„Werte“, eine infame Kategorie?

Flüchtlingspolitik Im neuen Freitag versucht sich Franz Schandl kritisch am Begriff der „Werte“. Und erliegt dabei der neoliberalen Gehirnwäsche.
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Unter dem Titel „Wer kein was, der ist ein Nichts“ zerdeppert Franz Schandl im neuen Print-Freitag den gerade sonntagsrednerisch stark inflationierten Begriff der (westlichen) Werte. Schandl geht von von einem „Werte“-BlaBla der ÖVP und einer „passenden“ Behauptung von Günther Anders aus, der Begriff des „Wertes“ sei ein barbarischer, weil aus der Finanzwirtschaft stammend. Erst 1850 in die Philosophie und 1920 in die Trivialsprache eingedrungen, gehöre er auf eine schwarze Liste. Zu ÖVP/CDU/CSU/AfD sozusagen.

Von da her versucht Schandl wortreich und im Detail nachzuweisen, dass dem tatsächlich so sei und kommt logischerweise zu der Schlusserkenntnis, wir bräuchten keine Werte.

Nun versuche ich mich seit einigen Wochen – basierend auf den Werten, in denen ich, vorwiegend katholisch, sozialisiert wurde - selbst real (nicht nur) als Deutsch-“Lehrer“ in der Flüchtlingsarbeit und habe eigentlich keine Zeit für Internet oder gar solche Foren. Umso mehr, als ich die neue Arbeit bislang eher schlecht als recht erledige – Werte, Empathie u.Ä. tragen eben nur begrenzt, wenn die Professionalität fehlt, was den Sprachunterricht mit Menschen betrifft, mit denen man keine sprachliche Verständigungsebene hat und die sich – was unsere Buchstaben betrifft – de facto im Zustand eines Analphabetismus befinden……

Da ich aber überzeugt bin, dass es die „Orgie“ an Hilfsbereitschaft und Engagement, die wir derzeit vielerorts erleben und ohne die die Flüchtlingsarbeit vor Ort längst zusammengebrochen wäre, ohne tief verankerte soziale Werte nicht gäbe, möchte ich Schandl doch zumindest kurz widersprechen.

Schandls argumentative Weichen sind von vornherein falsch gestellt, weil er kritiklos ÖVP und das Statement von Anders als Grundsteine wählt. So, wie er Anders zitiert, macht er sich nicht nur gemein mit der Weltsicht der übelsten herrschenden Eliten und ihrer neoliberalen Quasi-Religion, er macht sich auch noch deren Wahnvorstellung zu eigen, nur das, was sie „dächten“ sei relevant. Was das gemeine Volk und sein Bildungsbürgertum meinen, bedürfe demgegenüber erst gar nicht der Betrachtung. Für sogenannte „marxistische Analysen“ ist dies nicht ganz untypisch. Weshalb „Marxisten“ gelegentlich so ihre Probleme mit dem wirklichen Leben haben……

Ein weiterer Fehler Schandls besteht darin, nicht zwischen Anspruch und Wirklichkeit zu unterscheiden. Für ihn gibt es nur das, was er für kapitalistische Wirklichkeit hält. Gesellschaftlich verankerte oder in konkurrierenden Weltanschauungen oder Verfassungen formulierte Ansprüche erkennt er nur an, sofern sie nicht „westlich“ sind. Damit gibt er jedweden revolutionären Anspruch aus der Mitte des „Westens“ auf und unterwirft sich der neoliberal verordneten Lüge von der „Alternativlosigkeit“. Gelehrigere Schüler kann sich die Herrschende Clique nicht wünschen.

Kritisches Denken müsste demgegenüber den Begriff des „Wertes“ der Deutungshoheit dieser Clique entziehen und ihren Sonntagsrednern entreißen. Es müsste sich den Begriff aneignen und in seinem Sinne mit Inhalten füllen. Und das wäre noch nicht einmal neu, man müsste nur zurückgehen zu den Anfängen. Und dazu würde ich jetzt einfach mal ungeprüft behaupten, dass bereits die Übernahme des Begriffes „Wert“ von der Finanzwirtschaft in die Gesellschaft ein kritischer Akt gewesen sein könnte, mit dem klargestellt werden sollte, dass einer Gesellschaft eben nicht nur das wertvoll ist, was sich in Geld ausdrücken lässt, sondern auch vermeintlich Immaterielles. Wenn Schandl also unter der Devise argumentiert, wer keine ökonomische Verwertbarkeit vorweisen könne, sei in unserer Gesellschaft ein Nichts, dann fällt er in genau die Zustände zurück, in die uns der Neoliberalismus gerne zurück kujonieren würde.

Wenn wir aber von westlichen Werten als Anspruch reden, so meinen wir gerade das Gegenteil von ökonomischer Verwertbarkeit. Wir meinen die Würde und Unverletzlichkeit auch des Menschen, der nicht verwertbar ist – egal ob in der Fabrik oder im KZ Wir meinen in der Summe vieles, was uns als christliche Ansprüche vermittelt wurde und was wir nicht über Bord werfen sollten, weil sie von herrschenden Kreisen in deren Sinne umdefiniert und per Gehirnwäsche durchgedrückt werden. Oder weil die Wirklichkeit mit dem Anspruch nicht identisch ist. Umgekehrt wird ein Schuh draus: der Wirklichkeit muss ständig der Anspruch entgegengestellt werden.

So gesehen ist es vollkommener Blödsinn, zu schreiben, die Forderung an Flüchtlinge, die „westlichen“ Werte zu übernehmen, sie eine Forderung nach totalitärer Unterwerfung. Westliche Werte sind Ansprüche an die Herrschenden und als solche das genaue Gegenteil von totalitärer Herrschaft. Die Forderung, diese Werte zu übernehmen ist also eine Aufforderung, sich Freiheit, Demokratie und Menschenrechte zu nehmen und sie einzufordern. Und totalitär ist es, die Flüchtlinge nicht dazu zu ermuntern, durch diese Tür zu gehen.

Ich habe bislang eine Menge eigenes Geld investiert, um Bedingungen herzustellen, die mir für meinen Deutschunterricht förderlich scheinen. Und ich erhoffe mir gerade in Situationen, wo mich der Frust anfällt, dass diese Investition sich auszahlt. Das ist nun zwar ökonomisch gedacht und formuliert und hat natürlich auch damit zu tun, dass ich den Flüchtlingen helfen möchte, ökonomisch verwertbar zu werden.

Für mich ist es dennoch ein Verlustgeschäft. Denn ich arbeite nicht nur eine ganze Menge, ich zahle auch noch dafür. Und einen persönlichen Profit wird es nicht geben. Für die Flüchtlinge dagegen kann es im Erfolgsfall ein Gewinn sein. Dann nämlich, wenn sie in die Lage kommen, zu studieren, zu arbeiten oder eine Berufsausbildung zu machen, ihre Familie zu ernähren und ein einigermaßen selbstbestimmtes Leben unter menschenwürdigen Bedingungen zu führen.

Und damit zeigt dieses Beispiel genau die Mehrdeutigkeit auf, die dem Begriff des „Wertes“ innewohnen kann und die Schandl in seiner Argumentation konsequent auf den kapitalistischen Kern reduziert.

Exemplarisch zeigt sich Schandls neoliberale Denkverwirrung an einem anderen Beispiel:

Von einer freundlicheren Seite zeigten sich einige europäische Länder….Menschlichkeit ging vor Grenzsicherung. Das ist doch was, aber den Werten wurde dabei nicht entsprochen….“

Da ist der Autor endgültig Opfer seiner eigenen Begriffsverwirrung geworden. Was bitte ist denn Menschlichkeit anderes als ein als zentral propagierter „westlicher“ Wert? Merkel et alia haben damit nicht „Werte“ missachtet, sondern Regeln, die in einer bestimmten Situation inhuman geworden waren. Der Faschist Orban pocht auf den Buchstaben „des Gesetzes“, Merkel & Co haben für einen kurzen Moment die „Werte“ höher gestellt als diesen Buchstaben. Das mag jetzt ein bisschen überzogen sein, aber vielleicht wurde hier Artikel 20, (3) und (4) Rechnung getragen, wo es heißt, dass vollziehende Gewalt und Rechtsprechung an Gesetz und Recht gebunden sind. Und wo jedem Deutschen das Recht auf Widerstand zugestanden wird gegen jeden, der unsere Verfassungsordnung zu beseitigen versucht. Und was an der ungarischen Grenze und andernorts geschah und geschieht, ist ein massiver Verstoß gegen elementarste Verfassungsrechte, die zumindest hierzulande gelten. Und wie die Deutschen in der Vergangenheit versucht haben, sich das Problem vom Leibe zu halten, war de facto die Abschaffung z.B. des Asylrechts über den Umweg Europa. Die momentane Abkehr von diesen europäischen Regularien war, so gesehen, die Wiederherstellung unserer eigenen verfassungsmäßigen Ordnung. Und unserer noch nicht ganz abgeschafften Werte.

Und diese Werte sollten wir nicht verächtlich machen oder als überflüssig betrachten, sondern einfordern. Und sie praktizieren, wie es zahllose Amtliche & Ehrenamtliche derzeit vielerorts auch gegen massive Sabotage & Widerstände tun. Und ich glaube, dieses Engagement hat auch damit zu tun, dass viele Menschen endlich eine reale Chance sehen, sich dem neoliberalen Werte-/ Menschlichkeits- Verbot zu widersetzen.

Nachtrag: Schandl schreibt in seinem Beitrag vieles, dem ich zustimme. In dieser Kritik geht es nur um eine denkerische Weichenstellung, die ich für verheerend halte. Und eigentlich hätte diese Kritik bereits im Vorfeld von der Redaktion des Freitag geleistet werden müssen. Eigentlich.

15:01 11.12.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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