S21: Stuttgart stirbt

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Um 1:00 heute morgen begann die Firma Gredler & Söhne (0), unter dem lautstarken Protest tausender Demonstranten und bewacht von martialisch ausgerüsteten Hundertschaften der Polizei nebst 2 Wasserwerfern mit der Zerstörung des Stuttgarter Schlossgartens. Nachdem bereits das Stuttgarter Wahrzeichen und internationale Kulturdenkmal Bonatzbau durch den Abriss des Nordflügels zerstört wurde, bedeutet dies, dass nunmehr das Stuttgart, das es bis zum 2. Weltkrieg gab endgültig zerstört wird:

www.youtube.com/watch?v=7KbN21yGMFs&feature=player_embedded

"Last Call for an Elegant Rail Station" betitelte die New York Times bereits im Oktober 2009 ihr prophetisches Requiem für den Bonautzbau und traf damit ebenso den Nagel auf den Kopf wie mit den nachfolgenden Zeilen:

"The clash between builders and preservationists is as old as architecture itself, but it reached a fever pitch in the recent gilded age. And it is especially fraught in Germany, where the construction boom that began with the country’s reunification sometimes seems like a convenient tool for smoothing over unpleasant historical truths."

Und weiter heißt es:"Few current projects better illustrate this conflict than Stuttgart 21.....the design shows a callous disregard for architectural history. Its construction would require the partial destruction of one of the city’s most recognizable landmarks: the Hauptbahnhof, Paul Bonatz’s Stuttgart central rail terminal, a monument of early German Modernism built from 1914 to 1928."

"And in a particularly perverse gesture of “facadism” — a favorite tactic of bureaucrats and developers in which a few architectural elements are preserved while the rest of a structure is bulldozed — it would leave the station’s main hall and tower standing like some architectural amputee."

"Even more troubling, Stuttgart 21 joins a growing list of misguided projects that are reducing Germany’s 20th-century architectural history to a fairy tale version of the truth." (1)

Für mich als Deutschen und Stuttgarter ist es beschämend, solches in der New York Times lesen zu müssen - obwohl auch die FAZ hoch engagiert gegen die erneute kulturelle Barbarei politischen Spießertums in dieser meiner Stadt gekämpft hat.(2)

Ex-Ministerpräsident Oettinger dagegen, der außer Hochdeutsch und Englisch auch Kultur nicht kann - außer dem Geruch des Geldes riecht er wohl auch nichts - nannte den Bonatzbau schlicht und blöde "Hüttenkruscht" und stellte sich damit in eine fortlaufende Nachkriegstradition des regierenden Spießertums. Ex-OB Rommel, der gerne vorträgt oder niederschreibt, was er für launig hält, fand für das denkmalgschützte Boschareal den seinem Zivilisationsgrad gemäßen Ausdruck "altes Gerümpel". Und "am damaligen Oberbürgermeister Klett prallten die Proteste von Architektengrößen wie Le Corbusier, Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe gegen die Schocken-Zerstörung genauso ab wie heute die Stimmen von David Chipperfield und Richard Meier, nationalen und internationalen Denkmalschutzorganisationen gegen den Anschlag auf den Bahnhof an Wolfgang Schuster und den anderen Planungsträgern."(3)

Dies muss man wissen, um zu verstehen, warum die Stuttgarter sich jetzt so vehement gegen die endgültige Zerstörung ihrer Stadt und ihrer Heimat durch die platte Macht des hirnlosen Geldes wehren. Und warum es diesmal der "Geischt" ist, der sich besonders wehrt.

Die NYT irrt allerdings, wenn sie die architektonische Barbarei alleine im Zusammenhang mit der Wiedervereinigung sieht. Die Wahrheit ist wohl eher, dass der Erfolg, den die Nazis mit der Ausrottung der kulturellen und intellektuellen Elite Deutschlands hatten, bis heute seine ebenso traurigen wie mediokren Folgen zeitigt.

Was die allierten Bombardements in Stuttgart gnädig stehen ließen, das rotteten über die Jahre konservative Politiker im Verbund mit kulturlosen Architekten, Stadtplanern und Ingenieuren aus. Es blieben u.a. Stiftskirche, Fruchtkasten, altes Schloß und eben der Bonatzbau. Nur aufgrund massiven Bürgerprotests und -engagements haben wir noch das Neue Schloß, die Markthalle und das Wilhelmatheater. Sie alle hätten nach dem Willen der herrschenden Kulturlosigkeit eigentlich vernichtet werden sollen. "Nicht zum ersten Mal steht in dieser Stadt ein Baudenkmal auf der Kippe. Ein Rückblick auf die Geschichte zeigt: hätte die Politik sich immer durchgesetzt, wäre Stuttgart heute um zahlreiche Denkmale ärmer", resümiert Amber Sayah am 7.11.2008 in der Stuttgarter Zeitung und weist auch darauf hin, dass bereits eine Reihe von Scheußlichkeiten mit dem einfallslosen Spießer-Ettiket "Herz" versehen wurde. Ingenhoven steht mit seinem "neue[n] Herz Europas" also in einer Tradition der Unkultur, in die sein Bahnhof prächtig passt.(3)

Ein Kulkturdenkmal der besonderen Art sind auch die Anlagen, zu denen elementar der jetzt gerade in Vernichtung befindliche Mittlere Schloßgarten gehört:

"Welche Stadt hat eine derartige Fülle von Gartenanlagen und Interpretationen des Themas zu bieten? Stuttgart gelangte deshalb bereits im 17. Jahrhundert, vor allem aber im 19. Jahrhundert, zu Berühmtheit - zunächst an den dynastischen Höfen, später beim europäischen Bürgertum. Doch mit der Industrialisierung und der explosionsartigen Vergrößerung der Stadt im 19. und 20. Jahrhundert wurde dieser Schatz zunehmend vernachlässigt. Bezüge wurden aufgelöst, Parks und Gärten als Baulandreserve missbraucht." (4)

Makaber dabei: Mappus, Schuster, Ingenhoven und Grube stellen sich in eine Tradition mit "Planungen unter dem Hakenkreuz Hitlerdeutschlands - für ein Gauforum und eine Park-Autobahn in der Schlossgartenanlage."(4) Was Hitler nicht schaffte, die Herren vollenden es auf ihre Weise.

Mit der Zerstörung des Schlossgartens aber wird meine Heimatstadt zerstört. Der Tod von Stuttgart hat heute, am 1. Oktober 2010 gegen 01:00 Uhr begonnen. Pünktlich zum Tag der deutschen Einheit steht im Park zwar keine Mauer, aber ein Zaun, der die Umweltverbrecher vor den Bürgern schützt und die Bürger darin hindert, ungehindert ihren Park zu benutzen, den es demnächst ohnehin nicht mehr geben soll.

Auch sonst beweisen die herrschenden Barbaren plus Grube Sinn für historische Daten. An einem 11. September wurde der Vertrag für die Barbarei unterschrieben. An einem 13. August begann die Zerstörung des Bonatzbaus.

Und seit gestern, den 30. September 2010 hat OB Schuster auch gezeigt, was er und die CDU-FDP unter einem kinderfreundlichen Stuttgart verstehen. Zur Familiencard gibt es gratis und frei Haus den Polizieknüppel, einen brutalen Strahl aus dem Wasserwerfer und eine Extra-Portion Pfefferspray in die Augen. Macht aber nix, tut gar nicht weh. Innenminister Rech weiß das ganz genau. Und Mappus säuft derweil auf dem Volksfest. Schaut euch das Bild an. Soviel Wahrheit gibt es nicht alle Tage zu sehen.(5)

Prost!

Wie die Situation im Schlossgarten derzeit ist, weiß ich nicht. Ich bin gegen 1:30 zu Fuß nach Hause gegangen und bin jetzt auch schon wieder fast 3 Stunden online. Als ich ging, standen sich Polizei und ohnmächtig schockierte Demonstranten gegenüber, während 2 oder 3 schwere Maschinen Bäume niedersäbelten......

(0) (0) www.gredler-soehne.de/Rodung-Baufeldraeumung.90.0.html Für Geld tun die scheinbar alles.....

(1 )http://www.nytimes.com/2009/10/03/arts/design/03railway.html?_r=1&sq=Bonatz&st=nyt&scp=1&pagewanted=all

(2) www.faz.net/-00mb1c

www.faz.net/-00mkde

www.faz.net/-01hqan

www.faz.net/-01icsd

www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=227

(3) www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=226

(4) www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=230

www.kopfbahnhof-21.de/index.php?id=229

(5) www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,720579,00.html#ref=rss

05:45 01.10.2010
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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