Wie Medien den Wahlkampf manipulieren

Bundestagswahl 2013 Es gäbe derzeit keine Wahlkampf, meint jetzt auch J. Augstein (FREITAG Nr. 35). Da hat er wohl etwas übersehen: die neue Rolle der Medien.
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Nicht das sogenannte „TV-Duell“ am 1. September war der Höhepunkt des diesjährigen Bundestags-“Wahlkampfs“, sondern das, was danach begann: das hektische Umdeuten des Gesehenen und Gehörten durch die Mainstream-Medien. Jedem relativ unvoreingenommenen Beobachter signalisierte bereits das Gesicht der Angela Merkel und die Art, wie sie bei Unterbrechungen durch die Moderatoren zeitweise den Faden verlor, dass sie sich gegen Peer Steinbrück nur mühsamst behaupten konnte. Ebenso unübersehbar versuchte der Mainstream-Journalismus im Anschluss schleunigst, den Zuschauereindruck durch vielfältige Mätzchen zugunsten der Kanzlerin umzudeuten.

Dabei folgte man der vom Springer/CDU-affinen Michael Spreng vorgegebenen, relativ unverfänglichen Sprachregelung, das Duell sei irgendwie unentschieden ausgegangen. Dies sei am Beispiel der Stuttgarter Zeitung kurz aufgezeigt, die dabei noch zu den Seriöseren gehört, weil die Egos der eher provinziellen Journalisten dort offenbar nicht ganz so aufgeblasen sind, wie die in Hamburg, München oder Frankfurt, wo man vehement gegen die Kränkung anschreiben muss, dass der TV-Zuschauer der bewussten Demontage Steinbrücks durch den Mainstream offenbar nicht länger folgen will.

Die StZ titelt also „Steinbrück kann Merkel nicht bezwingen“ - was dann prompt noch druckfrisch im TV gezeugt wird. Und ich fragte mich bereits da, ob ich eine andere Sendung geschaut hatte. Ebenfalls auf der Titelseite ein Kommentar, dessen Überschrift „Duell ohne Kennedy-Effekt“ bereits signalisiert, dass da einer ganz weit ausholen muss, um Steinbrück den Punktsieg wegzuschreiben. Da war der Eindruck offenbar noch frisch und das Bewusstsein der eigenen Würde als schreibender Profi vielleicht noch zu stark, um allzu dreist zu lügen.

Am nächsten Morgen, online und mit der geballten Anti-Steinbrück-Front der Großkollegen im Rücken, liest es sich dann schon „mutiger“ (=feiger): "Steinbrück misslingt der Durchbruch" . Passanten, die nur im Vorübergehen mal kurz hinschauen und oberflächliche Leser, die es bei den Überschriften bewenden lassen – also genau die, die „Aufklärung“ am nötigsten hätten, bekommen so schon mal die falsche, aber erwünschte Botschaft.

Der Rest wird durch Zugeständnisse an die Wahrheit von einer Abo-Kündigung abgehalten. So heißt es in dem genannten Kommentar aus meiner Sicht korrekt:

Um es kurz zu machen: Steinbrück ist im TV-Duell rhetorisch überlegen. Er formuliert frecher, zupackender als Merkel. Er greift sie forsch an, ohne zu überziehen oder populistischen Versuchungen zu erliegen. Er bietet bei Themen wie Betreuungsgeld, Pflege oder NSA-Affäre klare Alternativen zur CDU-Vorsitzenden. Mehrfach wirkt Merkel defensiv, leicht verunsichert.“

Auf Seite 3 der Printausgabe, findet sich schließlich noch unten das Resümee einer Live-Studie, die die Uni Hohenheim während der TV-Duells durchgeführt hat, und die für mich umso für mich bemerkenswerter ist, als ich Prof. Frank Brettschneider mit seinen häufigen Pro-S21-CDU-Befunden überhaupt nicht ausstehen kann: „Klarer Punktsieg für Steinbrück“.

220 Testpersonen konnten dort während der Sendung mit einem Drehregler anzeigen, wem sie wie stark zustimmten. An dieser Methode habe ich persönlich so meine fachlichen Zweifel, das Ergebnis spiegelt aber ziemlich genau das wieder, wie ich selbst das Duell erlebt habe. Und dass die StZ genau diesen Beitrag bislang nicht online gestellt hat, spricht dafür, dass man dort die Ergebnisse für valide hält – und deshalb nicht so gerne allzu weit verbreiten möchte.

Online findet sich allerdings eine Leserumfrage.Auf die Frage „Wer hat Sie mehr überzeugt?“ gibt es derzeit folgende Antworten:

Angela Merkel

(30% --->) 29 %

Peer Steinbrück

(50% --->) 50 %

Keiner von beiden

(20% --->) 21 %

Das entspricht in etwa der ARD-Umfrage. Und ich frage mich, wie das ZDF eigentlich zu seinen entgegengesetzten Zahlen kommt. Und SWR2 bemüht sich nach Kräften, das Publikum den ZDF-Zahlen anzupassen.....

Wie bereits gesagt, die StZ scheint sich medial noch in der Nähe journalistischer Professionalität zu bewegen, so dass sich in der Berichterstattung noch Spuren von Wirklichkeit finden. Vom Rest der medialen Steinbrück-Jäger kann man das eher nicht sagen. Jedenfalls nicht nach einer flüchtigen Durchsicht der entsprechenden Überschriften.

Und das entspricht genau dem Muster, das diesen Wahlkampf bislang so negativ auszeichnet: er findet, scheinbar partei-“unabhängig“, fast ausschließlich in den Medien statt – unter dem Anschein von „Berichterstattung“. Es begann mit den sogenannten „Fettnäpfchen“ (z.B. Rednerhonorare), bei denen komischerweise bislang niemand gefragt hat, wer denn da die Medien mit den nötigen Details angefüttert hat und fand seinen Höhepunkt in insinuierten Stasi-Kontakten, die die WELT meinte, in Frageform behaupten zu müssen.

Als die anderen Medien dem offensichtlichen Unsinn nicht folgen wollten und Steinbrück gar seine vorhandene Akte ins Netz stellen ließ, entblödete sich die WELT nicht, winkeladvokatenhaft nachzulegen:

Warum der Stasi-Fall Steinbrück besonders ist

Der SPD-Kanzlerkandidat trägt mit der Veröffentlichung der Stasi-Papiere zur Aufklärung seiner brisanten Geheimdienst-Erfassung bei. Vollständig entlasten kann ihn das nicht. Es fehlen wichtige Akten...“

Aber nicht um Steinbrück geht es der WELT offenbar, sondern um die Verhinderung von Rot-Grün. So jedenfalls kann man die "Pädophilie"-Kampagne gegen die Grünen verstehen, zu der die Zeitung die Missbrauchskampagne der CDU (Junge Union) gegen Daniel Cohn-Bendit ausbaute. Was vermutlich auch der Versuch einer Revanche war, nachdem die Springer-Kampagne gegen Joschka Fischer nicht verfangen hatte.

Interessant ist, wie einige Medien zeitweise auf diesen Zug aufsprangen und was dabei penetrant unterschlagen wurde. Dummerweise kam dann aber auch die FDP – und damit Schwarz.Gelb - ins Spiel, was bei Springers nicht unbedingt erwünscht sein dürfte. Aber es gibt ja noch den Veggie-Day ….

Nun wäre die Pädo-Sache einen eigenen Beitrag wert. Hier soll nur gezeigt werden, wie der offenbar neue Wahlkampf der Rechten aussieht: man arbeitet mit den unsauberen Methoden der als Redaktionsbeitrag getarnten Produktwerbung, während die Konkurrenz mit ihren traditionellen Methoden unbeachtet ins Leere läuft. Dass Springer, SPIEGEL & Co der CDU diesen Service auch noch kostenlos anbieten, macht die Sache eher schlimmer. Und die Krönung ist, dass man parallel noch lautstark schreit, es fände gar kein Wahlkampf statt....

Und neu ist diese anti-demokratische Schweinerei auch nicht. Sie begann mit dem medialen Hochschreiben der Merkel, sobald sie als Kanzlerkandidatin in Erscheinung auftrat. Was für den Bürger offensichtlich nicht erkennbar war, wurde ihm eingeschrieben. Die Kanzlerin ist für den Wähler nichts weiter als ein virtuelles Konstrukt von Medien und PR-Fritzen. Das derzeitige Umdeuten der Realität, die im TV-Duell sichtbar wurde deutet auf die Angst der Herrschenden und ihrer medialen Hofschranzen, der Zuschauer könnte den Betrug entdeckt haben.

Und nun zu Steinbrück und der SPD. Beide wollen die Wahl offenbar nicht gewinnen. Das ist spätestens klar, seit Steinbrück sich in Esslingen (nicht in Stuttgart, dazu war er wohl zu feige!) als riegeldummen Betonkopf outete:

Seine Haltung zu Stuttgart 21 stößt bei den Gegnern des Großprojekts auf wenig Gegenliebe. Zwar habe sich die Bahn „da wohl sauber verkalkuliert“ und in Zukunft müssten die Bürger viel früher beteiligt werden, aber grundsätzlich befürwortet der Kanzlerkandidat das Projekt: „Sie dürfen nicht vergessen: Ein 80-Millionen-Volk braucht auch noch ein bisschen Verkehrsinfrastruktur.“

Das ist nicht nur inhaltlich weitaus blöder als selbst der CDU-Stammtisch. Es ist auch politisch riegeldumm, denn S21 ist genau das Thema, mit dem die SPD in Baden-Württemberg seit Jahrzehnten die Rolle einer kritischen Opposition versäumt und konsequent gegen die Wand fährt. Eine Wende des Kanzlerkandidaten hier verbunden mit dem Eingestehen schwerer Fehler in der Vergangenheit, hätte genau die Wende in Baden-Württemberg bringen können, die die SPD (und damit auch Rot-Grün) dringendst bräuchte.

Und hier hätte er Merkel stellen können, indem er offenlegen hätte können, wie sie die Verkehrspolitik finanziell bewusst an die Wand fährt, um dem Bürger zu demonstrieren, dass er gerade dann nichts zu sagen hat, wenn er recht hat. Wie sie auf Leib, Leben und Sicherheit der Bahnkunden scheißt, um ihre Lobbyistenfreunde wie Herrenknecht mit politischen Tunnel-Blow-Jobs zu befriedigen. Wie sie in Widerspruch zu ihrem Amtseid Milliarden der Bürger sinnlos und zu langfristigem Schaden in schwarze Löcher versenkt....

Das wäre Charakter gewesen, Sachverstand und Rückgrat. Und die Wende. Er kann es nicht. Und da sind er und seine Partei die wirklichen Versager. Nicht in irgendwelchen Fernsehduellen. Und da sind er und seine Partei keinen Deut besser als die Konkurrenz. Hier, wo es gelten würde, Opposition zu sein und bessere Alternativen aufzuzeigen, ist Steinbrück nur Merkels Pudel. Mehr nicht. Und was sich am Prüfstein S21 zeigt, dürfte bei anderen Themen nicht viel anders sein.

Siehe zum Thema auch hier:

https://www.freitag.de/autoren/ernstchen/sie-kennen-mich#1378114844202809

13:33 02.09.2013
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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