Lauschangriff 24/08

Musik Die fast schulterlangen, mehr weißen als grauen Haare wird Ronald Brautigam in diesem Leben wohl nicht mehr kürzen lassen. Zumindest dem Alter nach ...

Die fast schulterlangen, mehr weißen als grauen Haare wird Ronald Brautigam in diesem Leben wohl nicht mehr kürzen lassen. Zumindest dem Alter nach dürfte der Holländer ein Achtundsechziger sein. Die Gelassenheit, die er Besuchern gegenüber ausstrahlt im alten, engen Haus in der Amsterdamer Altstadt, reicht hinein bis in seine Haltung am Klavier. Anders als andere Spitzenvirtuosen setzt er sich oben unterm Dach im Studio mit dem weiten Blick über die Stadt problemlos ans Instrument und demonstriert locker, was er gerade meint.

Brautigam kann in Rage geraten, aber nur am Klavier; es muss in den Noten stehen. Wenn Beethoven zum Beispiel in der Appassionata im letzten Satz "Allegro ma non troppo" über die Musik schreibt, schließt Brautigam daraus, dass der Spieler das "ma non troppo" nicht allzu wörtlich nehmen sollte. Schon mit dem vielfach wiederholten Überleitungsakkord am Beginn schlägt er mehr ein Vivace an als ein Allegro. Allerdings hebt nicht allein die Wahl der Tempi - durchweg, nicht durchgehend sind sie zügiger als gewohnt - Brautigams Gesamtaufnahme der Klaviersonaten (inzwischen bei Volume 6) aus dem Handelsüblichen heraus. Es ist der Verzicht auf eine Prätention, mittels derer Generationen von Klaviersolisten subjektiv und selbstgewiss dafür sorgten, dass sich eine dicke Patina aus dicker Bildung und schwerer Bedeutung ablagerte auf dem Repertoire.

Brautigam legt etwas frei. Nicht den "wahren" Beethoven, den es nicht gibt. Aber einen für Zeitgenossen in heutigen Gesten erkennbaren, unverstellten Beethoven. Brautigam wird selbst im rasenden Finale der Appassio­nata nie zirzensisch. Deren furiose Wirbel verwirren ihm weder den Kopf noch die Finger. Die Fliehkraft geht in die Noten und: Er kann die Musik auch in der Schwebe halten. Das Thema des langsamen Satzes, einer dieser Trauermärsche voller ins Große gewendeter Weh- und Kleinmut, reflektiert er in kühlen, in ihrer Durchdachtheit tröstlichen Variationen.

Brautigam ist kein groß gewachsener Mann, er hat kleine, kräftige Hände. Die Art, wie er die Akkorde in die Tasten hämmert, wirkt allerdings prankenhaft. Sie entspricht allem, was wir über Beethovens cholerisch-titanisches Wesen, sein radikales Klavierspiel zu wissen glauben. Indes, auf einem modernen Flügel ließe sich so etwas so nicht realisieren. Infolge des viermal längeren Klangs würde ein derart heftig in die Tasten gedonnerter Akkord krachend im nächsten untergehen.

Der Nachbau eines zarten kleinen Walter-Hammerflügels vom Anfang des 19. Jahrhunderts, wie ihn Brautigam besitzt und spielt, stammt allerdings aus einer Zeit, in der Kraft noch nicht gleich Lautstärke war, Zärtlichkeit nicht Tagescreme. Fortissimo ist hier nicht Ohren betäubendes Dezibelmaximum. Sondern Gestus. Ingeniös, souverän, schöpfungswütig und - Beethoven wollte ja durchdringen zur totalen Herrschaft über die Form - auch herrschsüchtig.

So etwas muss, folgt man Brautigam, keinen Moment lang einschüchternd wirken. Wenn die klassische Musik in den vergangenen Jahrzehnten mehr und mehr aus dem Alltag zu verschwinden drohte, dann durch die Mischung aus Stagnation und Einschüchterung. Sollte sie irgendwann einmal wieder gesellschaftlich bedeutsam werden, dürfte das nur auf Wegen möglich sein wie sie Brautigam heute probiert. Seine Virtuosität und Detailversessenheit verbunden mit einem Sinn für Zusammenhänge führen beim Publikum und im Spieler zum Eindruck von Beteiligtsein. In die vermeintliche Kühle und spielerische Leichtigkeit, mit der Ronald Brautigam Beethovens Dramatik entwickelt, mischt sich etwas Zeitgemäßes, das schon Beethoven umgetrieben hat. Spielt man es mit, sorgt es für eine Aura von Aktualität: Es ist die Unruhe einer ungewissen Epoche. Sie steckt noch in Beethovens komponierten Träumen von deren unendlicher Überwindung.

Beethoven Sonaten op. 53 ("Waldstein"), 54, 57 ("Appasionata"), 78 und 79 - Ronald Brautigam, Hammerflügel; BIS/Klassik Center Kassel BIS 1573. Schon erschienen sind u.a. Mondscheinsonate (Vol. 4), Pathétique (Vol. 1) und Der Sturm (Vol. 5)

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