Der Geschmack der Freiheit

Italien Afrikanische Migranten ernten Tabak zu einem Hungerlohn, unter unwürdigen Bedingungen. Alles okay, sagen die Konzerne
Der Geschmack der Freiheit
„Ob man müde ist oder nicht, man muss arbeiten. Sonst verlierst du deinen Job“

Foto: Alessio Mamo / The Guardian / Eyevine

Drei der weltgrößten Tabakhersteller – Philip Morris, British American Tobacco und Imperial Brands – kaufen in Italien Tabakblätter, die möglicherweise von ausgebeuteten afrikanischen Migranten gepflückt wurden. Sie arbeiten in der Region Kampanien ohne Vertrag oder ausreichende Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen zu einem Hungerlohn. In diesem Gebiet wird mehr als ein Drittel von Italiens Tabak angebaut. Schließlich ist das Land ein führender Produzent in der EU, dessen Stellung vor allem auf dem Angebot lokaler Produzenten basiert, allein Philip Morris übernahm 21.000 der 50.000 Tonnen, die im Vorjahr geerntet wurden. Nach Angaben des Konzerns werden nur Lieferanten als Kunden akzeptiert, die nach strengen Verhaltensrichtlinien arbeiten, um die faire Behandlung der Arbeiter zu gewährleisten. Philip Morris teilt ausdrücklich mit, seinem Management seien keine Missstände untergekommen. Imperial und British American versichern, es würden prinzipiell alle Beschwerden untersucht, die an ihre Firmen herangetragen würden.

Trotz eines bestehenden komplexen Systems der Garantien für den Arbeitsschutz der Tabakarbeiter sagen mehr als 20 Asylanten aus, dass sie ausgebeutet würden. Zehn von ihnen arbeiteten während der Saison 2018 direkt auf den Tabakfeldern. Nach ihren Aussagen kamen sie nicht in den Genuss von Arbeitsverträgen, wurden unterhalb des Mindestlohns bezahlt und mussten bis zu zwölf Stunden täglich schuften. Nicht immer hatten sie Zugang zu sauberem Wasser. Außerdem erlebten sie Beschimpfungen und rassistische Diskriminierungen seitens der Vorarbeiter. Zwei der Befragten erwiesen sich als minderjährig und wurden dennoch bei gefährdender Arbeit eingesetzt. „Ich musste früh aufstehen. Um sechs Uhr begannen wir mit der Arbeit“, erzählt Didier* aus der Elfenbeinküste, der über Libyen nach Italien kam. Er war 17, als ihm im Frühling vor einem Jahr ein Tabakfarmer in Capua Vetere in der Nähe der Stadt Caserta Arbeit auf seiner Plantage anbot. „Was ich zu tun hatte, war sehr anstrengend. Es herrschten extrem heiße Temperaturen in dem für uns vorgesehenen Treibhaus.“ Alex aus Ghana, der – ebenfalls minderjährig – in der gleichen Region unterkam, erzählt von Arbeitstagen zwischen zehn und zwölf Stunden. „Ob man müde ist oder nicht, man muss arbeiten, sonst verlierst du deinen Job.“

Andere Arbeiter wiederum klagten darüber, dass sie ohne Pause bis mittags arbeiten mussten. Es habe weder Handschuhe noch Arbeitskleidung zum Schutz gegen das in den Blättern enthaltene Nikotin oder gegen Pestizide gegeben, erinnert sich Alex. Oft habe er sich schlecht gefühlt wie bei „einer fiebrigen Erkrankung oder bei Malaria“, auch hatte er Kopfschmerzen. Die durch Tau oder Regen eintretende Feuchtigkeit auf einem Tabakblatt kann so viel Nikotin enthalten wie der Inhalt von sechs Zigaretten. Direkter Kontakt kann sogar zur Nikotinvergiftung führen.

Die meisten Migranten erzählen, sie hätten ohne Handschuhe gearbeitet. Ihr niedriger Lohn hielt sie davon ab, sich selbst welche zu kaufen. Und erhalten hätten sie keine. Der 27-jährige Sekou aus Ghana, der seit 2016 in der Tabakbranche arbeitet: „Am Ende eines Arbeitstages konnte ich meine Hände nicht mit Wasser in Berührung bringen, auch nicht duschen, weil der Körper voller Schnitte war. Es ging gar nicht anders, ich musste jeden Tag Schmerzmittel nehmen.“

Sittenwidrige Verträge

Angeworben wurden die Migranten größtenteils an Straßenkreiseln auf den Überlandpisten der Provinz Caserta. „Ich habe zunächst auf den Tabakplantagen in der Nähe von Cancello, einem Dorf bei Caserta, gearbeitet“, so Thomas aus Ghana. „Ich bekam drei Euro die Stunde. Allerdings wurde Albanern, Rumänen und Italienern fast das Doppelte gezahlt. Außerdem war die Arbeit schrecklich, die man zu leisten hatte, ohne einen Vertrag zu haben.“ Die meisten erhielten 20 bis 30 Euro anstatt des Mindestlohns von 42 Euro am Tag. „Ich habe mit Albanern zusammengearbeitet, die bekamen bis zu 50 Euro am Tag, also fünf die Stunde“, meint Didier. „Als ich nach etwas mehr Lohn fragte, war ich raus. Sie haben sich nie wieder bei mir gemeldet.“

Für Tammaro Della Corte, Vorsitzender der Gewerkschaft der Tabakarbeiter in Caserta, ist das alles nicht neu. „Leider sind die Arbeitsbedingungen im Agrarsektor von Caserta, inklusive der Tabakindustrie, durch Ausbeutung, niedrige Löhne und sittenwidrige Verträge geprägt. Es wird erschreckend oft unter Migranten illegal angeheuert und dann erpresst“, so der Gewerkschafter. „Wir haben darüber mit Tausenden von Arbeitern gesprochen. Die meisten von ihnen sind Einwanderer aus Osteuropa, aus Nordafrika und dem subsaharischen Afrika.“ Bis zu 500.000 Migranten sind gegenwärtig – nach Schätzungen – in Italiens Landwirtschaft beschäftigt, eine respektable Größenordnung. Laut der Initiative Osservatorio Placido Rizzotto zur Überwachung der Arbeitsbedingungen in der Agrarindustrie müssen davon vier Fünftel ohne Arbeitsvertrag auskommen.

Multinationale Tabakunternehmen haben Milliarden Euro in Italien investiert, Philip Morris allein über eine Milliarde Euro in den vergangenen fünf Jahren. Bis 2021 ist das Gleiche noch einmal geplant. 2016 investierte der Konzern gut 500 Millionen Euro in eine neue E-Zigaretten-Fabrik in Bologna, ein Jahr später wurden weitere 500 Millionen für eine Ausweitung der Produktion angekündigt. British American Tobacco gibt für die Zeit von 2015 bis heute ebenso Investitionen in einer Höhe von einer Milliarde Euro an. In diesem Jahr machen die Sorten Burley und Virginia Bright 90 Prozent der gesamten italienischen Tabakernte aus, wobei 15.000 der 16.000 Tonnen des italienischen Burley-Tabaks in Kampanien geerntet werden. Hauptabnehmer mit rund 70 Prozent ist Philip Morris. Der Konzern beschäftigt dadurch rund 900 Tabakbauern, die für alle jene Unternehmen arbeiten, die als Zulieferer gebunden sind.

Zusätzlich unterschrieb der Konzern 2015 eine Vereinbarung mit dem Dachverband Coldiretti über die Abnahme von 21.000 Tonnen Tabak von italienischen Bauern, was bis 2020 auf einen Umsatz von 500 Millionen Euro hindeutet. Teil des Deals ist die „Verpflichtung, die Arbeitnehmerrechte zu achten sowie Phänomenen wie Caporalato (illegale Einstellungen) und Kinderarbeit Einhalt zu gebieten“, erklärt Gennarino Masiello, Coldiretti-Präsident von Kampanien und Vizepräsident auf nationaler Ebene.

Eine für die Tabakindustrie in diesem Sinne geschlossene Vereinbarung zwischen den Bauern von Organizzazione Interprofessionale Tabacco Italia (OITI) und dem Agrarministerium erbrachte Richtlinien, die für Arbeiter den Schutz der Gesundheit wie eine nationale Strategie zu reduzierter Umweltbelastung betreffen. Freilich musste die OITI einräumen, dass „Missstände am Arbeitsplatz oft systemische Ursachen haben“ und dass „langfristige Lösungen den ernsthaften und anhaltenden Einsatz aller Beteiligten in der Lieferkette wie der Regierung erfordern“. Trotz der neuen Regelungen berichten die interviewten Migranten nicht von einem spürbaren Wandel ihrer Arbeitsbedingungen.

Auch ein 2017 gestartetes Projekt von Philip Morris in Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration (IOM) der Vereinten Nationen soll die Lage verbessern. Das Unternehmen bezahlt 20 Migranten in einer Tabakfirma im Raum Kampanien eine sechsmonatige Ausbildung bei einem Monatslohn von 600 Euro, um „ihnen einen Weg aus einer Situation der extremen Ausbeutung zu ermöglichen“. Nur leider scheint das Programm bisher wenig zu verändern. Kofi, Sekou und Hassan sind unter den Teilnehmern gewesen und erklären, dass sie danach weiter so behandelt wurden wie zuvor. Sekou erzählt, nach Ablauf der sechs Monate habe er erneut ohne Vertrag und für ein niedriges Entgelt für dieselbe Firma arbeiten müssen. „Wenn ich nicht zur Arbeit kam, wurde ich auch nicht bezahlt. Das heißt, wenn ich krank war, gab es eben kein Geld.“

Darauf angesprochen, meint Huub Savelkouls, verantwortlich für Nachhaltigkeit bei Philip Morris International (PMI), sein Konzern lege großen Wert auf Sicherheit und faire Arbeitsbedingungen in jeder Phase der Lieferkette. Was da an Missständen beklagt werde, habe man nicht beobachtet. „Stattdessen wurde zusammen mit der unabhängigen Non-Profit-Organisation Verité der PMI-Kodex für faire Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft (ALP) entwickelt. Mehr als 350.000 Tabakfarmer weltweit profitieren von diesen Prinzipien. Unsere Tabaklieferanten in Italien sind vertraglich gebunden, diese Richtlinien einzuhalten. Sie werden geschult, und zweimal im Monat kommen Kontrolleure, die das überwachen. Zusätzlich wurden viele direkte Beschwerdekanäle geschaffen. Vorrangig finanziert Philip Morris außerdem eine unabhängige Hotline zur Hilfe für Betroffene.“ Und dann legt Savelkouls noch Wert auf die Feststellung, dieses Verhalten des Konzerns werde rundherum geschätzt. Was sich bewährt habe, solle auch für künftige Maßnahmen übernommen werden.

Verhaltenskodex, und gut

Ähnlich äußert sich Simon Cleverly für den Bereich Corporate Affairs bei British American Tobacco. „Natürlich bieten agrarische Lieferketten und globale Wirtschaftsbeziehungen viel Raum für eine Verletzung von Arbeitnehmerrechten. Aber wir haben Strategien, um diese Risiken zu minimieren. Unser Verhaltenskodex legt die vertraglichen Mindeststandards fest, die wir von allen unseren Zulieferern weltweit erwarten. Dazu zählen das Verbot, illegale Arbeitsmigranten zu beschäftigen, die Auflage, allen Arbeitnehmern, inklusive legaler Wanderarbeiter, angemessene Löhne zahlen und Leistungen zu gewähren, die den jeweils geltenden Mindestlöhnen entsprechen. Zudem prüfen wir alle unsere Drittlieferanten sorgfältig, unter anderem durch das branchenweite Programm für nachhaltigen Tabak, das STP.“ Simon Cleverly ergänzt, wenn man über das eigene „Whistleblowing-Verfahren oder über einen anderen Kanal auf angebliche Menschenrechtsverletzungen aufmerksam gemacht“ werde, gebe es eine Untersuchung, um gegebenenfalls Abhilfe zu schaffen.

Selbstredend kann auch Simon Evans, Imperial Tobacco Media Relations Manager, nur mit einem solchen Bescheid aufwarten. „Wir kaufen eine sehr kleine Menge Tabak aus der Region Kampanien, und das nur über einen lokalen Drittanbieter. Dessen Anbaurevier besuchten mindestens einmal im Monat Kontrolleure, um zu sehen, wie die Tabakproduzenten Vertrags- und Produktionsvorschriften einhalten.“ Die Ausbeutung von Arbeitskräften, das gebe es nicht, und wenn es so sein sollte, dann werde man es nicht tolerieren. Bliebe nur die Frage, weshalb Sekou, Hassan, Alex und all die anderen, angesprochen auf ihre Arbeitsbedingungen, ganz andere Erfahrungen zu Protokoll geben.

Info

* Die Namen der Tabakarbeiter wurden zum Schutz ihrer Identität geändert

Lorenzo Tondo ist Korrespondent des Guardian in Italien, Luca Muzi arbeitet dort als freier Journalist

Übersetzung: Carola Torti
06:00 29.07.2019
Geschrieben von

Luca Muzi, Lorenzo Tondo | The Guardian

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