Paid Comment als Zukunftsmodell

Netzkultur Warum nicht mit kostenpflichtigen Kommentaren für eine neue Diskussions-Kultur im Netz sorgen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Für viele sind die Kommentar-Spalten unter Artikeln von Massen-Medien wie Spiegel, Zeit oder Bild zum Vorhof der Hölle geworden. Sie werden zur Propaganda oder zum Aggression-Abbau (oder –Aufbau) genutzt. Die Kommentare stehlen einem im besten Fall nur Zeit oder kosten Nerven.

Als normaler Leser steht man manchmal ratlos da, wenn andere – teilweise geschützt durch Anonymität – rassistische oder antisemitische Aussagen posten. Erst heute musste die Zeit eingestehen, dass über mehrere Stunden wirklich schlimme Beleidigungen gegen den verstorbenen Schauspieler Robin Williams unter einem Artikel über seinen Tod standen. Ich verlinke das hier nicht, weil ich diesen Schund nicht weiter verbreiten möchte.

Gleichzeitig erschien heute auch ein Artikel vom digitalen Gewissen des deutschen Journalismus – Dirk von Gehlen – in der Süddeutschen Zeitung. Hier beschrieb er einerseits den Sachverhalt des massiv gestörten Verhältnisses zwischen Redaktionen und Kommentatoren (die nicht immer Leser sind) und rief andererseits zu einer neuen Diskussionskultur im Internet auf.

Der Wunsch nach einer besseren Diskussionskultur ist so alt wie das Netz selbst. Nicht umsonst gab es auch in der Früh-Phase des Internets immer schon eine Netiquette, mit der man den Umgang miteinander regeln wollte. Genützt hat es in den meisten Fällen wenig bis nichts. Das Huhn Ei Prinzip ließe sich ohne weiteres auf das Internet übertragen: Was war zuerst da? Das Netz oder der Troll?

Die immer schon herrschenden Probleme des Netz-Diskurses (kein persönlicher Kontakt, Anonymität und niedrige Hemmschwellen die daraus resultieren) wurden über die Jahre verstärkt. Das liegt allein an der Tatsache, dass immer mehr Menschen das Netz nutzen und so die Chance auf Nutzer mit hohen Frustrations- und Aggressions-Potential rein statistisch steigt.

Gleichzeitig ist das Internet in den letzten Jahren zu einer wahren Propaganda-Maschine, einer permanenten Montags-Demo mit Internet-Anschluss geworden. Wer Facebook und/oder Twitter intensiv nutzt, der kommt um schreckliche Bilder in seiner Timelime nicht herum, die die jeweiligen Kriegs-Gräueltaten einer Seite zeigen sollen. Dieser Kampf um die Meinungs- und Deutungshoheit wird auch in die Kommentar-Spalten weitergetragen. Die technischen Möglichkeiten zur Einbindung verschiedener Formate wie Filmen, machen es den Propaganda-Kommentatoren einfach.

Gleichzeitig ist die Krise der Medien nicht nur eine Krise der Verkaufszahlen, sondern eine Vertrauenskrise. Viele Menschen glauben der so genannten „gleichgeschalteten System-Presse“ nicht mehr und machen ihrem Unmut insbesondere auf den Plattformen der kritisierten Medien laut. Dass dabei auch oft nur verschwurbelte Verschwörungstheorien herauskommen – egal. Hauptsache, man zeigt es diesen Besserwissern in den Redaktionen mal. Kein Wunder also, dass auch bei vielen Journalisten der Blick auf die Kommentare und in die Kommentare mit Schauder und Horror verbunden ist.

Schließlich ist das Lesen, Moderieren und Löschen von Kommentaren mit teilweise erheblicher Arbeit verbunden. Kommentieren zu dürfen ist zur Zeit ein kostenloser Service, der von den Medien angeboten wird. Natürlich zu Recht, denn ein fruchtbarer Austausch mit den Lesern ist auch von Vorteil für die Redakteure.

Ein Kleinkrieg aber kostet Zeit, Nerven und letztlich Geld. Denn wenn Verlags-Mitarbeiter sich über Stunde mit dem Bearbeiten von Kommentaren oder deren Beantwortung beschäftigen müssen, wollen oder dürfen, dann sollte man überlegen, die Kommentatoren an den Kosten dieses Services zu beteiligen.

Die Idee hätte viele Vorteile: Die Verlage würden die Kommentar-Spalten aufwerten, denn sie geben ihnen im wahrsten Sinne des Wortes einen Wert. Die Arbeit der Redakteure am Leser würde auch von den Lesern mitgetragen werden. Denn wenn ein Journalist Kommentare bearbeitet, kann er seinem Kerngeschäft nicht nachgehen.

Darüberhinaus würde man mit Sicherheit auch den Anteil Troll- und Idioten-Kommentaren reduzieren können. Denn wer – beispielsweise – 0,99 Cent für einen Kommentar bezahlen muss, der überlegt sich zweimal, was er schreibt und vor allem, wie oft er es schreibt.

Das Ansinnen ist gar nicht so verrückt, denn früher musste man für seinen Leserbrief schließlich auch Porto zahlen und das Briefpapier dazu. Ganz zu schweigen von der Zeit, die man aufwenden musste, um einen Brief zur Post zu bringen. Zudem müsste der Kommentarschreiber über Paypal oder andere Bezahlformen seine Identität preisgeben und verlöre einen Teil der Anonymität, die er für rassistische oder antisemitische Kommentare nutzt. Natürlich kann er als Kommenator weiter "Gänseblümchen" heißen, aber im Hintergrund ist er klar zu definieren.

Also gab es sogar schon früher ein Konstrukt Namens „Paid Comment“ – man müsste es nur in digitaler Form wieder aufleben lassen. Leider tun sich die Medien mit Bezahlformen im Internet schwer. Aber vielleicht ist der „Paid Comment“ wirklich eine Möglichkeit eine neue Diskussionskultur zu etablieren und ihr dadurch wieder mehr Wert und Mehrwert zu geben. Für Medien und Nutzer.

PS: Übrigens kann man hier noch kostenlos kommentieren – nutzen sie das aus!

17:33 12.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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