Bildet Banden

US-Wahlen Trump ist der Sargnagel für den Neoliberalismus, wie wir ihn kannten. Gerade jetzt muss die Linke neue Koalitionen bilden, anstatt auf rechte Schreihälse zuzugehen
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Nach Trump und Brexit ist das Ende nah
Foto: Chip Somodevilla/AFP/Getty Images

„Ich sitze in einer Spelunke ... unsicher und ängstlich", schrieb der englische Schriftsteller WH Auden 1939 in den Tagen vor dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges. Heute sind die Linken, die Humanisten und Liberalen der Welt an der Reihe, in ihren modernen Spelunken zu sitzen – Kaffeebars, die durch globale, prekäre, junge Leute bevölkert werden – und sich einer Wahrheit zu stellen: Die Globalisierung ist tot. Die amerikanische Supermacht wird sterben.

Donald Trump ist Präsident. Das liegt nicht an der viel beschworenen weißen Arbeiterklasse, sondern daran, dass Millionen von bürgerlichen und gebildeten US-Amerikanern in ihr Innerstes blickten und dort, nachdem sie sich aller Gaukelei entledigt hatten, einen grinsenden, weißen Rassisten fanden. Inklusive bis dato unerschlossener Reserven für Frauenfeindlichkeit.

Die akademische Debatte darüber, was den Erfolg Ultrarechter in liberalen Demokratien antreibt – Migration oder wirtschaftliche Not –, war in den USA schon immer zu steril. Hohe Zuwanderung in Volkswirtschaften, in denen Wachstum nur schlecht bezahlte Jobs generiert, wird immer die Rechte begünstigen – wenn es keine starke und fortschrittliche Arbeiterbewegung gibt. Aber das ist in den USA nicht der Fall.

Die USA standen nach der Finanzkrise 2008 auf der Gewinnerseite. Erst stabilisierte man die eigenen Banken und entschied sich dann frühzeitig für eine deutliche Expansion der Geldmenge. Das Reallohnwachstum schwankte in den letzten fünf Jahren um die vier Prozent.

Stille Reserven für Angst und Hass

Das allein war nicht die einzige Grund, der für Optimismus in Hillary Clintons Lager sorgte. Ihre Analysten wiesen auf einen unaufhaltsamen demographischen Anstieg hin, der ihren liberalen Kurs zu untermauern schien: eine große Anzahl an Single-Frauen-Haushalten, wachsende schwarze und hispanische Communities, Homosexuellen-Ehen und eine noch nie dagewesene Zahl von College-Absolventen. Was sie unterschätzten, war die Anfälligkeit ihrer eigenen Ideologie und die stillen Reserven für Angst und Hass – auch unter gebildeten Männern in gut geschnittenen, weißen Hemden.

Sollte es sich tatsächlich um eine Veränderung des Status quo für eine bis dato dominante Gruppe handeln – die die Wähler nach rechts außen treibt, wie der Politikwissenschaftler Roger Petersen argumentiert –, dann müssen wir mit der größten Veränderung aller Zeiten beginnen. Das ist der reproduktive Schock, der vor 50 Jahren begann. Mit der Pille, die Frauen in Vorstandsetagen und an die Front brachte und ihnen die Kontrolle darüber gab, mit wem sie wann und wie Sex haben.

Das massenhafte Vorkommen von Vergewaltigungs- und Todesdrohungen gegen Frauen des öffentlichen Lebens, angeführt von Schlüsselfiguren der alternativen rechten Medien, ist nur die Schaumkrone auf der See des Zorns, die von einigen Männern in Wallung gehalten wird. Man gibt schließlich nicht 40.000 Jahre biologisch gesteuerte soziale Kontrolle auf, ohne dass es einen Backlash gibt. Bevor wir uns also dem Verrat, den das weiße Amerika letzte Nacht an den übrigen ethnischen Gruppen begangen hat, zuwenden, müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass der Gender-Verrat noch schwerer wiegt.

Als Trump seine „Grab her by the pussy“-Ausbrüche als Kabinengequatsche abtat, meldeten sich sogleich gegen Sexismus engagierte Sportler zu Wort und behaupteten: "Nicht in meiner Umkleide." Aber Trump hat Recht. In den Umkleideräumen der entwickelten Welt gibt es eine tief sitzende Angst vor der wirtschaftlichen und sexuellen Befreiung der Frau. Wenn auch nicht bei allen Männern, so doch bei vielen.

Das Talent der Rechten für Subtext

Lässt man einmal die Wall Street-Abendessen, die Emails und ihre Lungenentzündung außen vor, so war es schlussendlich Hillary Clintons Geschlecht – symbolisiert durch ihren Hosenanzug –, welches für einige der männlichen Wähler einfach zu viel war, College-Abschluss hin oder her.

Was Ethnizität und Migration angeht, sind die Dynamiken dessen, was Trump zur Macht verhalf, ziemlich einfach nachzuvollziehen, wenn man das Talent der Rechten für Subtext versteht. Jedes Mal, wenn Trump sagte "Wir bauen eine Mauer, um die Mexikaner zu stoppen", vernahmen die Menschen auch den unausgesprochenen zweiten Teilsatz: "... und wir werden die Segregation für das schwarze Amerika wieder einführen." Die ersten Opfer des nun entfesselten Zorn der „weißen Vorherrschaft“ werden die kühnen schwarzen College-Studenten sein, die Black Lives Matter zu einem Alltagsbegriff machten.

Es handelt sich also um keine zweidimensionale Revolte gegen Armut und Lohnstagnation. Es ist vielmehr eine dreidimensionale Revolte gegen die Auswirkungen des Neoliberalismus – im Guten wie im Schlechten. Die Ökonomie des freien Marktes entfesselt zwei Kräfte, die jetzt kollidieren: die rasche Zunahme an Ungleichheit auf der einen und Aufstiegschancen für talentierte weibliche, schwarze oder schwule Menschen auf der anderen Seite. Solange der Neoliberalismus nicht nur Wachstum, sondern dazu auch eine Wachstumsversprechen, eine vorhersehbare bessere Zukunft, lieferte, war er für die Abgehängten ertragbar.

Aber der Neoliberalismus funktioniert nicht mehr. Er ist kaputt. Sollte er überleben, würde er im besten Fall durch Zentralbank-Geld befeuertes Zombie-Wachstum und im schlechtesten Fall Stagnation produzieren. Aber er wird nicht überleben. Im letzten Sommer habe ich vorausgesagt, dass, wenn wir nicht endlich mit der Ökonomie der hohen Ungleichheit, der hohen Verschuldung und der niedrigen Produktivität brechen, die Bevölkerungen weltweit für ein Ende der aktuellen globalen Ordnung votieren werden. Aufgrund des Brexit und Trump ist dieser Prozess nun unaufhaltsam. Die nächste Welle dieses Tsunamis wird Italien und Österreich pünktlich zu den jeweiligen Abstimmungen am vierten Dezember treffen.

Verleugnungsreflexe auf Hochtouren

In den nächsten Wochen werden unsere Verleugnungsreflexe auf Hochtouren laufen. Wie Audens Generation werden wir uns an unseren Alltag klammern. Aber eine bestimmte Gruppe von Menschen hat an einem Punkt erreicht, an dem nur mehr Ehrlichkeit weiterhilft. Es sind die Ökonomen und Journalisten, die Beamten, Bankiers und Politiker, die die Idee einer Existenzkrise verleugnet haben.

Sie behaupteten, der Kapitalismus der vergangenen 30 Jahre sei lediglich der Kern eines Systems, das solange nicht verbesserungsfähig ist, bis nicht auch das letzte Krankenhaus privatisiert sei und die Gewerkschaftsdichte gegen Null laufe. Sie lagen falsch. Sie müssen nun ihre intellektuelle Feuerkraft und ihre Ressourcen – wie es schon ihre Kollegen in den Zeiten von Keynes und Roosevelt taten – auf die Gestaltung eines alternativen Systems verwenden.

Man wird von links eine Menge Wehklagen über unsere Loslösung von den Werten des „kleinen Mannes“ hören. Das ist Blödsinn, sowohl als Umstand als auch als Erklärung für das, was passiert ist. In jedem Staat der USA gibt es Mitglieder der Arbeiterklasse, die in überfüllten Abtreibungskliniken arbeiten und Gewerkschaften für Reinigungskräfte mit Migrationshintergrund oder Walmart-Personal organisieren.

Wer jetzt fordert, die Linke müsse sich wieder mit Menschen, deren Köpfe voll von „weißer Vorherrschaft“ und Misogynie sind, in Verbindung setzen, sollte das auch zu Ende denken. Mit welchen Mitteln? Indem wir unsere schwarzen Mitmenschen vor die Hunde gehen lassen? Vor achtzig Jahren marschierten Dichter und Bergleute der Internationalen Brigaden auch nicht in die Schlacht und verkündeten: „Man muss schon sagen, die Faschisten haben da einen Punkt."

Mut finden

Es geht dementsprechend nicht um die Wiederherstellung einer Verbindung. Wie auch in Großbritannien ist die rassistische Rechte in den USA eine Minderheit, die besiegt werden kann und muss. Ganz im Gegenteil, es muss darum gehen, die politischen Koalitionen neu zu bilden, die sowohl den New Deal erstritten als auch den Zweiten Weltkrieg gewonnen haben. Die Linken, die Gewerkschaften, die ethnischen Minderheiten, die liberale Mittelschicht und der Teil der Wall Street und der amerikanischen Vorstandsetagen, der nicht bereit ist, mit anzusehen, wie Möchtegern-Trumps ihr Kabinengequatsche in die Tat umsetzen.

Es dürfte nicht schwer sein, eine gemeinsame Geschichte zu schreiben, in deren Mittelpunkt die Verteidigung der globalen Vernetzung, der Toleranz und der Gleichstellung der Geschlechter steht. Wir müssen sie nur überzeugend erzählen. Und dazu müssen die Demokraten in den USA den Mut finden, aus dem zu lernen, was etwa Labour in Großbritannien – in einem enormen und noch unvollendeten Kraftakt – lernen musste: Hört auf, diskreditierte Repräsentanten der Elite an eure Spitze zu stellen.

Paul Mason ist ein englischer Pädagoge, Hochschullehrer, Autor, Journalist und Fernsehmoderator. Er gewann den Wincott-Preis für Wirtschaftsjournalismus und bezeichnet sich selbst als "radikalen Sozialdemokraten"

17:08 10.11.2016
Geschrieben von

Paul Mason | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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