Dauerregen über den Löwen

Venezuela Baseball in Zeiten der Hyperinflation: Leere Kassen und leere Stadien beuteln den Nationalsport, doch die Meisterschaft findet statt
Dauerregen über den Löwen
Hugo Chávez sah sich einst im Baseball-Team der Armee

Foto: Sven Creutzmann/Mambo Photo/Getty Images

Jedes Mal, wenn seine Leones del Caracas (Caracas-Löwen) das Spielfeld betreten, merkt Juan Gutiérrez, dass mit dem Baseball in seinem Land etwas nicht stimmt. Die Leones haben zwanzigmal die nationalen Meisterschaften gewonnen, seit die Liga Venezolana de Béisbol Profesional Anfang 1945 gegründet wurde. Doch kommen in einer Stadt wie Caracas mit mehr als drei Millionen Einwohnern heute gerade noch eine Handvoll Zuschauer zu den Spielen. „Früher hatten wir jede Menge Fans im Stadion“, erzählt Gutiérrez, ein Relief-Pitcher (Einwechselwerfer), der kurz vor dem nächsten Heimspiel auf der Dugout oder Cueva genannten Spielerbank seiner Mannschaft sitzt. „Nur können wegen der momentanen Situation so viele die Spiele nicht mehr im Stadion verfolgen. Es ist wirklich traurig, aber sie können sich die Tickets einfach nicht mehr leisten.“

Venezuelas Wirtschaftskrise hat seit Monaten zu einem Versorgungsnotstand geführt. Nahrungsmittel sind knapp oder nicht mehr erhältlich, viele Medikamente nur noch zu horrenden Preisen aus dem Ausland zu beziehen, das Land nähert sich dem Zenit einer Hyperinflation. Und es verwundert kaum, dass die Kriminalität unter diesen Umständen dramatisch zugenommen hat. Davon bleibt der Nationalsport des Landes nicht unberührt. Steigende Eintrittspreise, sinkende Einkommen und die Angst, nach dem Spiel überfallen zu werden, wenn man im Dunkeln vom Stadion nach Hause geht, haben die Zuschauerzahlen der Leones und der anderen sieben Teams der Profiliga um gut die Hälfte reduziert. Da die Regierung die Devisen kontrolliert, haben die Vereine Schwierigkeiten, über genügend US-Dollar zu verfügen, um Schläger und Handschuhe einzuführen oder Talente aus dem Ausland, besonders Zentralamerika, zu verpflichten.

Der Kursabsturz der Nationalwährung Bolívar bedeutet, dass viele Spieler umgerechnet gerade noch 300 US-Dollar im Monat verdienen. Die Lage erscheint derart angespannt, dass die Manager der Liga bereits darüber nachgedacht hatten, die von Oktober bis Januar laufende Saison 2017/18 abzusagen. Letztlich konnte die Spielzeit nur gerettet werden, weil die vom Staat betriebene Gesellschaft Petróleos de Venezuela mit zehn Millionen US-Dollar einsprang. „Wenn wir spielen, und die Spiele werden im Fernsehen und im Radio übertragen, inspiriert das die Kinder, selbst mit dem Baseball anzufangen. Wir sorgen für ein Baseballfieber. Das ist das Wichtigste, was wir tun können“, meint Juan José Ávila, der Ligapräsident. Währenddessen ist die Rettungsaktion der Regierung erwartungsgemäß auf Unverständnis und Kritik gestoßen. Nicolás Maduros Administration solle sich lieber um drängendere Probleme kümmern und den Menschen helfen, die Hunger leiden.

Dem halten Ávila und andere entgegen, dass eine Absage der Saison Tausende von Spielern, Angestellten, Essensverkäuferinnen und Sicherheitskräften in den Stadien in die Arbeitslosigkeit gestoßen hätte. „Das wäre nicht wirklich vernünftig“, sagt Ignacio Serrano, der Sportkolumnist von der Tageszeitung El Nacional aus Caracas. „Baseball ist seit jeher auch ein Geschäft, das Werbekunden und hunderte Arbeitsplätze garantiert.“

Polizeieskorte für die Teams

Der Baseball-Sport wurde in den 1890ern Jahren von jungen Venezolanern ins Land gebracht, die in den USA studiert hatten. So unbedeutend dieses Land im Fußball ist, so stark ist es im Baseball. Aus Venezuela stammen mehr Vertragsspieler der US-amerikanischen Major-League-Teams als aus irgendeinem anderen Land, mit Ausnahme vielleicht der Dominikanischen Republik. Zu ihnen gehört auch José Altuve, der Second-Baseman-All-Star, der die Houston Astros zum diesjährigen Sieg in der World Series geführt hat.

Der Sport spielte sogar indirekt eine Rolle für die Bolivarische Revolution des verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez. Der pflegte zu erzählen, er sei der venezolanischen Armee beigetreten, um der Armut zu entkommen und sich für das Baseball-Team der Streitkräfte empfehlen zu können. 1992 führte Chávez mit dem Movimiento Bolivariano Revolucionario 200 (MBR-200) im Tross als Oberstleutnant einen Militärputsch an, scheiterte und wurde sechs Jahre später zum Präsidenten gewählt. 2009 erklärte er in einem Fernsehinterview: „Ich bin noch immer der junge Baseball-Spieler, der einmal im Yankee-Stadion spielen wollte.“

Unter Maduro, der Chávez im Amt nachfolgte, als dieser im März 2013 verstarb, tun sich sowohl Profi- als auch Amateurklubs zusehends schwer damit, für die nötige Verpflegung und Ausrüstung zu sorgen oder die Flugtickets zu bezahlen, um an Turnieren im Ausland teilzunehmen. Im Vorjahr wurde der Bus eines venezolanischen Fußballklubs von einer Gang überfallen, die Bargeld, Laptops, Trikots, Fußballschuhe und Bälle raubte. Der Vorfall veranlasste die Baseball-Liga, die Regierung um Hilfe zu bitten. Inzwischen werden die Mannschaftsbusse der meisten Klubs von der Polizei eskortiert. Ungeachtet dessen haben manche Funktionäre bereits das Handtuch geworfen. Gut zwei Dutzend der Baseball-Schulen, die in den 1990ern und 2000ern von US-Major-League-Teams in Venezuela gegründet worden waren, um junge Talente zu fördern, mussten schließen. Wegen der Krise und der Konsequenzen für die Infrastruktur des Landes wurde die Serie del Caribe (Karibikmeisterschaft), das größte Baseball-Turnier Lateinamerikas, das alljährlich unter den Meistern der Region ausgetragen wird, für 2018 von Venezuela nach Mexiko verlegt.

Viele Fans sagen, der Baseball müsse im Augenblick hinter anderen Dingen wie dem Kauf von Brot, Milch und Medikamenten zurückstehen, auch wenn die Tickets umgerechnet weniger als einen Dollar kosten. Dass im Heimstadion der Leones, dem 65 Jahre alten Estadio Universitario an der Peripherie der Altstadt von Caracas, die Toiletten defekt sind und es oft kein fließendes Wasser gibt, ist für den Spielbetrieb nicht gerade förderlich, doch musste zuletzt erst ein Spiel wegen eines dauerhaften Stromausfalls abgesagt werden. Ohnehin lässt die Regierung für die Hauptstadt ein neues Baseball-Stadion – den Parque Hugo Chávez – bauen. Noch allerdings ist unklar, wann es fertig sein wird. Ein solches Stadion „wird unser Geschenk an den venezolanischen Baseball sein“, erklärte Maduro im März. Viele Ligavertreter äußern jedoch hinter vorgehaltener Hand: Das Einzige, was den Sport retten könne, seien ein besseres Krisenmanagement und eine bessere Wirtschaftspolitik – oder eben eine neue Regierung.

Für die, die es sich leisten können, hat der venezolanische Baseball allerdings noch immer viel zu bieten. Die Mannschaften sind voll mit venezolanischen Nachwuchstalenten, Stars aus ganz Lateinamerika und – trotz der politischen Spannungen zwischen Washington und Caracas – etlichen nordamerikanischen Spielern. „Mir ist klar, dass wir schwierige Zeiten durchlaufen“, meint Leones-Trainer Mike Rojas, der in Florida geboren ist. „Aber nun, da die Saison doch gespielt wird, kann das den Fans ein wenig Trost geben und ihnen helfen, alles, was sonst so im Land geschieht, für eine Weile zu vergessen.“

Das schien jüngst bei einem Spiel zwischen den Leones und den Tiburones (Haien) aus der karibischen Hafenstadt La Guaira der Fall zu sein. Obwohl das Spiel wegen eines Dauerregens um ganze drei Stunden verschoben werden musste, weigerten sich 5.000 Hardcore-Fans, die Arena zu verlassen. Als das Match dann endlich begann, sangen sie, tranken, verspotteten die gegnerischen Spieler und trommelten bis weit nach Mitternacht auf ihre Bongos ein – da hatten die Haie längst mit sechs zu zwei gewonnen.

John Otis berichtet für den Guardian aus Venezuela und Kolumbien

Übersetzung: Holger Hutt

06:00 17.12.2017
Geschrieben von

John Otis | The Guardian

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