Oliver Kahn gibt den Ball ab

Eventkritik Das Europäische Parlament will Wähler mobilisieren und entdeckt die Promi-Kampagne. Die Abgeordneten werden dadurch nicht bekannter, obwohl das bitter nötig wäre

Die Zeiten, in denen er nach eigener Aussage das „einzige Tier“ in der Familie war, sind vorbei. Heute benimmt sich Oliver Kahn, Ex-Nationaltorwart, nicht mehr ganz so affig, er ist jetzt anzugtragender Fußballexperte und Co-Moderator im Zweiten Deutschen Fernsehen. Und es kommt noch besser: Neuerdings soll der Sportoholic, der einer schönen Anekdote zufolge selbst bei einem Auftritt mit Kindern für einen guten Zweck keinen einzigen Ball ins Tor gelassen hatte, sogar freiwillig einen Ball abgeben.

Werbespot zur Europawahl

Das jedenfalls behauptet ein anderer Herr im feinen Anzug an einem verregneten Berliner Vormittag im Europäischen Haus, der deutschen Repräsentanz des Europäischen Parlaments, gleich neben dem Brandenburger Tor. Hier freut sich Präsident Dr. Hans-Gert Pöttering hinter seinem Stehpult vor einigen wenigen Kameras und Journalisten über ein besonderes Engagement von Kahn: „Er gibt nun den Ball an die Bürger ab, das nächste Spiel ist am 7. Juni und bekanntlich ist das nächste immer das wichtigste,“ sagt der Präsident.

Zum Glück war es das aber auch an bemühter Ballmetaphorik, der große Kahn ist schließlich auch nicht anwesend. Der einzige blonde, auf verwegen getrimmte Haarschopf vor Ort gehört zu Moderatorin Inka Bause, die im Fernsehleben nicht müde wird, Bauern auf RTL eine Frau zu suchen. Was ja wiederum auch zum Thema des Tages passt (und selbstverständlich nach neuen Metapher-Stilblüten schreien wird), schließlich geht es an diesem Vormittag um Europa. Um seine Bürger und Bürgerinnen, um Politik und Einfluss, um Macht und Machtmacher. Die nächste Europawahl steht an und das Europäische Parlament will mit einer Info-Kampagne die Bürger mobilisieren. Vor allem die jüngeren Wähler sollen erreicht werden, die oftmals gar nicht wüssten, dass sie mitentscheiden dürften, wie eine ebenso anwesende Vertreterin des Musiksenders MTV erklärt.

Promis mit politischem Mehrwert

Kahn und vier weitere prominente Gesichter – Bause sowie Pro-Sieben-Dauer-praktikant Elton, Tatort-Kommissar Dietmar Bär und Viva-Moderatorin Johanna Klum – bieten sich bei soviel unterstellter Unwissenheit dann wohl an, um auf ein politisches Anliegen aufmerksam zu machen. Sie leihen ihren Namen und ihr Gesicht im Auftrag ihrer Fernsehsender den TV-Spots der Kampagne, deren Botschaft lautet: „Deine Stimme entscheidet“.

Aufgebaut sind diese wie eine Nachrichtensendung, in der Bürger aus diversen EU-Staaten ihre Meldungen vortragen, wie ein Europa der Zukunft aussehen könnte. Väter bleiben mindestens zwei Jahre zu Hause, Gütertransporte landen auf der Schiene, Europas Grenzen werden für Importe geschlossen. Weil das alles sehr wichtig und richtig rüberkommt, aber keinen großen Unterhaltungswert bietet, treten in den deutschen Spots jene Promis an und lassen wie Praktikant Elton zum Beispiel sein Bier Bahn fahren und nicht im Stau stehen.

Zum Lachen ist das alles leider nicht, bei aller Güte für eine gutgemeinte Sache. Wie bei jeder Promi-Gesichts-Kampagne stellt sich auch hier einmal mehr die Frage, wer eigentlich imagemäßig von wem profitiert. Kahn, Elton und Bause („Europa sucht schließlich auch Wähler“) haben jetzt scheinbar auch politischen Mehrwert. Die EU darf sich jedoch weiterhin die Frage stellen, ob sie nicht weit mehr Wähler mobilisieren würde, wenn sie die Gesichter ihrer Abgeordneten bekannter machen und das Parlament nicht als Abschiebebahnhof für ausrangierte Nationalstaatspolitiker darstellen würde. All die Milchbäuerinnen etwa, die zuletzt vor Regierungssitzen gegen die Abschaffung einer Preisobergrenze durch die EU protestierten, werden sich bestimmt brennend für Frau Bauses neues Gesuch interessieren.

Einer immerhin vertrat bei der Präsentation ein glaubwürdiges Interesse: Nikolaus Brender, ZDF-Chefredakteur, appellierte nicht nur an Journalisten, dass ihre Aufgabe in einer ausgewogenen, dennoch kritischen Berichterstattung über Europa liege. Er nutzte auch dieses Forum, um dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch eins mitzugeben, der an der Absetzung des ihm unliebsamen Chefredakteurs arbeitet.

Und Kahn? Der muss am Ende in seinem Spot dann doch wieder einen Ball halten. Einen blauen mit Europasternen. Wäre ja auch zu schön gewesen.

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Ihre Freitag-Redaktion

05:00 14.05.2009
Geschrieben von

Susanne Lang

Freie Redakteurin und Autorin. Zuvor Besondere Aufgaben/Ressortleitung Alltag beim Freitag
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Susanne Lang

Ausgabe 42/2021

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