Fountainhead

Theater Am Thalia Theater Hamburg bringt Johan Simons den von Ayn Rand geschriebenen Roman als Tanz der Egozentriker auf die Bühne
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Ayn Rand (1905-1982), 1926 aus Russland in die USA emigrierte Bestseller-Autorin jüdischer Herkunft, ist eine Ikone der US-amerikanischen Vertreter eines unregulierten Laissez-faire-Kapitalismus ohne jegliche staatliche Einmischung. Ihre Philosophie des sogenannten Objektivismus hat sie in mehreren ihrer Werke dargelegt, u.a. in dem 1946 erschienen Roman The Fountainhead, der eine literarische Hymne auf das unabhängige Schöpfertums darstellt. Ein Plädoyer für den unangepassten Individualisten anhand der Geschichte des zu keinerlei Kompromissen bereiten Architekten Howard Roak, der lieber sein Werk zerstört als es durch Anpassungen an den Geschmack der mediokren Masse kompromittiert zu sehen.

Für das Thalia Theater Hamburg hat nun Johan Simons die Bühnenfassung des belgischen Autors Koen Tachelet zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht. Berliner Theatergängern wird sicher noch die von Jürgen Kuttner und Tom Kühnel 2011 am Deutschen Theater unter dem Titel Capitalista, Baby! herausgebrachte Romanadaption in Erinnerung sein. Auch sieben Jahre später dürfte das Thema nicht nur angesichts der US-Präsidentschaft Donald Trumps weiterhin top-aktuell sein. In Hamburg hält man sich entgegen der Berliner Version allerdings etwas ausführlicher am Originalplot des Romans. Was den fast 4stündigen Abend wie auch die Intension der Autorin aber nicht unbedingt verständlicher macht. Den deutschen Bildungsbürgern dürften dabei sicher nicht nur der unbedingte Wille zur Einzigartigkeit und die strikte Ablehnung altruistischer Werte abgehen.

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Ayn Rands Weltbild fußt auf der Annahme eines rational begründeten Egoismus, der sich vor allem gegen die sozialen Regulierungsversuche des Staates richtet, der die Menschen in eine dauernde Abhängigkeit bringt, indem er ihnen Angst und Schuldgefühle einredet. Staatlich verordneter Altruismus als Haupthindernis schöpferischen Denkens und Handels. Das will selbst im kapitalistisch ausgerichteten Sozialstaat kaum jemandem einleuchten, außer vielleicht - und das ist besonders auch für Theaterschaffende und andere Künstler wichtig - , wenn es um die Verwertung geistigen Eigentums geht.

Die Autorin hat für ihre Thesen eine Versuchsanordnung in literarischer Form angelegt, die sich im Architektenmilieu abspielt. Wir haben es hier mehr oder weniger mit Klischeetypen zu tun, aus denen der junge kompromisslose Architekt Howard Roak als egozentrischer Künstlertyp herausragt. Jens Harzer zeigt ihn schon zu Beginn als geistig abgehobenen, ganz in zünftiges Architektenschwarz gekleideten Menschen, der gedanklich am Rand eines Abgrunds stehend von seiner Bestimmung, dem Formen von verschiedenen Baumaterialien zu einzigartigen Gebäuden, philosophiert. Schon hier gerät er dabei gegenüber seinem Studienfreund, dem Karrieristen Peter Keating (Jörg Pohl), ins Dozieren über die Baugeschichte als bloßen Historismus, der aus dem einstigen Original nur eine neue Kopie nach der anderen schafft. Während seine Kompromisslosigkeit Roak immer weiter isoliert und er schließlich in einem Steinbruch sein Geld verdienen muss, steigt Keating, auch indem er Roak immer wieder um Hilfe bittet, an der Seite des Stararchitekten Guy Francon (Christoph Bantzer) auf.

Zwischen beiden steht die Journalistin und Tochter Francons, Dominique (Marina Galic), die im Grunde ein weibliches Pendant des Egozentrikers Roak darstellt, sich aber nicht auf seine Seite schlagen kann, und, wie um sich dafür zu bestrafen, in einer fast schon sadomasochistischen Weise ihren Geist und Körper einsetzt, um ihm zu schaden und den mittelmäßigen Architekten Keating zu fördern, obwohl sie ihn verabscheut. Letztendlich heiratet sie Keating sogar, der, vom plötzlichen Sinneswandel Dominiques begeistert, seine Langzeitverlobte Catherine (Alicia Aumiller) verlässt. Zur Freude seine Mutter (Marina Wandruszka), die alles daran setzt ihren Sohn ganz oben zu sehen.

Das allein wäre aus heutiger Sicht schon unerträglich, hier spiegelt sich Rands Auffassung, dass der schöpferische Mensch Glück und Liebe nur in der Schaffung seiner Werke finden könne, und ihm Gefühle für andere dabei nur im Wege stehen würden. Von ihren Gefühlen und Wünschen geplagt, wirken dann Peter, der allen gefallen will, und Catherine, die Glück und Dankbarkeit in sozialem Engagement sucht, auch wie reine Karikaturen. Als böser Ideologe im weißen Anzug mimt Tilo Werner den einflussreichen Architekturkritiker Ellsworth Toohey, der Menschen wie Howard Roak vernichten will und eine Weltherrschaft der Gleichheit und Mittelmäßigkeit der Masse anstrebt. Rand spielt hier auf den zu jener Zeit aufstrebenden Sozialismus und die Sowjet-Diktatur Stalins an.

In der Figur des zynischen Medientycoons Gail Wynand (Sebastian Rudolph), der sein Imperium mit dem Verkauf des Massenblatts New York Banner (der BILD-Zeitung nicht unähnlich) geschaffen hat, zeigt Rand einen kapitalistischen Selfmademan mit Machtvisionen, der den korrupten Menschen um sich ihre vermeintliche Integrität einfach abkauft und sich am Sieg des Mediokren ergötzt. Im Tausch gegen Dominique verschafft Wynand Keaton den Auftrag für einen Sozialwohnbau, den dann allerdings Roak für ihn entwirft und nach geforderten Änderungen an seinen Plänen zum Extremisten in eigener Sache wird. Im folgenden Prozess gegen Roak steht Wynand zunächst auf der Seite Roaks, nach Absatzverlusten der Zeitung kippt er aber letztlich doch um und bedient im Bund mit Ellworth Toohey wieder die öffentliche Meinung.

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Gespielt wird am Thalia Theater auf einer fast leeren Bühne, auf der passend zum Thema nur ein aus mehreren Teilen zusammengesetzter Plexiglastisch auf einem Betonsockel steht. Über der Szene hängt ein als Kunstwerk und Projektionsfläche dienender Metallrahmen, in dessen Feldern Eisplatten schmelzen und nach und nach herausfallen, was zumindest eine schöne Bildmetapher ist. Ansonsten wirken die DarstellerInnen sehr stark gekünstelt und überironisieren ihr Spiel oft ins Karikative. Der Regie ist schon anzumerken, dass sie von Rands Thesen nicht viel hält und sie auch entsprechend als Phrasen bloßgestellt sehen möchte. Der durchaus bestehenden Ambivalenz der Vorlage kann das nicht gerecht werden. Besonders Harzer tänzelt das vergeistigte Genie Roak oft wie autistisch abwesend über die Bühne. Seine schier unendliche Hymne des schöpferischen Menschen, bei dem ihm Galic eine Schallplatte als Heiligenschein über den Kopf hält, gerät zur Witznummer. Wie schon Kuttner und Kühnel in Berlin scheitert Simons trotz eines hervorragenden Schauspielensembles an dem Versuch etwas wirklich Brauchbares aus dem Kampf von Ego- gegen Altruismus zu gewinnen.

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Zuerst erscheinen am 01.05.2018 auf Kultura-Extra.

Fountainhead (Thalia Theater, 29.04.2018)
von Ayn Rand
In einer Bearbeitung von Koen Tachelet
Regie: Johan Simons
Bühne: Stéphane Laimé
Kostüme: Maria Roers
Video: Simon Janssen
Dramaturgie: Susanne Meister
Darsteller:
Alicia Aumüller (Catherine Halsey)
Christoph Bantzer (Henry Cameron)
Marina Galic (Dominique Francon)
Jens Harzer (Howard Roark)
Matthias Leja (Guy Francon)
Jörg Pohl (Peter Keating)
Sebastian Rudolph (Gail Wynand)
Steffen Siegmund (Steven Mallory / Alvah Scarret)
Marina Wandruszka (Mrs. Keating)
Tilo Werner (Ellsworth Toohey)
Die Premiere war am 28.04.2018 im Thalia Theater Hamburg
Termine: 04., 05., 17., 22., 23.05. / 22.06. / 02., 04.07.2018

Infos: https://www.thalia-theater.de/

18:18 01.05.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Stefan Bock

freier Blogger im Bereich Kultur mit Interessengebiet Theater und Film; seit 2013 Veröffentlichung von Kritiken auf kultura-extra.de und livekritik.de
Stefan Bock

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