Mannhaft. Mächtig

Kabinett Dank der CSU hat es nicht geklappt mit den 50 Prozent Frauen. Und die Ministerinnen werden jetzt mit Klischees überhäuft
Simone Schmollack | Ausgabe 10/2018 18
Mannhaft. Mächtig
So sieht es also aus, wenn Annegret Kramp-Karrenbauer über beide Ohren lacht

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Als die CDU Ende Februar der SPD für eine weitere Große Koalition ihr Ja-Wort gab, hievte die Frankfurter Allgemeine Zeitung ein farbenfrohes Foto auf die Titelseite: links CDU-Generalsekretärin Annegret Kramp-Karrenbauer im weißen Blazer, daneben Parteichefin Angela Merkel in Pink, neben ihr CDU-Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, dezent in Beige. Und ganz rechts und in Knallrot Julia Klöckner, die in der GroKo-Neuauflage CDU-Landwirtschaftsministerin werden könnte.

Ein schönes Bild: Vier Frauen lachen nach einem Tag harter politischer Beschlüsse in die Kamera, so als sei dies das Normalste auf der Welt und Frauen selbstverständlich Entscheidungsträgerinnen auf höchster Ebene. Ein fast schon ikonografisches Bild: Farbe statt Schwarz, Frauen statt Männern. „Dass ich das noch erleben darf“, twitterte Ines Pohl, Chefredakteurin der Deutschen Welle.

Doch die FAZ wäre nicht sie selbst, würde sie ihre unorthodoxe Entscheidung nicht unverzüglich revidieren. In diesem Fall mit einer Bildzeile, und die geht so: „Weil ich ein Mädchen bin: Kramp-Karrenbauer mit Merkel, von der Leyen und Klöckner“.

Was soll das? Wohlmeinend könnte man den Seite-1-Machern (Selbst)Ironie unterstellen: Haha, wir wollten mal einen ganz doofen Witz machen. Vielmehr zeigt der Satz, wie wenig „normal“ Frauen in politischen Spitzenpositionen noch immer sind – und wie ungeübt Redaktionen im Umgang mit ihnen. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten. „Abwertung hat anscheinend immer Konjunktur“, twitterte Diversity-Aktivist Robert Franken. „Würg“, meinte Twitter-Userin Gunda Windmüller.

100 Jahre Frauenwahlrecht

1918, vor einhundert Jahren, durften in Deutschland Frauen das erste Mal an die Wahlurne treten. Grund genug für die Freitag-Redaktion, zum Internationalen Frauentag die Hälfte dieser Ausgabe der Hälfte der Menschheit zu widmen: Frauen. Eine Ausgabe, die das Jubiläum von 100 Jahren Frauenwahlrecht zum Anlass nimmt, um sowohl an den Kampf von Frauen- und Wahlrechtlerinnen in Deutschland, England und der Schweiz zu erinnern als auch den Blick über die Historie hinaus zu weiten. Wir rücken den Druck, dem Frauen heute ausgesetzt sind, in den Fokus:

Wie sie es auch anstellen, irgendetwas daran ist immer falsch. Warum? Weil es kein eindeutiges Frauenbild gibt, so wie noch vor einigen Jahrzehnten? Dafür gibt es jede Menge vorherrschende, meist eindimensionale Zuschreibungen: Weibchen mit Kernkompetenz für Kinder, Küche, Vorgarten. Oder machthungrige Karrierefrauen, denen feminine Eigenschaften abhandengekommen sind.

Haben Frauen eine andere Wahl? Dürfen sie einfach so sein, wie sie nun mal sind: stark, schwach, Mutter, kinderlos, Chefin, Hausfrau? So unterschiedlich also wie das Leben selbst? Und eine Wahl jenseits der fakultativ-obligatorischen Möglichkeit, über den Bundestag, ein Kommunal- oder Landesparlament mitzuentscheiden?

Lesen Sie selbst!

Nun regiert mit Merkel seit Jahren eine Frau das Land, obendrein eine aus dem Osten. Jetzt geht sie in ihre vierte Amtszeit. Es gibt Ministerpräsidentinnen, Parteichefinnen, Fraktionsvorsitzende. Aber bislang sind sie in der Minderheit. Und sie werden es wohl noch eine Weile bleiben.

Denn Merkels Plan, das Kabinett zur Hälfte mit Frauen zu besetzen, hat die CSU gerade zunichtegemacht. Statt wie die Schwesterpartei – und vermutlich auch die SPD – eine 50-Prozent-Quote festzuzurren, schickt CSU-Chef Horst Seehofer vor allem Männer nach Berlin. Da hatte sich Annette Widmann-Mauz (CDU), die in der neuen Regierung Integrationsministerin werden könnte, zu früh gefreut: „Jetzt sind wir endlich im 21. Jahrhundert angekommen.“

Langsam wird es lächerlich. Gerade schien sich die Erkenntnis durchzusetzen, Frauen in allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens gleiche Rechte und Chancen einräumen zu müssen – also auch im Kabinett – da mauern die Münchner: Wir. Bleiben. Mannhaft. Mächtig.

Das Dumme ist nur: Die Herren, egal in welcher Partei, machen selten eine gute Figur. Über Alexaner Dobrindt, den Ex-CSU-Verkehrsminister, lachte sich die halbe Republik schlapp. Maut kann er nicht, Fahrverbote für Dieselautos auch nicht, schnelles Internet schon gar nicht. Peter Tauber, Ex-CDU-Generalsekretär, twitterte über Star Wars und wie er joggt. Fanden alle hip und cool. Plötzlich fiel sein Name in einer Sexismusaffäre – in Zeiten von #metoo. Da war Schluss mit lustig.

Die SPD rasselte mit ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz in Wählerumfragen innerhalb weniger Monate von 28 auf 18 Prozent. Später dieser Zoff ums Außenamt: Schulz will Minister werden und muss dafür seinen Parteifreund Sigmar Gabriel wegschubsen. Der ist sauer und lässt sich angeblich von seiner Tochter trösten: „Papa, jetzt hat du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Eine Chance für Frauen also. Aber eine mit doppeltem Boden: Frauen dürfen nämlich erst ans Ruder, wenn die Männer rat- und hilflos sind. Wenn der Vorrat an männlichen Titeln, Thesen, Temperamenten aufgebraucht ist.

Und sie haben ihre Schreibtische noch gar nicht richtig eingeräumt, da wimmelt es schon von – meist männlichen – Zuschreibungen: „Trümmerfrauen“, „Ausputzerinnen“, so was. Selbst linke, über Diskriminierung vermeintlich erhabene Kreise sind zu Teilen undifferenziert: Solange Frauen eine scheiß Politik machen – also keine dezidiert linke Politik –, können die gar nicht gut sein.

Alles Mutti? So ein Quatsch

Was für ein Quatsch? Warum sollen ausgerechnet Frauen eine andere Politik vertreten als die der Partei, der sie angehören? Warum wird von Frauen erwartet, alles komplett anders, komplett neu und tausend Mal besser zu machen? Dieser Anspruch reproduziert uralte Geschlechterklischees: Frauen als „Kümmerinnen“, „Mutti macht das schon“.

Aber keine Sorge, die Frauen im Kabinett werden manches besser machen. Schon weil sie so überaus kritisch beäugt werden. Denn noch immer gilt der Grundsatz, dass Frauen drei Mal besser sein müssen als Männer, um überhaupt gesehen, gehört, akzeptiert zu werden. Sie werden es auch besser machen, weil sie wissen, dass eine Politik, die Frauen und deren Alltag stärker in den Fokus rückt, so richtig wie nötig ist.

Beispielsweise Annegret Kramp-Karrenbauer: Während AKK Karriere machte, kümmerte sich der Mann um die drei Kinder. Sie hat sich für die Frauenquote eingesetzt, gegen die „Herdprämie“ und verlängerte AKW-Laufzeiten. Sie will einen höheren Spitzensteuersatz und einen besseren Mindestlohn. Um es im Geschlechterklischee zu formulieren: Sie kümmert sich. Das macht sie noch lange nicht zu einer Linken. Und als Katholikin hält sie das Abtreibungsverbot für richtig und die Ehe für alle für Teufelszeug.

Im 21. Jahrhundert ist die Republik bislang nicht angekommen. Das ist sie erst dann, wenn Frauen genauso konservativ, links, klug und doof sein dürfen wie Männer. Und wenn die FAZ Bildzeilen formuliert wie: „Spitzenfrauen: Die Hälfte des Kabinetts ist weiblich.“

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06:00 09.03.2018
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Ausgabe 43/2020

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