Lauschangriff 4/08

Klassik-Kolumne Da gibt es die historische Aufführungspraxis seit Jahrzehnten, sie hat sich durchgesetzt; hat zugleich einem weithin impuls- und gedankenlosen ...

Da gibt es die historische Aufführungspraxis seit Jahrzehnten, sie hat sich durchgesetzt; hat zugleich einem weithin impuls- und gedankenlosen Klassikbetrieb neue Kraft verliehen. Mit ihr sind spezielle Ensembles entstanden, selbstverwaltet, unsubventioniert, ästhetisch wie ökonomisch risikobereit. Viele von ihnen sind in jene Jahre gekommen, wo mit der Gründung von Familien die Neigung zu idealistischer Selbstausbeutung nachlässt: Sie müssen sich teurer anbieten, haben es schwerer auf dem Markt, öffnen sich Kompromissen leichter. Und doch überraschen auch solche altgedienten Ensembles immer wieder mit erfreulich ungewohnt klingenden Interpretationen.

Etwa das Freiburger Barockorchester (FBO). Es gründete sich in den späten achtziger Jahren. Eine Besonderheit: Trotz gelegentlicher Arbeit mit Dirigenten, wird es geleitet wie vor 250 Jahren, von Konzertmeistern, hier: Gottfried von der Goltz oder Petra Müllejans, vom ersten Pult aus.

Es gehört zu den Gepflogenheiten historisch informierter Orchester, nach Möglichkeit mit authentischem Aufführungsmaterial zu arbeiten. So entdeckten die Freiburger in Musikarchiven autographes Notenmaterial zum Klavierkonzert K. 595. Sie fanden darin Belege für die These, dass schon Mozart selbst sich um die Klangbalance seiner Konzerte sorgte. Dass in die Partitur von K. 595 eigens "Solo"- und "Tutti"-Anweisungen eingetragen wurden, wäre nichts Besonderes, wenn diese Anweisungen sich in allen Stimmen fänden. Sie finden sich aber nur in den vier Streichersystemen. Nur jeweils eine Streicherstimme wurde vollständig aus der Partitur kopiert. Die anderen, so genannte "ripieno"-Stimmen, haben Noten nur in den mit "Tutti" bezeichneten Stellen.

Daraus ergibt sich eine von Mozart dezidiert angestrebte Klangregie, in der das Soloklavier, außer von den Bläsern, jeweils nur von einem Streichquartett begleitet wird.

Das wäre kaum der Rede wert, käme es in der Neuaufnahme des FBO mit dem Hammerflügel-Spezialisten Andreas Staier nicht zu klangdelikatester Wirkung. Eben weil die Orchesterbegleitung nicht wie gewohnt grell ausfällt, muss das Klavier nicht im starken Scheinwerferlicht auftrumpfen. Stattdessen liegt akustisch alles im milden Kerzenschimmer der Zeit, die Konturen glänzen silbrig, die Akzente sind deutlich gesetzt und voller Spannung. Der Solist, befreit von der Angst, dynamisch nicht unterzugehen, dankt mit zartesten Nuancen.

Man hat lange die Melancholie und Abgeklärtheit dieses konzertanten Wunderwerks dem nahenden Tod des Komponisten zugeschrieben. Der hat das Stück im Januar 1791, am Beginn des Todesjahrs, in sein eigenhändiges Werkverzeichnis eingetragen. Wie indessen das kluge Booklet der CD berichtet, haben neueste Untersuchungen von Mozarts Notenpapier ergeben, dass der Komponist die beiden ersten Sätze möglicherweise schon 1788 niederschrieb.

Die Freiburger spielen allerdings das fraglos am Ende von Mozarts Leben entstandene Klarinettenkonzert nicht nach der im Fall Mozart beliebten Methode "todesnah und tränenreich". Das Tempo des Kopfsatzes bringt ein munter klangvolles Virtuosenstück zu Gehör; die deutliche Getragenheit des Adagio hebt den Satz, der in der Tat weder traurig, gottvoll, jenseitig, sondern einfach nur unirdisch schön ist, aus einem Werk heraus, dessen Schluss-Allegro vom Tod nichts wissen will.

Ähnlich differenziert, ja auf intelligente Art kulinarisch geht das FBO mit Mozarts Kompositionen der zweiten Parisreise um. Der Sinfonia Concertante wie dem Konzert für Flöte und Harfe kommen die Farbigkeit des FBO-Instrumentariums und die interpretatorische Präzision und Phantasie dieses Ensembles glückhaft zustatten.

Mozart The last Concertos; Klavierkonzert B-Dur K. 595+ Klarinettenkonzert A-Dur K. 622 - Staier/Coppola/FBO/von der Goltz; Harmonia Mundi HMC 901980. Mozart Concertante; Sinfonia Concertante B-Dur K. 297B; Konzert für Flöte, Harfe und Orchester K. 299; Sinfonie D-Dur K. 297 - Galassi/Kaiser/Brüggemann/Zafra/Wieringa/FBO/von der Goltz; Harmonia Mundi 901897

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare