David Burnett, The Guardian
11.07.2009 | 11:00

Buch sucht Deckel

Dating Ein britischer Internet-Buchversand hat eine Dating-Börse für Bibliophile ins Leben gerufen. Guardian-Blogger David Burnett hat sie getestet

Der Online-Buchversand Borders gibt sich nicht mehr damit zufrieden, uns zusätzlich zu Büchern DVDs, Kaffee, Stofftiere, Geschenkpapier und Glückwunschkarten anzudrehen. Jetzt will uns das Portal auch noch bis ans Ende unserer Tage glücklich machen und hat zu diesem Zweck einen Dating-Service für Bibliophile eingerichtet. „Im Unterschied zu anderen Kontaktseiten kann man bei Borders gleichgesinnte Buchliebhaber kennenlernen“, trompetete die E-Mail, mit der ich für nur ein Pfund zu einer Mitgliedschaft überredet werden sollte. „In den Märchen finden die Richtigen zusammen und Frösche verwandeln sich in Prinzen – wenn es doch im wirklichen Leben nur auch so einfach wäre! Manchmal muss man seinem Schicksal auf die ein wenig Sprünge helfen“, hieß es weiter.

Auf den ersten Blick scheint mir dies genau das Richtige für Singles , die dazu neigen, in menschenverlassenen Einöden herumzuwandern und dabei immer ein passendes Taschenbuch dabei haben, das gut sichtbar aus ihrer Jackentasche lugt. Aber um ehrlich zu sein, scheint mir selbst die Gemüse-Abteilung im Supermarkt besser geeignet einen Partner zu finden als eine Dating-Website für Buchliebhaber: Eine gemeinsame Vorliebe für (Baby-)Zuckermais ist eine weitaus solidere Grundlage für eine dauerhafte Beziehung als das geteilte Interesse für Nabokov. Tatsächlich dürfte dieses im Gegenteil eher zu Schwierigkeiten führen.

Bekehrungen und Bedenken

Wenn Borders seinen Service „Glücklich bis ans Lebensende“ nennt, offenbart dies eine gewisse Naivität in Bezug darauf, wie unangenehm Buchliebhaber werden können, wenn jemand behauptet, er liebe ein bestimmtes Buch noch mehr. Man muss sich nur einmal ansehen, wie es in einem Lesezirkel zugeht. Die ersten paar Treffen würden zwar durchaus erfolgreich verlaufen, wenn man begeistert und mit glänzenden Augen bei Bier oder Kaffe über, sagen wir einmal, Haruki Murakami diskutiert. Dann fährt man das erste Mal zusammen über's Wochenende weg und geht vielleicht Hand in Hand spazieren. Wenn man sich dann bei einem knisternden Feuer in einer Gaststätte zurücklehnt, empfände man Stolz bei dem Anblick, wie die Lippen der neuen Liebe sich beim Lesen bewegen.

Aber früher oder später würde es losgehen. „Wie hast Du die Stelle gelesen? Damit ist doch etwas ganz anderes gemeint!“ „Ich habe Murakami schon drei Jahre vor dir entdeckt!“ „Ja, aber ich habe Naokos Lächeln im japanischen Original gelesen ...“ Doch auch wenn es nicht so kommen sollte. Stellen Sie sich mal vor, wie langweilig ein Paar wäre, das eine gemeinsame Liebe für die selben Bücher teilt. Sie kommen vielleicht gerade noch damit zurecht, dass Ihre Bekannte ständig versucht, sie zu Patricia Cornwell zu bekehren. Doch was, wenn sie auf einmal mit einem neuen Beau an ihrer Seite auftauchen würde, der der selben Heldenverehrung frönt? Und wie wäre es, wenn das Paar zusammenziehen will? Braucht man zwei Ausgaben desselben Buches? Wessen Ausgabe wandert ins Antiquariat?

Es gehört mit zum Glück einer neuen Beziehung, seine Lieblingsbücher mit dem neuen Partner zu teilen und ihm die Bücher zu schenken, die einem unvergessliches Lesevergnügen bereitet haben. Was aber soll der Buchliebhaber dem Buchliebhaber schenken, der dieselben Bücher liebt wie er? Dies ist der Punkt, an dem sich der Teil ärgert, dessen Bücher in den Umsonstladen gewandert sind. Und wer bekommt dann all die einzelnen Exemplare, die gemeinsam gekauft wurden, nachdem Sie sich entschlossen haben, ein gemeinsames Regal einzurichten?

Wie Sie sehen, ist eine Beziehung zwischen zwei Menschen, die dieselben Bücher mögen, trotz des Borders-Versprechens vom „Glück bis ans Lebensende“ zwangsläufig zum Scheitern verurteilt.

Übersetzung: Holger Hutt