Yanis Varoufakis
Ausgabe 1117 | 20.03.2017 | 06:00 28

Auf den Löwen gekommen

Dauerdemütigung Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis über die Krise in Griechenland und den Zustand der EU

Auf den Löwen gekommen

Varoufakis hat den Eindruck, die EU sei dabei, ihre Seele zu verspielen

Foto: Milos Bicanski/AFP/Getty Images

Ein Buch zu schreiben sollte eine Erfahrung sein, die das Leben des Autors verändert. And the Weak Suffer What They Must? (Und die Schwachen leiden, so viel sie eben müssen?) sorgte diesbezüglich für keine Ausnahme. Als ich daran arbeitete, konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, das Thema würde mir auf halber Strecke entgleiten und eine Antwort im realen Leben fordern. Und ehe ich mich versah, fand ich mich in der Höhle des Löwen wieder, über den ich gerade noch geschrieben hatte.

Ich hatte mit den Recherchen zu dieser Publikation begonnen, weil ich eine Reihe von Fragen beantworten wollte. Warum zerfällt die EU, was seit der Finanzkrise 2008/09 unübersehbar ist (und wofür inzwischen der Brexit zu einem bis dato so nicht gekannten Symptom wurde)? Weshalb gelingt es Europa nicht, es den USA gleichzutun, die ebenfalls als lose Konföderation eigenwilliger Einzelstaaten begannen, bevor sie sich in Reaktion auf existenzielle Krisen zusammentaten und seitdem eine starke Einheit bilden?

Während ich versuchte, Antworten zu finden, war mein Land bereits dabei, wie der Kanarienvogel in der Kohlenmine geopfert zu werden. Wie mit Griechenland umgegangen wurde, erwies sich als Zeichen dafür, dass die EU nicht in der Lage war, der Finanzkrise mit einem Konsolidierungsprogramm zu begegnen. Sie entschied sich stattdessen für eine selbstzerstörerische Mischung aus Autoritarismus und Inkompetenz.

Schon bald nachdem ich die ersten Kapitel des Buches fertiggestellt hatte, in denen dargelegt wird, dass Länder wie Griechenland mit selbstzerstörerischen Sparauflagen über die Klippe gestoßen werden und so die Fragmentierung der EU weiter Fahrt aufnimmt, rief mich die Pflicht. Am 1. Januar 2015 musste ich mit dem Schreiben aufhören und mich in einen kurzen Wahlkampf stürzen, an dessen Ende ich als griechischer Finanzminister der ersten Regierung Tsipras vereidigt wurde. Der Gegenstand meines Buches war tatsächlich aus meinem Laptop gesprungen und hatte mich – wenn man so will – aufgefordert, Worten auch Taten folgen zu lassen. Während der sechs Monate, die ich dem Kabinett angehörte, habe ich daher versucht, ein Abkommen auszuhandeln, das zum gegenseitigen Nutzen Griechenlands und der EU gewesen wäre. Es hätte so beschaffen sein können, dass es den Heilungsprozess einer Union einleitet, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits in einem Anfangsstadium der Erosion befand. Brüssel, Berlin und die EZB in Frankfurt reagierten mit unmerklicher Brutalität, als ob sie das Auseinanderbrechen des europäischen Staatenbundes insgeheim beschleunigen wollten.

Fass ohne Boden

Im Frühsommer 2015 war es dann so weit: Griechenland sollte in einem Schuldengebäude weggesperrt werden, und ich, der ich mich weigerte, die Kapitulationsurkunde zu unterzeichnen, trat von meinem Posten zurück. Die EU konnte erneut so tun, als habe sie eine Krise gelöst, indem sie in das bodenlose Fass mit alten, nicht tilgbaren Schulden neue Schulden hineinwarf. Den griechischen Bürgern blieb nicht anderes übrig, als das letzte bisschen Vertrauen zu verlieren, das sie noch in die Institutionen der EU gesetzt hatten.

Heute könnte die Stimmung dieser Bevölkerung kaum pessimistischer sein. Laut einer Umfrage geben sechs von zehn Griechen an, sie glaubten nicht, dass die Krise innerhalb des nächsten Jahrzehnts gelöst werden könne. Eine Arbeitslosenquote von 23 Prozent und fast 50 Prozent bei den 18- bis 25-Jähringen verhindert jeden Hauch von Zuversicht. Noch in diesem Jahr soll Griechenland Kredite in Höhe von sieben Milliarden Euro zurückzahlen und erneut Sozialleistungen kürzen. Nur wie? Die Armut ist zwischen 2008 und 2015 um 40 Prozent gestiegen. Einen solchen Einbruch gab es bisher in einem Land der Europäischen Union noch nie.

Nur wenige Wochen, nachdem Griechenland im Sommer 2015 erneut demütigende Verpflichtungen eingehen musste, kamen zahllose Flüchtlinge an seinen Küsten an. Es dauerte nicht lange, bis die EU ein beschämendes Abkommen mit der Türkei und ihrem immer autoritärer agierenden Präsidenten abschloss, das europäische Regierungen in die Lage versetzte, internationales Recht beim Schutz von Flüchtlingen zu verletzen.

Befreit von den Pflichten als Minister und in der Überzeugung, dass meine Ausgangsfragen unendlich viel dringlicher waren als gedacht, kehrte ich mit einer Fülle neuer Einsichten zu meinem Buch zurück, um es 2015 fertigzustellen. Die EU hatte mittlerweile ihre Integrität verloren und Griechenland an der Wand buchstäblich zerdrückt. Sie ist nun dabei, auch noch ihre Seele zu verlieren, indem sie ihre Werte gegenüber den Geflüchteten verleugnet.

Als ich mein Manuskript abgeschlossen hatte und feststand, das Buch sollte in Großbritannien vertrieben werden, fürchtete ich, britische Leser könnten den Eindruck gewinnen, meine Analysen und Erkenntnisse seien zu weit von ihren täglichen Sorgen entfernt. Doch der damalige Premier David Cameron beruhigte mich prompt, indem er das Referendum über den Verbleib Großbritanniens in der EU für den 23. Juni 2016 ansetzte. Plötzlich waren die britischen Medien voll mit Parallelen zwischen Grexit und Brexit, und es wurden wilde Debatten über die Zukunft der EU genährt. Wochenlang reiste ich vor der Abstimmung über die Insel und warb für einen Verbleib in der EU. Meine Zuhörer waren erstaunt: „Wie können Sie in Anbetracht dessen, wie man Sie und Ihr Land behandelt hat, uns raten, wir sollen bleiben?“ Die Verwirrung wurde dadurch nicht geringer, dass Michael Gove und andere Brexiteers mein Buch in den höchsten Tönen lobten und es fälschlicherweise als Argumentshilfe für ihre Erklärungen begriffen, warum Großbritannien die EU verlassen sollte.

Diejenigen, die glauben, der Brexit werde die Beziehungen zwischen London und Washington wie dem Rest der Welt stärken, täuschen sich. Sie übersehen die negativen Effekte, die eine andauernde Fragmentierung der EU bereits jetzt für den Rest der Welt hat.

Übersetzung: Holger Hutt

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 11/17.

Kommentare (28)

Markou Spyros 20.03.2017 | 10:30

In d.Zeit von 2004 bis 09/2009 war Ministerpräsident in Griechenland der rechte Karamanlis, Partei-Freund von Merkel in der EVP. Er überschuldete das Land, in dem er die Verschuldung des Landes von 120 Milliarden auf fast 300 (!!) Milliarden steigen ließ. ..

Obwohl Merkel und Baroso es wußten, haben ihm nichts gesagt, bis 2009 der Sozialist Papandreou die Regierung -nach den Wahlen- übernahm.

Dann begann die Bestrafung Griechenlands und die unendliche -bis heute- Tragödie eines Volkes, das keine Schuld daran hatte..

Varoufakis hat einen vernünftigen Vorschlag ,damlas, 2015, den Amtskollegen in der Euro-Gruppe dargelegt, den man verstehen kann. ohne Ökonom zu sein:

-Schuldenschnitt (unentbehrlich)

-Minderung der MWST von 23% auf 18%

-Minderung der Unternehmer-Besteurung von 29% auf 20%, um Arbeitsplätze schaffen zu können,

-Primär-Überschuß auf 1% und nicht 3,5% des BIP , wie heute der IMF und Schäuble forden.

Der Vorschlag wurde abgelehnt !

-Das Absurdum vom mörderischen IMF und Schäuble hält 7 Jahre an...!

-Die BESTRAFUNG eines ganzen Volkes geht weiter ...

-Das Verbrechen gegen das Griechische Volk dauert an...

Wo bleibt ein Gericht, das diese Völkermörder verurteilen muß?

Querlenker 20.03.2017 | 16:08

Das Gejammer wegen der sozialen Einschnitte für die Bevölkerung kann ich ja noch verstehen. Aber

<<Die BESTRAFUNG eines ganzen Volkes geht weiter ...

-Das Verbrechen gegen das Griechische Volk dauert an...

Wo bleibt ein Gericht, das diese Völkermörder verurteilen muß?>>

ist unterste Schublade a la Erdogan. Immer schön gegen das Ausland, damit das eigene Volk von den Versäumnisssen seiner unfähigen Regierung Cypras abgelenkt wird.

Anscheinend haben die Griechen schon wieder vergessen, wie es war, ala aus den Geldautomaten kein Geld mehr raus kam.

Was ich an dem Gejammere von Herrn Varoufakis sehr vermisse:

Kein Wort darüber, was die Griechen selbst beitragen könnten, ihre Misere selbst zu beheben. Warum kommt die Regierung nicht an das Geld der sehr reichen Griechen im In- und Ausland heran? Was tut die griechische Regierung, damit eine effiziente und nicht korrupte Steuerverwaltung und ein Grundstückskataster entsteht? Was tut die Regierung, damit ausländische Firmen ohne überbordende bürokratisache Hindernisse in Griechenland investieren können? Warum nutztGriechenland die aktuellen Probleme Italiens mit dem Olivenöl nicht aus und verkauft mehr Olivenöl auf dem Weltmarkt? Warum gehört ausgerechnet Griechenland zu den NATO Staaten, die das von Trump vorgegebene Ziel von 2% der Militärausgaben am BIP ständig übererfüllt? Anscheinend ist also doch noch genug Staatsknete vorhanden. Warum sollen die europäischen Partner, die Griechenland bisher durch immer neue Kredite vor dem Finanzkollaps bewahren, Griechenland mehr entgegenkommen als z.B. Spanien und Portugal bei der Aufarbeitung der hausgemachten Schuldenkrise? Welchen Beitrag leistet Griechenland auf den Inseln für die Flüchtlinge, deren Ansturm auf Griechenland durch den EU-Türkei-Deal weitgehend zum Erliegen gekommen ist? Man muss Erdogan und den Deal ja nicht mögen, aber stellen Sie sich mal vor, wie Griechenland ohne den Deal heute aussähe!

Sikkimoto 20.03.2017 | 17:35

Ihren Vorschlägen fehlt jeglicher Realitätsbezug. Nur mal ein Beispiel, die effiziente Steuerverwaltung: Nachdem die Beamtengehälter wie von der Troika vorgegeben radikal gekürzt wurden sind die fähigsten Steuerprüfer einfach gegangen. Was so auch absolut vorhersehbar war. Trotzdem wurde der Schritt erzwungen.

Und noch was zum Sprech: Sie fühlen sich wahrscheinlich sehr heftig wenn sie von "Gejammer" und ähnlichem sprechen, tatsächlich wirken sie damit aber nur sehr dämlich, denn es wird recht offensichtlich, dass sie von dem Thema keine Ahnung haben.

O.Neill 20.03.2017 | 17:39

Weiß hier jemand, wie hoch die Steueraußenstände des griechischen Staates sind?

Vor ein zwei Jahren waren mal so um die 60 bis 90 Milliarden Euro.

Und weiß einer, ob man private Swimming-Pools noch als Zysternen deklarieren darf, um sie steuerfrei zu stellen?

Irgendwie ist Griechenland ein Deja-Vus. traurig dass man das nicht hin bekommt. Weder Griechenland selbst noch die EU.

Markou Spyros 20.03.2017 | 19:15

An QUERLENKER: Sie haben keine Ahnung, lieber Freund, was in diesem Lande vorgeht.

Das Land steht unter Besatzung, des IMF und Schäubles und das Volk wird buchstäblich bestraft und den Satz..." untere Schublade, a la Erdogan " finde ich ungerecht und inakzeptabel.

-Auf alle Ihre Fragen kann ich antworten, aber wenn jemand voreingenommen ist, hat es keinen Sinn... Die Sache ist so:

An Griechenland wurden Milliarden-Kredite gewährt und diese gingen-zu 95%- an die Banken.

-Obwohl das Problem in GR der Staat war, der IMF zerstörte den Privat-Sektor, mit dem Ergebnis eine Arbeitslosigkeit von 26%, also 1,4 Millionen Bürger ohne Job, bei den Jugendlichen fast

50% !

-Deregulierung der Arbeitsverhältnisse hat der IMF diktiert und jetzt herrscht ein Dschungel auf dem Arbeitsmarkt.

-Ein anderes absurdes Beispiel: In einem Land des Tourismus, wie GR, verlangte der IMF die Erhöhung der MWSt. von 13 auf 24%, auf dem Sektor der Bewirtung.: In einem Jahr wurden 120.000 (!) Arbeitsplätze verloren und der Staat hatte Einnahmen nicht 400 Millionen, wie die groooßen "Ökonomen" des IMF gerechnet haben, sondern nicht einmal 80 Millionen !...

-Was die Militär-Ausgaben betrifft: Griechenland gibt doch 2% des BIP, aber es kauft die teueren Leopard II von Deutschland, F-16 von den USA und Mirage 2000 non den Franzosen.

Im Jahre 2007 hatte Merkel großen Druck auf Karamanlis geübt und er hatte die sehr teuern Euro-Fighter gekauft, obwohl sie

noch nicht hergestellt worden waren. Die Kosten: Einige Milliarden !! Diese bezahlt der griechische Steuerzahler.

Leider haben wir einen ...nervösen Nachbar, der uns täglich provoziert und auf der Ägäis machen sie 3mal täglich Luftraum-Verletzungen mit bewaffneten F-!6 , oder die türk. Kriegsschiffe schießen über bewohnte Inseln, wie vor wenigen Tagen...

-Die "Retter" lassen uns nicht in Ruhe !" Sie ruineren das Land ABSICHTLICH :Sie haben z.B. mit konkreten Daten festgestellt, dass die Erhöhung der MWSt. i.d. Bewirung NICHTS gebracht hat, trotzdem beharren sie darauf und verbieten die Minderung der MWSt. auf 13%, wie vorher. ...

Die "Retter" sind Finanz-Diktatoren und der größte Finanz-Diktator Europas ist der WOLF-gang...

Dieser Tage fordern sie Kürzungen, Kürzungen, bis das Volk ausblutet ... ES LEBE EUROPA !!

Das sind Tatsachen, alles andere ist Voreingenommenheit und BILD-Niveau....

Querlenker 20.03.2017 | 19:17

Woran kann ich feststellen, werter Sikkimoto, dass Sie in Griechenland den Durchblick haben, ich aber nicht? Ich hätte ja akzeptiert, wenn Herr Varoufakis geschrieben hätte, "wir haben die und die tolle Idee, unsere wirtschaftliche und finanzielle Lage zu verbessern, aber die Troika hindert uns daran." Stattdessen beklagt er, dass die Maßnahmen der Troika die konsumptiven Ausgaben nicht verbessern.

Was ist daran dämlich, wenn ich den Militäretat kritisiere? Das mit den Beamtengehältern kann man glauben oder nicht. Herr Varoufakis hätte das in seinem Beitrag ja ansprechen können. Er erwähnt es aber mit keinem Wort. Wenn Herr Cypras in der Lage war, gegen den Willen der Troika Rentensonderzahlungen zu Weihnachten durchzusetzen, dann hätte er auch die Beibehaltung oder sogar Aufstockung der Gehälter jener Beamten, die Steuern tatsächlich eintreiben, durchsetzen können. Oder er häte eine reduzierte Anzahl von Sterbeamten mit modernem Equipment ausstatten können, damit sie effizienter werden. Stattdessen erleben wir in London, Berlin und München reiche Griechen, die reihenweise Luxuswohnungen aufkaufen.

Sikkimoto 20.03.2017 | 20:14

>Das mit den Beamtengehältern kann man glauben oder nicht.<

Genau darum geht es. Sie sehen gar keine Notwendigkeit sich mit der Faktenlage auseinanderzusetzen. Es wird einfach geglaubt was sich gerade richtig anfühlt und letztlich ist die eine Meinung genauso wertvoll wie die andere. So ist es aber nicht. Es ist ein Unterschied ob man daherschwallt oder nicht. Ich rege mich da sicher zu sehr auf, das ist es letztlich nicht wert. Das heißt aber nicht, dass mein Ärger nicht berechtigt wäre.

Woran sie feststellen können ob sie den Durchblick haben? Indem sie Fakten recherchieren Herrgott! Und wenn man nicht einmal in der Lage ist Tsipras Namen richtig transkribiert wiederzugeben, tja, raten sie mal was das für einen Eindruck erweckt. Verstehen sie mich nicht falsch, Nichtwissen ist keine Schande. Dann wäre aber auch eine gewisse Bescheidenheit im Auftreten wünschenswert.

Querlenker 20.03.2017 | 20:43

Lieber Herr Spyros,

ist doch Klasse, dass wir beide jetzt mal dem "doofen" Bildzeitungsleser erklären dürfen, warum unsere Volksvertreter regelmäßig in meinem und seinem Namen neue Finanzbeihilfen nach Griechenland freigeben müssen.

Um hier nicht in eine Griechen feindliche Ecke gedrängt zu werden: Ich habe schon 1968 in München gegen die griechische Militärjunta unter Georgios Papadopoulos demonstriert.

Ich möchte auch vorausschicken, dass ich zwar Griechenland nicht persönlich kenne, aber dafür bestens Spanien, das ja ähnliche Probleme hat, aber diese weit besser meistert.

Warum lassen sich die Griechen von ihrem "nervösen Nachbarn" provozieren? Nehmen Sie sich doch in diesem Punkt ein Beispiel an Frau Merkel: "Einfach nicht ignorieren", wie der Bayer sagt. Solange die Jets Ihres NATO-Partners Türkei Griechenland nur überfliegen und nichts bombardieren oder besetzen, können die Griechen doch gelassen zuschauen, wie Erdogan das Flugbenzin vergeudet.

Die Türkei lenkt doch gerade bewußt einen Teil seiner europäischen Touristen um nach Griechenland. Warum also können die griechischen Hoteliers dann ihre Preise nicht so erhöhen, dass davon auch 24% USt übrig bleiben? In Spanien zahlen alle 21% USt und das hat dort noch nie jemanden aufgeregt, weder die Hoteliers noch die Touristen.

An Herrn Schäuble habe ich auch vieles auszusetzen, aber bezüglich der Griechenland Finanzhilfen hat er meine volle Rückendeckung. Daher nenne ich ihn auch Herr Schäuble und nicht WOLF-gang.

Spanien hatte 2008 eine weitgehend hausgemachte Finanzkrise. Mittlerweile ist die Jugendarbeitslosigkeit von 50 auf 22% und die allgemeine Arbeitslosigkeit von 25 auf 14% gesunken. Die Konjunktur brummt, nicht nur im Tourismus, sondern auch bei landwirtschaftlichen Erzeugnissen und im Automobilbau. Auch in Spanien ist die Spreizung der Einkommen nicht akzeptabel. Immerhin ist der reichste Europäer ein Spanier, nämlich der Eigentümer von Inditex und Zara. Er wird dort genauso wenig zur Kasse gebeten wie die griechischen Oligarchen bei Ihnen. Aber das können Sie nicht Herrn Schäuble anlasten.

Allerdings ist trotz schärfster Gesetze auf dem Papier in Spanien die Korruption immer noch groß und ich vermute, das kann man mit der Situation in Griechenland vergleichen. Da müssen aber Griechen und Spanier schon jeder vor seiner eigenen Tür kehren, das können Sie nicht dem Ausland anlasten. In Spanien sind übrigens die Sozialisten genauso korrupt wie die Konservativen, weswegen es dort zu Protestparteien wie Podemos und Ciudadanos kommen konnte.

Verstehe ich Sie richtig, dass Griechenland offenbar schon immer von Deutschland "gezwungen" wurde, Sachen zu kaufen, die es gar nicht benötigt, wie z.B. Eurofighter, Kriegsschiffe oder Olympiastätten? Wenn das so wäre, warum wird in Griechenland überhaupt eine Regierung gewählt, wenn die sich noch nicht mal zu entscheiden traut, wofür sie ihr Budget verwendet?

Mir ist durchaus klar, dass Griechenland seine Schulden niemals zurückzahlen kann und es irgendwann zu einem Schuldenerlaß kommen MUSS. Aber derzeit tut Griechenland die Rückzahlung und Umschuldung des Schuldenberges bei den niedrigen Zinsen nicht weh. Und für die Geldgeber ist es das einzige Faustpfand, damit die Griechen sich durch Reformen selbst in die Lage versetzen, aus eigener Wirtschaftskraft zu leben, ohne dann wieder neue Schulden zu machen. Erst DANN dürfen die Schulden erlassen werden. Falls das dann nicht geschieht, bin ich der Erste, der mit Ihnen auf die Straße geht um dagegen zu demonstrieren.

Querlenker 20.03.2017 | 21:05

Ja das war sicher ungeschickt, den wichtigen Herrn Tsipras nicht gleich richtig geschrieben zu haben. So wie hier andere Foristen Herrn Schäuble WOLFgang nennen. Na, ich will Sie für heute nicht weiter aufregen.

Erklären Sie mir Nichtwisser dann bitte mal morgen, warum Herr Tsipras nicht durchgesetzt hat oder nicht durchsetzen durfte, dass Finanzbeamten das Gehalt nicht gekürzt wird, bzw. dass einige von denen entlassen werden, der Rest aber bei ungekürztem Gehalt mit effizienten Geräten und Verfahren ausgestattet wird? Das wird sicher auch andere Leser hier interessieren. Wir möchten ja alle was von Ihrem Tatsachenwissen lernen.

hammerfakt 20.03.2017 | 21:14

keine ahnung was sie von spanien (mehrstufigen system) und griechenland wissen....ich weiß wahrscheinlich noch weniger, obwohl mir als spanier und leidenschaftlicher griechenlandreisender die prekäre lebenslage der menschen vor ort aus erster hand bekannt ist. und das die erhöhung der direkten als auch indirekten steuersätze für die unteren und mittleren schichten bzw. gastronomischen sektor zu verkraften sei, dass erzählen sie mal den menschen dort.

"Bereits das achte Jahr in Folge werden Privathaushalte und Unternehmen mit zusätzlichen Steuerbelastungen konfrontiert. Das neue Jahr wird mit Erhöhungen der Kraftstoff-und Tabaksteuer, mit Auferlegung von neuen Steuern in der Festnetztelefonie, für Kaffeeprodukte und elektronische Zigaretten, sowie mit der Aufhebung der MwSt.- Sonderregelung auf sämtlichen Ägäischen Inseln begonnen. Für das Frühjahr 2017 sind nach Einreichung der Steuererklärungen weitere Steuerbelastungen vorgesehen, und Millionen von Steuerzahlern werden einen erneut erhöhten Einkommensteuerbescheid erhalten."

http://www.rechtsanwalt-griechenland.de/blog/griechenland-steuern-2017-neue-steuermassnahmen-in-hoehe-von-25-mrd-euro-geplant/

Joachim Petrick 20.03.2017 | 21:50

Die Tragik, die hier am Beispiel Griechenlands Wirtschaft und Gesellschaft abgebildet ist, hat noch eine weitere im Hintergrund, die jetzt der Trumpismus scheinbar zu seiner Sache gemacht hat, die Unwuchten in der Weltwirtschaft, die dazu führen, dass die einen Länder unermessliche Handelsbilanzüberschüsse, die anderen dagegen diese durch Defizite abbilden und als Gegenmittel offensichtlich nur ein Kraut gilt, Protektionismus.

Das heißt dem weltweiten Übel, dem Regionen außerhalb der G 20 Staaten längst unterworfen sind, werden nun auch ein Dach über Länder an der Peripherie von Kraftzentren innerhalb von Währungszonen übergestülpt, um angeblich Schlimmeres zu verhindern, endlich z. B. in den USA, der EU wie lange schon in China, Japan sichtbar Kommadowirtschaftstruktturen durchzusetzen im Kontext der Etablierung von Währungs- Haftungsgemeinschaften für Automatsimen im Finanztransfer

Markou Spyros 20.03.2017 | 22:12

Lieber QUERLENKER, es hat mich sehr gefreut, daß Sie in München, 1968, gegen die Obristen demostriert haben. Das finde ich toll, denn zufälligerweise habe ich auch in München, an der Ludwig-Maximilian-Universität, studiert und 14 Jahre gelebt. Später war ich auch in Berlin a.der Griechischen Botschaft, als Diplomat, tätig...

Das erfreuliche ist, daß dieses Jahr, 2017, die Touristen-Zahl aus Deutschland nach Griechenland, um 45,80% (!!) gestiegen ist.

Also kommen Sie nächsten Sommer nach GR und Sie werden bestimmt schöne Ferien haben ! Trotz der Krise !

-Auch im kleinsten Dorf Griechenlands, weiß der Rentner, daß seine Rente von dem Willen eines Polikers, der alles in Europa entscheidet, abhängt: von Herrn Schäuble !

-Die Renten in GR wurden in den 7 Jahren der Krise, 12 mal (!!) gekürzt !! Aber von diesen Renten leben 3 (!!!) Generationen:

1. Der Rentner, selbst, 2. Seine arbeitslosen -erwachsene- Söhne o. Töchtern, 3. Seine arbeitslosen Enkeln .

Diese Tatsache ignoriert der IMF u. Mister Schäuble..

In den 7 Jahren der Krise verlor GR eine halbe Million Einwohner !

-450.000 Junge Leute, vor allem Hochschulabsolventen gingen ins Ausland, um Arbeit zu finden....

-Kindersterblichkeit, wie in West-Afrika-Staaten.

-Kindermahlzeiten an den Schulen, wie nach dem 2. WK !

Das Land wurde für 150 (!!) Jahre zerstört, wie Irland , 1845.

-Im Jahre 1845 hatte Irland 6.530.000 Einwohner...

Dann kam der " Große Hunger", dauerte 6 Jahre !

-Im Jahre 1851 hatte Irland 5.110.000 Einwohner....

Entsprechendes passiert heute in Griechenland, zum großen ... Ruhm der Europäischen Demokratie !

Das sind Fakten und die Welt-Geschichte wird einmal schreiben ...

Was den Nachbarn betrifft, haben wir großes Problem ... Der Sultan provoziert jetzt ganz Europa, uns jeden Tag...

-In wenigen Tagen macht er Militär-"Übungen" auf den Gewässern Zyperns, provokativ, als Welt-Polizist, der auf keinen Rücksicht nimmt und das Völker-Recht einfach ignoriert ..

Ich bin gespannt, wie Europa reagieren wird ...

Man sieht jetzt die Attacken gegen Merkel, die große Geduld mit den Provokationen des Sultans gezeigt hat...

In der Griechischen Philosophie heißt es HYBRIS=Hochmut, was er dieser Tage macht, wenn er Merkel "Nazi-Methoden vorwirft, aber dann kommt die NEMESIS= die strafende Gerechtigkeit...

-Abwarten ...

Joachim Petrick 20.03.2017 | 22:31

Was es braucht wäre ein vorausgreifend finanzierter Entschädigungs- und Ausgleichsfond mit Banklizenz der G-20 Staaten plus X , um auftretende Unwuchten in der Weltwirtschaft in Fragen nationaler Handelsbilanzen zeitnah auszubalancieren.

Ob der Europäische Sicherheits Mechanismus (ESM) mit seiner Banklizenz dazu ein taugliches Instrument ist, wäre u. a. am Fall Griechenlands zu beweisen

imagine 20.03.2017 | 22:47

Im Kern der griechischen Kultur sitz ein fettfauler Philosoph an einem Stammtisch und verkauft seine Phrasen für ein Becher Wein an Schweinehirten. Das erste was die Philosophen, die unter dem Deckmantel ''Denken'' ihre unheilbare Faulheit verstecken, entdecken sind Schweinehirten die Phrasen abkaufen. Wer den Schweinehirten im EU rät gewinnt die dreibändige Gesamtausgabe von Platons Werken.

Querlenker 21.03.2017 | 01:07

Werter Hammerfakt,

ich habe nicht behauptet, dass die Steuererhöhungen für die griechischen Bürger ein Vergnügen sind. Sondern ich habe darauf hingewiesen, dass angesichts einer diesjärigen Erhöhung der ausländischen Touristenströme nach Griechenland um 40% wegen der Türkeikrise, die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf europäisches Niveau, durch die Hoteliers und Gastronomen an die Touristen weitergegeben werden kann, ohne dass die Buchungen deswegen einbrechen.

Ihr Link zu dem Rechtsanwaltsblock hat mich auch nicht beeindruckt. Erstens handelt es sich um geplante Erhöhungen, ob die griechischen Steuerbeamten auch in der Lage und willens sind, diese einzutreiben, lassen wir mal offen. Die Steuererhöhung, die zu einem Literpreis von 1,10 Euro bei Benzin führt, haut mich auch nicht vom Hocker, Sie wissen vermutlich, was ein Liter Benzin in Deutschland kostet? Dasselbe gilt für die auf 15% erhöhte griechische Steuer von 15% auf Dividenden. Bei uns ist sie 25%. Auch bei den anderen Steuern sehe ich eher, dass sich die Steuersätze allmählich an das übliche europäische Niveau herantasten. Gut so!

Steuer auf Festnetztelefonie sieht im Alter des Smartphones auch nicht gerade alternativlos aus.

Ich wünsche dem griechischen Volk ein baldiges Herauskommen aus den zweifellos vorhandenen sozialen Härten. Wenn der griechische Staat seine Steuereinnahmen tatsächlich in dem geplanten Rahmen verbessert und diese auch tatsächlich eintreibt und wenn er die Verwaltung in dem gebotenen Maße verschlankt und reformiert und ein freundliches Investitionsklima schafft, dann werden sich in wenigen Jahren auch wieder Spielräume eröffnen um soziale Wohltaten zu verteilen.

Übrigens, ich wohne seit 17 Jahren in Spanien und zahle dort Steuern. Ich kenne auch die dortigen drakonischen Steuergesätze, vor deren tatsächlicher Anwendung sich aber nicht mal die Spanier fürchten.

Querlenker 21.03.2017 | 05:59

Lieber Herr Spyros,

wie schön, dass Sie damals in München auch dabei waren. Die Demo damals nahm ja noch ein schlimmes Ende. Rolf Pohle, unser damaliger ASTA Vorsitzender, der die Demo organisiert hatte, wurde wegen "Verletzung der Bannmeile des Bayerischen Landtags" strafrechtlich verurteilt. Blöderweise lag das griechische Konsulat innerhalb dieser Bannmeile, obwohl an diesem Tag bestimmt kein Demonstrant vor hatte, dem Landtag auf die Pelle zu rücken. Als Vorbestrafter durfte Pohle sein juristisches Staatsexamen nicht ablegen. Er ging daher in den Untergrund und schloss sich der RAF an. 1974 wurde er deswegen inhaftiert und ein Jahr später im Austausch gegen den von der RAF gekidnappten Berliner CDU Politiker Peter Lorenz freigelassen. Pohle ging dann in den Südjemen und starb später in Griechenland.

Nun noch zu zwei Ihrer Argumente:

<<Die Renten in GR wurden in den 7 Jahren der Krise, 12 mal (!!) gekürzt !! Aber von diesen Renten leben 3 (!!!) Generationen:

1. Der Rentner, selbst, 2. Seine arbeitslosen -erwachsene- Söhne o. Töchtern, 3. Seine arbeitslosen Enkeln .>>

Auch in Griechenland sind die Renten dazu da, ihren Empfängern ein sorgenfreies Leben im Alter zu ermöglichen. Wenn davon jetzt auch noch weitere Verwandte leben müssen, dann ist doch der eigentliche Skandal, dass für diese Verwandten kein Arbeitsplatz vorhanden ist. Also muss die griechische Regierung dafür sorgen, dass es ein Klima für mehr Arbeitsplätze gibt und muss parallel eine funktionierende Arbeitslosenunterstützung aufbauen. Und wenn durch die in meinem letzten Post aufgezeigten Maßnahmen mehr Steuern hereinkommen, dann ist auch wieder Geld da um die Rentenkürzungen zurück zu nehmen. Hätte sich die Regierung Tsipras auf diese Maßnahmen konzentriert, dann wäre Griechenland vermutlich heute schon an diesem Punkt. Wer soll denn sonst die griechischen Renten bezahlen? Ich? Herr Schäuble? Dafür hat er in Deutschland kein demokratisches Mandat!

Dass Griechenland infolge der Krise eine halbe Million Einwohner verlor, die hoffentlich gute Arbeit in anderen EU-Staaten gefunden haben und die hoffentlich nach Hellas zurückkehren, wenn sich Griechenland wieder erholt hat, ist nach dem Fall der Berliner Mauer auch meinen Landsleuten in Ostdeutschland passiert. Fänden Sie es besser, wenn Ihre Landsleute in Griechenland geblieben wären um dort wie damals die Iren zu verhungern? Vermutlich nicht.

Das Schöne an der EU ist doch die Freizügigkeit von Arbeitnehmern, so dass temporäre wirtschaftliche Verwerfungen zwischen den Mitgliedsstaaten leicht durch solche Migrationsströme ausgeglichen werden können. Dass das attraktiv ist, zeigt ja der Asylantenzustrom aus nicht EU Staaten wie Syrien, Eritrea, Afghanistan usw. Denen geht es ja noch weit schlechter als Ihren Landsleuten.

NEMESIS? Nein, sondern anpacken, statt Erdowahns Flugzeugen nachzufliegen.

Abwarten? Nein!

kritischer begleiter 21.03.2017 | 23:28

Ich mag Yanis Varoufakis und wie er die Verantwortung seiner Landsleute, nichtzuletzt der Vorgängerregierungen auf einen zusehends dunkel wirkenden Kapitalmarkt abwälzen möchte - wozu ihm meine Sympathie zumindest gewiss bleiben wird.

Indes, wie viele Griechen ihr eigenes Land mit Steuerflucht ea selbst zum Opfer "der" Kapitalmärkte selbst gemacht haben, davon wüßte auch ich von Herrn Varoufakis gerne mehr: die Kreditwürdigkeit von GR für die GS-Kredite, die wurde von der GR-Reg damals stillschweigend der Prüfung von Brüssel überlassen.

Nicht nur in Brüssel hatte man damals gewußt, dass die griechischen Fantastiliarden ein finanzpolitisches Problem darstellen werden.

Indes hat sich die EU mit GR geradewegs die Finanzkrise ins Haus geholt.

Dazu wüßt man von Herrn Varoufakis bis heute mehr als seine damals salopp wirkenden Ausflüge in die Volkswirtschaft im Besonderen und der Welt im Allgemeinen.

Schade, dass ihm das bislang nicht gelungen wirkt.

kritischer begleiter 21.03.2017 | 23:34

Wie sich aber die die griechische Finanzelite via Nikosia mit Kampfbande Russland über den Acker gemacht hat, ohne dass da Varoufakis irgend etwas dagegen unternommen hat oder "hätte" unternehmen können, das wird das erstaunliche Ergebnis eine verschluderten GR Regierung bleiben, die auch mnit Herrn Varoufakis besser hätte werden könnte, ohne dass Herr Varoufakis bis heute mehr anzubieten weiß als seine Vulgärspieltheorie, die nichteinmal in Harvard entwickelt wurde.