Und der Spießer hat doch (nicht) recht......

Sarrazin Debatte In der aktuellen Sarrazin-Debatte hat sich der politische Diskurs in eigenen und Sarrazinschen Denkfallen verheddert. Es herrscht absurdes Theater unter der Gürtellinie.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das absurdeste an Sarrazin ist der Rummel, der regelmäßig um ihn herum stattfindet. Er ist ein durchschnittlicher Politiker. Wie andere auch. Er verbreitet durchschnittliche Stammtischparolen. Wie andere auch. Er schreibt durchschnittliche Bücher. Wie andere auch.

Weshalb also reagieren Teile der medialen Öffentlichkeit wie Pawlowsche Hunde auf jede seiner Äußerungen und machen ihn damit zum Mittelpunkt hoch emotionaler Debatten und seine Bücher zu Bestsellern?

Während meiner Zeit an einem Therapie- und Selbsterfahrungszentrum in Bayern war da ein Mann. Er hatte eine mittlere Position in einem großen Unternehmen, war ca. 20 Jahre älter als der Durchschnitt dort und kam aus Norddeutschland. Drei Einladungen für Aggressionen gegen ihn. Eines Tages platzte ihm der Kragen und er verbat sich, ständig als Projektionsfläche für negative Vatergefühle missbraucht zu werden.

An ihn musste ich angesichts der neuerlichen Erregung um Sarrazin denken. Was für eine dankbare Projektionsfläche für stehen gebliebene Alt-68er und ihre spät-pubertären geistigen Enkel, die am Sonntag (02.03.2014) brüllend eine Diskussionsveranstaltung des Cicero beim Berliner Ensemble sprengten und damit eindrucksvoll den Beweis für einen tatsächlichen „Tugendterror“ erbrachten, was Sarrazin selbst bis dahin nicht wirklich gelingen konnte, da dieser angeblich mehrheitliche mediale „Tugendterror“ in seiner Wahrnehmung erkennbar verzerrt wirkt. Und damit es auch ja keiner übersieht sagte eine Aktivistin es auch noch selbst:

"Wir sind die Kopftuchmädchen, der Tugendterror, die Gebärmaschinen und die Gemüsehändler" (mit der angeborenen Dummheit).“ (Jamal Tuschick in seinem FREITAG-Blog)

Die Peinlichkeit/ das Fremdschämen, die mich dabei überkamen haben mit der Erinnerung an meine eigene 68er-Zeit zu tun. Und auch beim zweiten Lesen von Georg Seeßlens FREITAGS-Attacke kam mir der Gedanke dazwischen, dass das streckenweise nach mir selbst klingt.

Besonders traurig an dem bornierten Verhinderungsgebrüll in Berlin war die Tatsache, dass just zuvor Jakob Augstein im ZDF genau das versuchte, was Zivilisation, Demokratie & Rechtsstaat letztlich vor dem gewalttätigen Auseinanderfallen bewahrt: den intellektuellen, den Gegner als Mensch respektierenden Disput an der Sache selbst entlang.

Mein erster Antwortversuch auf die oben aufgeworfene Frage wäre also: in einer etwas „vaterlosen“ Gesellschaft , in der scheinbar alles geht, ist Sarrazin ein willkommenes Fossil aus längst vergangenen autoritäreren Tagen. Wenigstens einer, an dem man sich reiben kann, während „Mutti“ gummiweich und unsichtbar durchregiert.

Eine zweite Antwort wäre, dass Sarrazin durch sein Alleinstellungsmerkmal verstört. Als SPD-Mitglied und dadurch dem gesellschaftlichen Mainstream zugehörig kann er zu Stammtischparolen geronnene Ängste unterhalb der bildungsbürgerlichen Mitte aufgreifen, ohne sich durch „Glatze“ & „Springerstiefel“ quasi von selbst außerhalb der Gesellschaft zu stellen.

Dazu kommt offenbar noch eine selektive (?) Belesenheit, mit der er versucht, seine Thesen quasi „wissenschaftlich“ zu unterfüttern, was dann selbst Stammtischparolen seriös erscheinen lässt und ihm im öffentlichen Diskurs einen Argumentationsvorteil verschafft, den man nur überwinden kann, wenn man sich der Mühe unterzieht, das alles nach zu recherchieren und ggf. als einseitig und nicht repräsentativ zu entlarven. Das wäre eine dritte Antwort.

Vielleicht müsste man dann auch noch Eric Bernes "Spiele der Erwachsenen" zu Rate ziehen, um zu durchschauen, was für ein „Spiel“ da in der Debatte nach welchen Regeln abläuft. Mir jedenfalls scheint, dass da fast alle in einem absurden Theater gefangen sind und weit jenseits einer Sachargumentation reflexartig die ihnen zugewiesenen Rollen übernehmen und sich dabei auch noch in tradierten Denkfallen verheddern, aus denen sie sich weder befreien wollen noch können, wenn das Spiel erst einmal auf Touren kommt. Am Ende läuft sich das Ganze tot, Emotionen sind abreagiert, man fühlt sich toll oder verletzt, und geändert hat sich weder im Kopf noch in der gesellschaftlichen Wirklichkeit etwas. Fortsetzung folgt. Sarrazin ist der perfekte Polit-Autor für die Grabenkriege der bloggenden Empörungsgemeinden.

Wie macht Sarrazin das nun aber konkret?

Ich selbst habe keines seiner Bücher gelesen und habe dies auch nicht vor. Es gibt wichtigeres, als über jedes Stöckchen zu springen, das mir die Medien vor die Nase halten. Gelesen habe ich seinerzeit das lettre-Interview und aktuell ein Interview in Focus-Money. Dazu habe ich mir noch den o.a. Disput mit Augstein angeschaut. Mehr an Sachinformation zum aktuellen Buch habe ich nicht zur Verfügung. Aber vielleicht reicht es trotzdem aus, um wenigstens ansatzweise zu erkennen, was in den Sarrazin-Debatten schief läuft und warum.

Als Beispiel soll der Sarrazinsche Begriff der „Sozialen (Un-)Gleichheit“ dienen:

Zentral geht es dabei um die Ideologie der Gleichheit in der Tradition von Rousseau bis Karl Marx. Diese zielt nicht auf Chancengleichheit, sondern auf Gleichheit der Ergebnisse.

..

Natürlich muss der Staat in einer Marktwirtschaft für einen angemessenen sozialen Ausgleich und insoweit auch für Umverteilung sorgen. Als Kern des Tugendterrors spreche ich aber einen ideologischen Gleichheitswahn an, der alle natürlichen Unterschiede zwischen Menschen und alle kulturellen Unterschiede zwischen Gruppen grundsätzlich verneint und bekämpft und schon entsprechende Fragestellungen für unmoralisch erklärt.....

Dieser Gedanke der Gleichheit - nicht im Sinne der Gleichheit der Chancen, sondern einer tatsächlichen Gleichheit - war auch der Antrieb für alle sozialistischen und marxistischen Ideen.“ Sagt ausgerechnet ein Mitglied der SPD ausgerechnet in Focus-Money.

Hierzu ist zu sagen, dass die Behauptung, ein gemeinsamer Gleichheitsbegriff von (Christentum), Rousseau und Karl Marx leugne und bekämpfe „alle natürlichen Unterschiede zwischen Menschen und alle kulturellen Unterschiede zwischen Gruppen grundsätzlich ..“ und erkläreschon entsprechende Fragestellungen für unmoralisch“, die im Gespräch mit Augstein noch mit Polemik zum privaten Verhalten der Letztgenannten „aufgehübscht“ wird, schlicht unzutreffend ist. Und zumindest für Rousseau und das Christentum kann ich auch den Vorwurf , der Gleichheitsgedanke ziele „nicht auf Chancengleichheit, sondern auf Gleichheit der Ergebnisse“ so pauschal nicht nachvollziehen. Aber allein das Erwecken eines Anscheins von welthistorischer Belesenheit kann auf Menschen, die nicht vom Fach sind, schon mal Eindruck machen und sie für die Aufnahme weiterer „Erkenntnisse“ des Autors williger machen. Vorteil Sarrazin.

Außerdem zeigt sich an Sarrazins Argumentation zum Gleichheitsbegriffs auch bereits ein anderer Argumentationstrick: Einerseits klingt das alles sehr unverfänglich, selbstverständlich und eigentlich unumstritten. Und zumindest gefühlt ist das auch offizieller gesellschaftlicher Konsens. Der Mann scheint also ganz harmlos. Wie wir alle halt.

Andererseits wird so getan, als sei genau dieser Gleichheitsbegriff nicht gesellschaftlicher Konsens, sondern Sarrazins Einzelmeinung, die er gegen einen von einer „linken“ Medienmehrheit verbreiteten Tugendterror einer „Gleichmacherei“ zu behaupten habe. Und das soll ausgerechnet in einer mehrheitlich neoliberal ausgerichteten Medienlandschaft der Fall sein?

In Wahrheit greift sich Sarrazin hier allenfalls ein Phänomen heraus, das ihm möglicherweise in exotischen rotgrünen Minderheiten-Zirkeln auf den Geist ging, bläst es zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem auf und tritt diesem dann als schreibender Don Qichotte heldenhaft entgegen. Und – so wohl sein Kalkül – das Publikum an seiner Seite rennt mit ihm.... längst offene Türen ein.

Ist die Wahrnehmung des Gegenübers dann solchermaßen angerichtet, kommt die eigentliche, marktradikale Sarrazinsche Botschaft, die da transportiert werden soll:

Der Normalbürger hat ja keinen Begriff davon - und kann ihn auch gar nicht haben -, wie unternehmerische Leistungen zu Stande kommen, wie Vorstände arbeiten und wie sie entlohnt werden. Er sieht nur die Zahlen und denkt: Es kann doch niemand so viel arbeiten, dass er wie zum Beispiel Wendelin Wiedeking 65 Millionen im Jahr bekommt. Dass Wiedeking, der sich immer fünf Prozent des Unternehmensgewinns ausbedungen hatte, für die Familien Porsche und Piëch ein glänzendes Geschäft war, dass diese Volkswagen nur kaufen konnten, weil Wiedeking 15 Jahre lang für Porsche gearbeitet hat, entgeht dem normalen Menschen.“(a.a.O.)

Da wird insbesondere dem Interviewer/ Leser, der sich auf Sarrazin einlassen will zunächst einmal ein gänzlich unerwarteter Blickwinkel präsentiert, auf den er nicht vorbereitet ist, und der auf den ersten Blick sehr plausibel erscheint. „So habe ich das noch gar nicht gesehen!“, mag die überraschte Reaktion sein und alles, was man seither über soziale Ungleichheit und überhöhte Managergehälter dachte und las, wird schon mal erschüttert

Weggewischt sind damit womöglich auch alle kritischen Fragen, die man sich hier stellen könnte. Da ist z.B. der Sarrazinsche Leistungsbegriff, den man hier auf den volkstümlichen Nenner bringen könnte: „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen.“ Und das sei gut so. Nur, was hat ausgerechnet das mit Chancengleichheit zu tun? Und ist das Vermehren riesiger Geldhäufen eine wertvollere Leistung als z.B. die Lebensrettung nach einem schweren Herzinfarkt durch ein Notfallteam? Falls nein, wieso bekommen die Lebensretter dann so obszön viel weniger Geld?

Und woher kamen eigentlich die ursprünglichen Geldhäufen der Familien Porsche und Piëch, die sich durch Wiedeking so stark vermehren ließen, dass man locker 65 Mio als Jahressalär dafür zahlen konnte? Gibt es da periodisch einen Neustart aller Deutschen bei Null (Chancengleichheit!), und für den weiteren Verlauf sind dann nur noch die unterschiedlichen „natürlichen“ Mitbringsel verantwortlich, wie Sarrazin andernorts gerne suggeriert?

Und wie ist das eigentlich mit dem „zuletzt noch gut acht Milliarden Euro betragenden Schuldenberg“, den „die früheren Porsche-Vorstände Wendelin Wiedeking und Holger Härter im Zuge der letztlich gescheiterten VW-Übernahme angehäuft“ hatten , bevor sie gingen?Wurde ihnen dafür etwas vom Gehalt abgezogen? Hafteten sie also auch für ihr Handeln oder profitierten sie nur?

Und dann wäre da auch noch die kleine Ungenauigkeit, mit der Sarrazin den Leser im Glauben lässt, das zuvor verdiente Geld sei durch die pünktliche, fleißige, treudeutsche Qualitätsproduktion vieler toller, kleiner Porsches und VWs entstanden. In Wahrheit sind darunter nicht unerhebliche Zockergewinne aus dem Finanzcasino (siehe dazu auch hier und hier:Reichtum durch Arbeit ist etwas für Anfänger).

Und das sind ja erst einmal nur ein paar Fragen zu einem einzigen Detail. Jetzt finge die Mühe der Recherche für die weitergehenden Antworten erst an. Ohne eine akribisch mit Daten unterfütterte Gesellschaftsanalyse lassen sich solche pauschal heraus gehauenen Populismen ja nicht wirklich entlarven. Aber – und nun kommen die Gesetze der hechelnd oberflächlichen Talkshow-Diskurse ins Spiel - lesen & hören will so etwas niemand mehr. Ist viel zu anstrengend und ermüdend. Und in den Talkshows wird einem im Zweifel das Wort abgeschnitten, bevor man auch nur einen Gedanken gefasst hat – denn die meist schöngesichtige Gesprächsleitung arbeitet ja ständig unter der Gefahr, intellektuell nicht mehr folgen zu können. Vorteil Sarrazin.

Und dabei geht es bislang ja nur um ein einfaches Statement, das man relativ leicht überprüfen kann. So richtig interessant bzw. mühevoll wird es erst, wenn Sarrazin seine teilweise seltsam anmutenden „Forschungsergebnisse“ und „Statistiken“ präsentiert. Und zwar so isoliert, wie es zu seinen Ansichten passt. Eventuelle Einwände und Gegenstimmen, die man seriöserweise (also z.B. in wissenschaftlichen Abhandlungen) ebenfalls zitieren müsste, lässt er – so schließe ich jedenfalls aus Texten Dritter – weg. Ideologische Auswahl statt abwägender Erörterung.

Und spätestens da ist dann eine seriöse Debatte mit ihm nicht mehr möglich. Um ihm widersprechen zu können, müsste man nicht nur seine Quellen lesen, sondern auch überprüfen, wie sich diese Quellen im Fachurteil darstellen. Und wer kann und will das schon leisten? Wer außer Sarrazin will seine Lebenszeit mit Lektüren verbringen, die nur einem Zweck dienen, Sarrazins gelegentlich schräge Gedankengänge zu untermauern?

So schafft sich Sarrazin durch seine selektive (und teilweise verquere) Belesenheit eine Position, in der er argumentativ nahezu unangreifbar wird. Denn, selbst wenn man ihn mit einigermaßen „gesundem“ Menschenverstand zu widerlegen meint, kann er sich immer noch auf eine möglicherweise verquere oder nicht ganz sauber zitierte „Wissenschaft“ berufen, die man weder kennt noch kennen will.*) Vorteil Sarrazin.

Solchermaßen gerüstet und präpariert tritt Sarrazin dann an die Öffentlichkeit.

Dort hat man es lieber bequem: mit dem Pauschalen und dem Großen & Ganzen. Deshalb versucht man häufig erst gar nicht, sich mit seinen „Belegen“ auseinanderzusetzen, sondern vertraut einem vermeintlichen Bauchgefühl, das man ggf. an passenden Zitatfetzen aufhängt, und holt die „Rechts-, Moral- oder Nazi-Keule“ hervor, die kein Argument sind, sondern ein Verdrängungs-/ Unterdrückungsmechanismus. Damit ist Sarrazin in seiner Uneindeutigkeit allerdings nicht wirklich zu fassen. In der Wahrnehmung Wohlmeinender verstärkt sich stattdessen der Eindruck der verfolgten Unschuld. Vorteil Sarrazin.

Und das Verdrängte/ Unterdrückte kehrt laut Freud bekanntlich wieder – was, in den Bereich der Politik übertragen, vielleicht auch die wiederkehrenden Sarrazin-Wellen erklären mag.

Sarrazin selbst wiederum, der sich angesichts solcher medialen Keulenschläge teilweise zu Recht missverstanden und mundtot gemacht fühlt – immerhin aber einen wunden Punkt trifft **) - , greift nun seinerseits zur Keule „linke Verschwörung“ und schwingt sie ausgerechnet gegen die neoliberale (Medien-)Wirklichkeit, an deren rechtem Rand er selbst angesiedelt ist und deshalb als Schmuddelkind in der Familie betrachtet und bekämpft wird..

Und so halten ihn die Linken für rechts. Die (Neo-)Liberalen, von den Linken selber auch für rechts gehalten, sehen ihn genauso. Die Rechten halten ihn für zu links. Er selbst hält die Linken und die (Neo-)Liberalen für links und sich selber für SPD.... Willkommen im absurden Diskurs-Theater.

Der Höhepunkt ist dann erreicht, wenn gegen Sarrazins immer neue Mixturen aus durchaus nachvollziehbaren Argumentationsversuchen und erkennbar absurden Pauschalisierungen schließlich die Psychokeule hervorgeholt wird und man unter der Gürtellinie nach Material für die ultimative Demütigung & Bloßstellung sucht, wie es nicht nur, derzeit aber wohl am heftigsten Georg Seeßlen tut: High Noon zwischen „German Rechthaberei“ und Treudeutscher „Rechthaberei“.

Prügelt man mit der Moral- , der Psycho- oder der Nazi-Keule einmal auf Sarrazins Kleingedrucktes/ seinen Subtext ein – oder auf das, was man da vermutet -, verweist er auf seinen weithin unverfänglichen Haupttext. Und umgekehrt.

Am Ende haut der „wissenschaftlich“ belegte Populismus von rechts den pauschalen Bauch-Populismus von links. Der Grabenkrieg ersetzt den Diskurs. Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, sondern um den Sieg oder ums argumentative Überleben gegen einen Rechtskonservativen, gegen dessen sture, missionarische Arbeitswut man nicht ankommt.

Wenn man dann argumentativ gar nicht mehr weiter kommt, wird die Versuchung groß, zum Gebrüll überzugehen, während Sarrazin mit treuem Hundeblick auf seine „wissenschaftlichen“ Quellen verweist. Beim bürgerlichen Publikum kommt das einem KO für die Kritiker gleich. Willkommen in der Sarrazinschen Belesenheitsfalle.

Und dabei geht es im Kern eigentlich nur um Gemeinplätze und um Stammtischparolen, die Sarrazin allenfalls (pseudo-)“wissenschaftlich“ aufhübscht und in ihrer Bedeutung aufbläst, und die, da sie sich meist an realen Mißständen aufhängen, ohnehin schon in der Öffentlichkeit sind und allenfalls von abgehobenen und verbohrten Minderheiten geleugnet werden: ethnische Integrationsprobleme, Bedeutungsverlust von „Sekundärtugenden“ mit Auswirkungen z.B. in der Berufsausbildung, Übertragung des Ehebegriffs auf nicht traditionelle Lebensgemeinschaften u.v.a.m.

Wieso also wird der Mann eigentlich überhaupt so prominent verlegt? Weil Autor und Verlag sich darauf verlassen können, dass wir uns von ihm nur allzu gerne, allzu heftig und allzu vorschnell empören lassen? Ist unsere Erregbarkeit in Kombination mit unserer Scheu, unangenehmen Konflikten aus dem Weg zu gehen also das eigentliche Geschäftsmodell? Erregen wir uns lieber über Sarrazin als über die Probleme, die er uns so provokativ unter die Nase reibt?

Lassen wir uns deshalb immer wieder in sein Spiel „Haut die 68er“***) ziehen und seinen Spielregeln unterwerfen? Mehr Souveränität und offeneres Denken gegen Sarrazins geschlossenes Weltbild wären vielleicht hilfreich.

In der Hoffnung, mich am Ende nicht selbst verheddert zu haben, will ich es dabei bewenden lassen.

*) Leon de Winter hat in der SZ in einer erhellenden Parabel versucht, zu ergründen, wie Sarrazin z.B. zu seinen schrägen Erkenntnissen von den „jüdischen Genen“ gelangt. Im STERN äußert sich ein Humangenetiker zu dieser Sarrazin-These.

**) „Sarrazin hat mit seiner Schrift bzw. mit der von ihm ausgelösten Debatte ein Unwohlsein getroffen, das gewaltig an der Legitimität der Medien kratzt. Ganz unabhängig davon, ob seine These von der linksliberalen Medienmeinung stimmt oder nicht.

Man kann leider nicht sagen, dass die Medien selbst an der Situation unschuldig wären. Damit widerspreche ich der These von der linken Medienmeinung. Die angeführten Beispiele sind exemplarisch für einen zunehmend unreflektierten Umgang mit pauschalen Zuschreibungen aller Art (Gutmenschen, Sprachhygieniker etc.) – und zwar nicht nur in Kommentaren, sondern auch in Medien. Dieses kulturalistisch aufgeladene ideologische Ringen könnte zu einer Lagerbildung führen, die wir in den USA seit längerem beobachten.“

http://www.carta.info/70642/thilo-sarrazin-die-medienmacht-und-die-kommentarfunktion/

***) Dieser Titel hat den Vorteil, dass „68er“ sich einmal auf einen rotgrünen Aufbruch bezieht, aber auch den damaligen & heutigen Gegner, den rechten Politgreis meinen kann.

15:41 03.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

Kommentare 20

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar
Avatar