Auf den Löwen gekommen

Dauerdemütigung Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis über die Krise in Griechenland und den Zustand der EU
Auf den Löwen gekommen
Varoufakis hat den Eindruck, die EU sei dabei, ihre Seele zu verspielen
Foto: Milos Bicanski/AFP/Getty Images

Ein Buch zu schreiben sollte eine Erfahrung sein, die das Leben des Autors verändert. And the Weak Suffer What They Must? (Und die Schwachen leiden, so viel sie eben müssen?) sorgte diesbezüglich für keine Ausnahme. Als ich daran arbeitete, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, das Thema würde mir auf halber Strecke entgleiten und eine Antwort im realen Leben fordern. Und ehe ich mich versah, fand ich mich in der Höhle des Löwen wieder, über den ich gerade noch geschrieben hatte.

Ich hatte mit den Recherchen zu dieser Publikation begonnen, weil ich eine Reihe von Fragen beantworten wollte. Warum zerfällt die EU, was seit der Finanzkrise 2008/09 unübersehbar ist (und wofür inzwischen der Brexit zu einem bis dato so nicht gekannten Symptom wurde)? Weshalb gelingt es Europa nicht, es den USA gleichzutun, die ebenfalls als lose Konföderation eigenwilliger Einzelstaaten begannen, bevor sie sich in Reaktion auf existenzielle Krisen zusammentaten und seitdem eine starke Einheit bilden?

Während ich versuchte, Antworten zu finden, war mein Land bereits dabei, wie der Kanarienvogel in der Kohlenmine geopfert zu werden. Wie mit Griechenland umgegangen wurde, erwies sich als Zeichen dafür, dass die EU nicht in der Lage war, der Finanzkrise mit einem Konsolidierungsprogramm zu begegnen. Sie entschied sich stattdessen für eine selbstzerstörerische Mischung aus Autoritarismus und Inkompetenz.

Schon bald nachdem ich die ersten Kapitel des Buches fertiggestellt hatte, in denen dargelegt wird, dass Länder wie Griechenland mit selbstzerstörerischen Sparauflagen über die Klippe gestoßen werden und so die Fragmentierung der EU weiter Fahrt aufnimmt, rief mich die Pflicht. Am 1. Januar 2015 musste ich mit dem Schreiben aufhören und mich in einen kurzen Wahlkampf stürzen, an dessen Ende ich als griechischer Finanzminister der ersten Regierung Tsipras vereidigt wurde. Der Gegenstand meines Buches war tatsächlich aus meinem Laptop gesprungen und hatte mich – wenn man so will – aufgefordert, Worten auch Taten folgen zu lassen. Während der sechs Monate, die ich dem Kabinett angehörte, habe ich daher versucht, ein Abkommen auszuhandeln, das zum gegenseitigen Nutzen Griechenlands und der EU gewesen wäre. Es hätte so beschaffen sein können, dass es den Heilungsprozess einer Union einleitet, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Anfangsstadium der Erosion befand. Brüssel, Berlin und die EZB in Frankfurt reagierten mit unmerklicher Brutalität, als ob sie das Auseinanderbrechen des europäischen Staatenbundes insgeheim beschleunigen wollten.

Fass ohne Boden

Im Frühsommer 2015 war es dann so weit: Griechenland sollte in einem Schuldengebäude weggesperrt werden, und ich, der ich mich weigerte, die Kapitulationsurkunde zu unterzeichnen, trat von meinem Posten zurück. Die EU konnte erneut so tun, als habe sie eine Krise gelöst, indem sie in das bodenlose Fass mit alten, nicht tilgbaren Schulden neue Schulden hineinwarf. Den griechischen Bürgern blieb nicht anderes übrig, als das letzte bisschen Vertrauen zu verlieren, das sie noch in die Institutionen der EU gesetzt hatten.

Heute könnte die Stimmung dieser Bevölkerung kaum pessimistischer sein. Laut einer Umfrage geben sechs von zehn Griechen an, sie glaubten nicht, dass die Krise innerhalb des nächsten Jahrzehnts gelöst werden könne. Eine Arbeitslosenquote von 23 Prozent und fast 50 Prozent bei den 18- bis 25-Jähringen verhindert jeden Hauch von Zuversicht. Noch in diesem Jahr soll Griechenland Kredite in Höhe von sieben Milliarden Euro zurückzahlen und erneut Sozialleistungen kürzen. Nur wie? Die Armut ist zwischen 2008 und 2015 um 40 Prozent gestiegen. Einen solchen Einbruch gab es bisher in einem Land der Europäischen Union noch nie.

Nur wenige Wochen, nachdem Griechenland im Sommer 2015 erneut demütigende Verpflichtungen eingehen musste, kamen zahllose Flüchtlinge an seinen Küsten an. Es dauerte nicht lange, bis die EU ein beschämendes Abkommen mit der Türkei und ihrem immer autoritärer agierenden Präsidenten abschloss, das europäische Regierungen in die Lage versetzte, internationales Recht beim Schutz von Flüchtlingen zu verletzen.

Befreit von den Pflichten als Minister und in der Überzeugung, dass meine Ausgangsfragen unendlich viel dringlicher waren als gedacht, kehrte ich mit einer Fülle neuer Einsichten zu meinem Buch zurück, um es 2015 fertigzustellen. Die EU hatte mittlerweile ihre Integrität verloren und Griechenland an der Wand buchstäblich zerdrückt. Sie ist nun dabei, auch noch ihre Seele zu verlieren, indem sie ihre Werte gegenüber den Geflüchteten verleugnet.

Als ich mein Manuskript abgeschlossen hatte und feststand, das Buch sollte in Großbritannien vertrieben werden, fürchtete ich, britische Leser könnten den Eindruck gewinnen, meine Analysen und Erkenntnisse seien zu weit von ihren täglichen Sorgen entfernt. Doch der damalige Premier David Cameron beruhigte mich prompt, indem er das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU für den 23. Juni 2016 ansetzte. Plötzlich waren die britischen Medien voll mit Parallelen zwischen Grexit und Brexit, und es wurden wilde Debatten über die Zukunft der EU genährt. Wochenlang reiste ich vor der Abstimmung über die Insel und warb für einen Verbleib in der EU. Meine Zuhörer waren erstaunt: „Wie können Sie in Anbetracht dessen, wie man Sie und Ihr Land behandelt hat, uns raten, wir sollen bleiben?“ Die Verwirrung wurde dadurch nicht geringer, dass Michael Gove und andere Brexiteers mein Buch in den höchsten Tönen lobten und es fälschlicherweise als Argumentshilfe für ihre Erklärungen begriffen, warum Großbritannien die EU verlassen sollte.

Diejenigen, die glauben, der Brexit werde die Beziehungen zwischen London und Washington wie dem Rest der Welt stärken, täuschen sich. Sie übersehen die negativen Effekte, die eine andauernde Fragmentierung der EU bereits jetzt für den Rest der Welt hat.

06:00 20.03.2017
Geschrieben von

Yanis Varoufakis | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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