Reinhardt

Josef-Otto Freudenreich

Kalle Ruch, taz-Geschäftsführer



14:24 10.05.2013
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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