Als hätte Obama diesen Film gemacht

Im Gespräch Anil Kapoor spielt den Showmaster im preisgekrönten Film "Slumdog Millionaire". Im Interview spricht er über Regisseur Danny Boyle, Wohlfühlfilme und die Zukunft Indiens

The Guardian: Sie sind schon sehr lange Schauspieler.

Anil Kapoor: Ja, das stimmt. In Indien war ich schon bei allen Preisverleihungen. Die wurden allerdings immer in Hindi abgehalten. Diesmal, bei den Oscars, war alles in Englisch und viel größer.

Gab es bei Slumdog Millionaire einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass der Film etwas Besonderes sein würde?

Ich wusste von Beginn der Dreharbeiten an, dass es ein guter und besonderer Film sein würde. Es ist wie wenn du Cricket spielst, gerade besonders gut in Form bist und dir jeder Spielzug gelingt. Meiner Frau habe ich damals gesagt: Ich glaube, ich habe den Ball übers Stadion hinausgeworfen. So gut war es.

Hatten Sie vor dem Film schon einmal etwas von Danny Boyle gehört?

Noch nie, das schwöre ich. Ich wusste nicht, wer er war. Mein Sohn klärte mich dann auf. Er wurde auf einmal zu meinem Agenten. „Du musst diesen Film machen,“ hat er zu mir gesagt. Er hat auch als erster das Drehbuch gelesen und fand es großartig. Dann brachte er mich dazu, Boyle anzurufen.

Slumdog Millionaire wurde als „Wohlfühlfilm des Jahrzehnts“ bezeichnet. Finden Sie diese Bezeichnung zutreffend?

Er ist ein Wohlfühlfilm, allerdings einer von heute. Wenn man einen rosaroten Wohlfühlfilm macht, in dem jeder gut ist und alles schön und wunderbar, dann wird er dem Publikum nicht gefallen. Dieser Film ist wie das echte Leben, wie die Welt. Mit Hürden und Handicaps, mit den Schwierigkeiten, denen man sich im Leben stellen muss, aber auch der Hoffnung auf eine gute Zukunft. Dieser Film ist wie Obama: Die Leute wollen ihn sehen, sie wollen, dass er ihr Leben verändert. Er beflügelt sie und macht sie glücklich.

Was halten sie davon, dass einige Leute sagen, nur ein Weißer habe so einen Film über Indien machen können?

Das haben in Indien doch nur zwei oder drei Leute gesagt. Im Westen wurde es dann aufgegriffen, weil der Film so enorm erfolgreich war. Slumdog ist jetzt ganz oben, da muss es ein wenig Prügel geben. Das ist auch okay so. Das macht das Leben interessant.

Kann ein Filmemacher aus dem Westen Indien überhaupt angemessen auf die Leinwand bringen?

Jemand, der von außen kommt, kann die Dinge aufgrund der Distanz oft viel genauer sehen. Ein Beispiel ist Shekhar Kapur, der den Film Elisabeth gemacht hat. Er kommt aus Indien und hat Elisabeth ganz anders gesehen, als ein Brite es eventuell gekonnt hätte – vielleicht sogar besser.

Vom Tellerwäscher zum Millionär: Findet sich das Rags-to-Riches-Element in ihrem Leben wieder?

Ja. Das habe ich auch Danny erzählt. Ich kann mich beiden Charakteren identifizieren. Ich fühle mich wie Jamal [der junge Talkshow-Teilnehmer, der von Dev Patel gespielt wird]. Ich kann mich selbst ihn ihm erkennen. Ich identifiziere mich aber auch mit [dem Talkshow-Moderator] Prem Kumar. Auch ich stamme aus sehr einfachen Verhältnissen. Ich bin barfuß mit meinen Freunden durch die Slums und durch den Müll gerannt.

Sie sind also in den Slums aufgewachsen?

Slums würde ich nicht sagen. Ich wuchs in einem der so genannten „Chawls“ auf. Das sind Häuser, die aus kleinen Betonzellen bestehen – bessere Löcher – und die quasi die Vorstufe zu den Slums sind. Alle Bewohner teilten sich ein Gemeinschaftsbad – man musste immer anstehen. Es gab zwei Bäder für ungefähr zehn Familien und zwei Toiletten für zehn oder fünfzehn Familien.

Wie sind Sie unter diesen Umständen zur Schauspielerei gekommen?

Als ich ungefähr zwölf Jahre alt war, rannte ich von Zuhause weg, um für einen Film vorzusprechen. Ein Freund meines Vaters war für die Statistenrollen zuständig, doch statt einer Statistenrolle bekam ich eine kleine Sprechrolle. So fing ich an, mit kleinen Rollen. Dann bekam ich eine männliche Hauptrolle und der Film wurde ein Erfolg.

Wie schlägt Indien sich im Zuge der weltweiten Rezession?

Indien ist rein und unschuldig. Indien weiß, was es will, hat eine Richtung. Das Land ist unverbraucht und hat viel zu bieten. Wir brauchen bloß einen großen, dynamischen, jungen Führer, der uns auf die nächste Stufe führt. Wenn das Glück mit Indien ist, wird das Land zu einer großen Wirtschaftsmacht werden. Indien ist augenblicklich das Zentrum der Welt.

Anil Kapoor wurde 1959 in Mumbai, Indien, geboren. Er wirkte in zahllosen "Bollywood"-Filmen mit, seit ein paar Jahren ist er auch als Produzent tätig

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Hannah Pool, The Guardian | The Guardian

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