Warum läuft das Kind Amok?

Veranstaltungsreihe Die Berliner Veranstaltungsreihe "Amok" diskutiert "Manifestationen des School Shooters im 20. Jahrhundert" an Filmen und mit Gästen. Notizen zu einer Filmfigur

Das ist ja das Furchtbare an unseren heute popkulturell geprägten Vorstellungen vom Untergang: In der Apokalypse enthüllt sich die Offenbarung, in der Vernichtung soll erst zum Vorschein kommen, was sie hätte verhindern können. Ein reaktionäres Konzept, das so tröstlich sein will, Antworten zu liefern. Im Amoklauf, dieser Mini-Apokalypse, der sich eine Berliner Veranstaltungsreihe widmet, fallen dagegen Auslöschung und Selbstauslöschung in eins. Wir sind dann noch da, aber fassungslos.

Es ist eine legitime Aufgabe eben der Kunst, das Abstrakte konkret zu machen, das Nicht-Fassbare fassbar. Und dann gibt es noch die Unternehmungen, die versuchen, das Nicht-Erklärliche erklärbar zu machen, was etwas anderes ist und Autoren, Filmemacher und ihre jeweiligen Ausdrucksformen in der Regel überfordert. Nun muss es aber doch Gründe geben, warum in den USA und anderswo gerade Schüler zu den Waffen greifen und Gleichaltrige wie Lehrer niedermetzeln, es muss doch, es muss. Oder?

„A heart nobody knows“, das ist das Herz des Attentäters, zu dem in William Mastrosimones Einakter Bang Bang You’re Dead der Geist eines seiner Opfer spricht. Das Stück wurde wenige Tage vor dem Amoklauf an der Columbine High School in Littleton am 20. April 1999 uraufgeführt, 2002 entstand dann eine Fernsehfilmversion, ebenfalls von Mastrosimone geschrieben, die Aufarbeitung war und Spurensuche. Sehr schön pädagogisch war das und beseelt vom Glauben an klassische Mechanismen der Repräsentation und Sublimierung: Ein Außenseiter, vorschriftsmäßig gehänselt und von Rachegedanken geplagt, erhält – im Film – die Hauptrolle in einer Inszenierung des – vom gleichen Autor stammenden – Stücks. Verwicklung hin, Verwicklung her, am Ende wird das Massaker abgesagt.

Abstraktum der Ratlosigkeit

Nun, mit „ein wenig Rumschubsen“ hat sich ein Uwe Boll noch nie zufriedengegeben, und das ist auch schon alles, was zu seiner Amok-Variante Heart of America aus demselben Jahr gesagt werden soll, weil Boll selbst im Audiokommentar schon viel zu viel sagt, etwa auch noch, wie „sinnlos philosophisch“ ihm Gus Van Sants Film Elephant vorgekommen sei.

Van Sant begnügt sich in der Tat damit, dem Zuschauer Erklärungsfetzen hinzuhalten, von Ballerspielen und Rechtsradikalismus etwa, und sie ihm dann sofort wieder zu entreißen. Mit der Steadicam läuft er den Schülern scheinbar endlos durch die Gänge ihrer High School hinterher, eine trügerische Entdramatisierung und Entschleunigung, die er sich bei Alan Clarkes gleichnamigem Kurzfilm abgeschaut hat. Die Täter zitieren Shakespeare, wenn sie um die Ecke biegen, und wenn die Jugendlichen an einem Fenster vorbeikommen, dann bleibt die Blende der Kamera einen Augenblick lang viel zu weit offen, alles ist überbelichtet – ein artifizieller Kosmos, nichts ist hier „wahr“, außer vielleicht der Nähe zu ihnen allen, zu den Schützen wie zu den Erschossenen.

Gus Van Sant hat dem Abstraktum der Ratlosigkeit eine ebenso treffliche künstlerische Form gegeben wie dem Konkreten der Individualität aller Opfer und Täter. Erst von da aus können wir weiterdenken an Pädagogik und Prävention, an Maßnahmen und Konsequenzen.

Unter dem Titel Amok. Manifestationen des School Shooters seit Mitte des 20. Jh. – Filme, Zeugnisse, Gespräche diskutiert eine Berliner Veranstaltungsreihe bis in den Juli Filme und Texte. Der nächste Termin: 7. Juni, 19 Uhr, in der Vierten Welt. Gezeigt wird der Film Fight Club von David Fincher. Gast ist: Christoph Szumelda, Autor des Buches Die Columbine Erben. Wie Bastian B. den Freitod wählte und Betreiber der Internetplattform wekillemall.org, die sich dem Komplex School Shooting widmet

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