Bullshit-Jobs

Sinnlose Jobs Bullshit-Jobs gefährden die Gesundheit der Menschen und der Gesellschaft
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Laut Umfragen in Großbritannien und den Niederlanden haben 37 bis 40 Prozent der Arbeitskräfte den Eindruck, dass ihre Tätigkeiten sinnlos sind. Der Anthropologe David Graeber hat dieses Phänomen durch Zufall oder besser gesagt durch einen provokativen Zeitungsartikel entdeckt. In den letzten Jahren hat er seine These der Bullshit-Jobs näher untersucht und den Begriff folgendermaßen definiert:

„Ein Bullshit-Job ist eine Form der bezahlten Anstellung, die so vollkommen sinnlos, unnötig oder gefährlich ist, dass selbst derjenige, der den Job ausführt, seine Existenz nicht rechtfertigen kann, obwohl er sich im Rahmen der Beschäftigungsbedingungen verpflichtet fühlt, so zu tun, als sei dies nicht der Fall.“

In seinem Buch beschreibt Graeber viele anschauliche Beispiele von Jobs, die es in einer kapitalistischen Wirtschaft eigentlich gar nicht geben dürfte. Ich hatte vor ein paar Jahren dieses Phänomen auch schonbeschriebenund freue mich nun umso mehr, es auch wissenschaftlich bestätigt zu bekommen.

Sinnlose Tätigkeiten fügen unserer Seele einen erheblichen Schaden zu. Sie stören das Bedürfnis nach Wirksamkeit, erzeugen quälende Langeweile und verursachen psychosomatische Erkrankungen. Die damit verbrachte Lebenszeit wird als sinnlos empfunden, oftmals wird die Anstellung nur ertragen, weil damit der Lebensunterhalt bestritten werden kann. Und das obwohl die Arbeitsbedingungen oft angenehm sind und die Bezahlung gut.

Manche Inhaber von Bullshit-Jobs nutzen ihre Zeit für anderes, von exzessiver Facebook-Nutzung bis zum Erlernen einer neuen Sprache, dem Schreiben eines Romans oder dem Malen von Katzenbildern. Andere müssen fortwährend vortäuschen, tätig zu sein, oder jedwede Ablenkung ist untersagt, was in der Folge oft ein Gefühl der inneren Leere und Abgestumpftheit verursacht.

Sinnvolle Tätigkeiten hingegen, die von den Betroffenen selbst und allgemein gesellschaftlich als notwendig betrachtet werden, werden oftmals immer weiter rationalisiert und schlecht bezahlt. Als sei das Privileg einer sinnvollen Aufgabe schon genug der Anerkennung. Laut Graeber sind Ärzte eine der wenigen Ausnahmen aus dieser Regel.

Doch das stimmt nicht immer. Auch als Ärztin habe ich schon zwei Mal einen Bullshit-Job gehabt. Beide Male als angestellte Weiterbildungsassistentin in der Allgemeinmedizin. Obwohl es in dem Fachbereich mehr als genug Arbeit gibt. In der einen Praxis bestand meine Aufgabe darin, Hausbesuche in Altenheimen zu machen, die eigentlich nicht gebraucht wurden. Das einzige Ziel war es, diese Leistungen abrechnen zu können. Für die wenigen Besuche, die tatsächlich notwendig waren, war ich gar nicht ausgebildet oder eingearbeitet und musste dann oft einen Kollegen hinzurufen. Mein Chef machte keinen Hehl daraus, dass durch die Abrechnung der sinnlosen Hausbesuche die Praxis deutlich mehr Gewinn machte als mein Gehalt kostete, und falls ich während der Arbeitszeit private Erledigungen machen wollte, dann hätten sie nichts dagegen. Mich machte diese Stelle depressiv. Ich wollte als Hausärztin arbeiten, um Menschen zu helfen, nicht um den Umsatz meiner Vorgesetzten zu steigern.

In der nächsten Stelle hatte ich ebenfalls kaum Chancen, an der normalen Sprechstunde teilzunehmen. Stattdessen sollte ich eintreffende Befunde lesen, die mein Chef anschließend selbst auch noch mal las. Meine Motivation ging in den Keller, ich hatte am Arbeitsplatz nicht mal Internet, um mich abzulenken, und das Lesen von Fachbüchern ohne praktische Anwendungsmöglichkeit langweilte mich. Meine Pausen wurden immer länger, die Stimmung immer schlechter. Bis ich irgendwann unter Tränen meinem Arbeitgeber gestand, wie sinnlos mir dies alles erschien. Wir einigten uns darauf, die Anstellung zu beenden, und für die restliche Zeit bekam ich tatsächlich noch eine kleine Sprechstunde.

David Graeber hält das Bedingungslose Grundeinkommen für eine Lösung, um dem Dilemma der Bullshit-Jobs zu entkommen. Die oft gestellte Frage „Wer geht dann noch arbeiten?“ hält er für eine offensichtlich falsche Befürchtung. Und selbst wenn es dann als nächstes heißt, „ ja, vielleicht sind die meisten noch tätig, aber nur mit Aufgaben, die für sie selbst von Interesse sind. Dann wären die Straßen voller schlechter Dichter, lästiger Schauspieler und Vertreter schräger wissenschaftlicher Theorien“. Wenn heute schon 40 Prozent der Arbeitskräfte in reichen Ländern den Eindruck haben, dass ihre Tätigkeiten sinnlos sind, würden wir durch einen Rückgang von Erwerbstätigkeit in derartigem Ausmaß immer noch keinen Verlust an Wertschöpfung verzeichnen. Viel eher müssten wir stattdessen davon ausgehen, dass die Menschen sich von sinnlosen Jobs befreien und tatsächlich wirksam tätig werden. Die Produktivität könnte dadurch sogar steigen, auch wenn sie vielleicht nicht mehr durch Arbeitslosenstatistiken oder Bruttoinlandsprodukte dargestellt werden kann.

Im Zuge der Digitalisierung wird oft darauf verwiesen, dass die vergangene Industrialisierung und Automatisierung nicht zu Massenarbeitslosigkeit geführt hätten. Das Phänomen der Bullshit-Jobs widerspricht dieser These. Es ist nur eine große Anzahl „Einkommensplätze“ geschaffen worden, die den Menschen zwar ein Einkommen verschaffen, aber keine sinnvolle Tätigkeit beinhalten. Statt diesen Trend nun noch weiter fortzusetzen, sollten wir dingend die Existenzsicherung von der Arbeit entkoppeln.

Denn wirklich sinnvolle Arbeit gibt es mehr als genug. Im sozialen Bereich, in der Ökologie, im Kreativ-Künstlerischen ist noch viel Luft nach oben. Vielleicht brauchen manche ein bisschen Hilfe bei der Suche, doch soziale und Bildungsarbeit könnte sich darauf einstellen. Nur die Bezahlung gestaltet sich da oft besonders schwierig. Mit einem Bedingungslosen Grundeinkommen ist zumindest die Basis trotzdem für alle gesichert.

16:31 09.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare 6