Der Anti-Blair

Porträt Jeremy Corbyn könnte bald die Labour Party führen, weil er das Wahldebakel vom 7. Mai nicht auf sich beruhen lässt
Der Anti-Blair
Tony Blairs Abneigung zu Jeremy Corbyn beruht auf Gegenseitigkeit

Foto: Carl Court/Getty Images

Es vergeht gerade kein Tag, an dem nicht mindestens ein einflussreicher Labour-Politiker seine Parteifreunde davor warnt, Jeremy Corbyn zum Vorsitzenden zu wählen. Je schriller die Töne aus dem Partei-Establishment werden, desto mehr wächst die Zustimmung der Basis. Mit 46 Prozent liegt Corbyn in Umfragen klar vorn. Er hatte eigentlich nicht vor, sich für die Parteispitze zu bewerben, schließlich wurde ihm in den 32 Jahren, die er seinen Wahlkreis Islington North im Unterhaus vertritt, nie ein offizielles Parteiamt zuteil. Doch als er bei der Wahl am 7. Mai, bei der Labour landesweit einbrach, stattliche 60,2 Prozent holte, horchte man auf.

„Danach hat eine Gruppe von Linken debattiert“, sagt Corbyn, „wie sie den Weg der Partei beeinflussen könnte. Keiner von uns wollte in den Wettbewerb um den Parteivorsitz einsteigen. Wir hätten uns alle gewünscht, dass es zunächst eine ernsthafte Suche nach den Ursachen der Wahlniederlage gegeben hätte. Da sie ausblieb, kamen wir zu dem Schluss, dass jemand seinen Hut in den Ring werfen sollte, um so dafür zu sorgen, dass die Debatte doch noch geführt wird. Da Diane Abbott und John McDonnell schon einmal kandidiert hatten, war ich an der Reihe.“

Jeremy Corbyn ist das genaue Gegenteil von Tony Blair: Old Labour durch und durch. Er zählt zum festen Inventar linker Demonstrationen und ist fast so lange in der Parteilinken aktiv, wie der 2014 verstorbene Tony Benn dies war. Der 66-jährige Hinterbänkler überzeugt mit Inhalten, nicht mit rhetorischer Finesse. Neben ihm wirken Mitbewerber um den Parteivorsitz wie stromlinienförmige Karrieristen. Es gab kaum linke Kampagnen, die Corbyn nicht unterstützt hätte: für die Guildford Four oder die Birmingham Six, für das Chile Salvador Allendes, Proteste gegen die Kriege in Tschetschenien, Afghanistan, Palästina und im Irak. Er engagierte sich für das Weltsozialforum wie für nukleare Abrüstung. Im Nachhinein hat sich oft herausgestellt, dass Corbyn richtiglag. Als er vor Jahrzehnten auf Gerry Adams und Sinn Féin zuging, hielten ihn die meisten für übergeschnappt. Oder als er sich für die 1975 als Terroristen verurteilten Guildford Four einsetzte, deren Unschuld später bewiesen wurde.

Wenig überraschend teilt Corbyn nicht die Ansicht, Labour sei unter dem bisherigen Parteichef Ed Miliband zu weit nach links gerückt. „Meines Erachtens setzte sein Wahlprogramm zu wenig auf Umverteilung. Wir leben doch in einer zutiefst ungleichen Gesellschaft.“

Das eigentliche Debakel sieht Corbyn darin, dass Labour den Konservativen die Deutungshoheit über die Wirtschaft überlassen hat. „Nach den Wahlen von 2010 setzte sich im öffentlichen Bewusstsein immer stärker die Legende fest, Labour habe zu viel ausgegeben. Das wurde einfach so oft wiederholt, bis es in den Rang einer unbestreitbaren Tatsache erhoben war. Und wo haben wir bitte schön zu viel ausgegeben? Die Subprime-Hypothekenkrise führte zum Kollaps eines total deregulierten Bankensystems. Daraufhin wurden Unmengen an Geld ausgegeben, um die Banken und deren Liquidität zu retten. Und heute stellt sich Schatzkanzler George Osborne hin und feiert das als Erfolg seiner Regierung! Ich denke, wir müssen viel entschiedener darüber reden, was wirklich passiert ist.“

Aufgewachsen ist Jeremy Corbyn in Shropshire in den West Midlands. Seine Eltern lernten sich 1938 bei einem Meeting für die Spanische Republik kennen. Sein Bruder Piers ist Meteorologe, trat als junger Mann in die Kommunistische Partei ein und stand viel weiter links als Jeremy. Der besuchte in Wiltshire ein angesehenes Gymnasium, war ein schlechter Schüler und schaffte gerade so sein Abitur. Politisiert hat ihn dann der Vietnamkrieg (1965 – 1975). Nach zweijährigem Freiwilligendienst in Jamaika arbeitete Corbyn für verschiedene Gewerkschaften, zuletzt für die National Union of Public Employees, die 1993 in der UNISON aufging.

Mit der polarisierenden Kandidatur erlebt nun auch der Rest des Landes einen Politisierungsschub, wie ihn die Schotten bereits im Vorjahr mit ihrem Unabhängigkeitsreferendum ausgelöst haben. Die Menschen kommen in Scharen zu Corbyns Veranstaltungen und strafen all die Parteistrategen Lügen, die gebetsmühlenartig insistieren, das Programm des Bewerbers sei nicht mehrheitsfähig, man müsse weiter in die Mitte und das Vertrauen der Wähler in die Wirtschaftskompetenz der Partei zurückgewinnen. Tony Blair wirft ein: Wessen Herz für Corbyn schlage, dem rate er dringend zur Transplantation. Selbst wenn Labour mit Corbyn Wahlen gewinnt, lasse sich dadurch „das Land nicht nach vorn bringen“.

Was entgegnet der Kandidat denjenigen in seiner Partei, die ihn für einen Anachronismus halten und als Parteichef verhindern wollen? „Nichts“, sagt Corbyn gelassen. „Das ist ja nichts Persönliches. Es geht um eine bestimmte Vorstellung von Politik. Ich möchte eine Debatte garantieren, in der die besten Traditionen Labours Gehör finden. Austeritätspolitik wird als alternativlos hingestellt und als Vorwand benutzt, um die Gesellschaft weiter im neoliberalen Sinne umzubauen und noch ungerechter zu machen. Labour muss dem eine konsequente ökonomische Alternative entgegensetzen.“

Worin besteht seine größte Schwäche als Führungsfigur? Da muss er nachdenken. „Ich neige dazu, immer das Beste in den Menschen zu sehen. Keine Ahnung, ob das eine Schwäche ist.“ Macht ihm der Gedanke, dass er tatsächlich Labour-Vorsitzender werden könnte, Angst? „Angst?“ Jeremy Corbyn lächelt. „Es wäre eine Herausforderung.“

Simon Hattenstone schreibt Features und Reportagen für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt

12:00 14.08.2015
Geschrieben von

Simon Hattenstone | The Guardian

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