Der kommende Aufstand

Haiti Die Armut grassiert, Reifen brennen, Steine fliegen. Und der tyrannische Duvalier-Clan will wieder an die Macht
Der kommende Aufstand
Straßenprotest in der Hauptstadt Port-au-Prince

Foto: Chandan Khanna/AFP/Getty Images

Vor wenigen Tagen fuhr Rony Marceline mit seinem Motorrad in Ouanaminthe los, einer stickigen, aber vitalen Stadt an Haitis Grenze zur Dominikanischen Republik. Er hatte einen Auftrag, der zuletzt immer häufiger auszuführen war, er sollte gelbe, mit Benzin gefüllte Plastikkanister transportieren. Doch Rony stieß mit einem Lastkraftwagen zusammen, der Kanister barst – Rony und seine bislang noch nicht identifizierte Beifahrerin starben in den Flammen.

Bis zu diesem Moment war der neuerdings nötige Transport von Treibstoff etwas, worüber sich die Leute im Internet lustig machten: Auf einem der Memes war beispielsweise eine Frau zu sehen, die einen Kanister unterm Arm trägt, darüber fand sich die Schlagzeile: „Das neue Accessoire!“ Jetzt ist den Menschen nicht mehr nach Scherzen zumute. Das ganze Land steht kurz vor der Explosion.

Der Karibikstaat Haiti ist so tief gefallen, dass die Menschen kein Verständnis mehr füreinander aufbringen. Bei Protesten, die seit mehreren Wochen andauern, werden immer wieder landesweit Straßen mit Steinen und brennenden Reifen blockiert, während sich in der Hauptstadt Port-au-Prince Senatoren auf den Gängen des Abgeordnetenhauses prügeln; einer schoss kürzlich vor dem Parlament um sich und verletzte dabei zwei Journalisten. Die Autorität von Präsident Jovenel Moïse schwindet unweigerlich. „Es fühlt sich an, als würde etwas auseinanderbrechen und dies langsam ins Bewusstsein dringen“, glaubt die Ökonomin Marie Pascal.

Geister der Vergangenheit

„Der Präsident muss gehen, etwas Neues muss her“, verlangt der angesehene Romancier Lyonel Trouillot. „Ich kann mich keines Augenblicks erinnern, der so schlimm war“, meint Leslie Voltaire, Architekt und früherer Präsidentschaftskandidat. Die Meinung, dass es noch nie so hoffnungslos war, hört man überall. Und das von einem Volk, welches die Diktaturen von Papa und Baby Doc aus dem Duvalier-Clan, eine US-Invasion und das Erdbeben von 2010 erdulden musste, bei dem 300.000 Menschen ums Leben kamen. Die Wut speist sich aus verletztem Stolz einer Nation, die 1804 aus einem Sklavenaufstand hervorging. Die Mauern der Städte zieren Reliefs der Volkshelden Toussaint und Dessalines in napoleonischen Zweispitzhüten. Die Haitianer glauben, die Welt ignoriere ihre Geschichte aus rassistischen Gründen und halte sich lieber an die Sicht Donald Trumps, der Haiti ein „Drecksloch“ nannte.

Mit Postkarten-Häusern, glänzenden Stränden und festungsbedeckten Bergen spricht Haiti dieser Beleidigung Hohn. Dass die Regierung in Trümmern liegt, stimmt allerdings. Präsident Moïse hat versucht, mit Fritz-William Michel einen unerfahrenen Premier zu installieren, doch der sieht sich unablässig Korruptionsvorwürfen ausgesetzt. Ihm wird vorgeworfen, Regierungsgelder dazu verwendet zu haben, einer seiner Firmen Tausende an überteuerten Ziegen abzukaufen – was Michel bestreitet.

Unterdessen liegt die Arbeitslosenquote bei 70 Prozent, das jährliche Pro-Kopf-Einkommen bei 350 Dollar und die Inflation bei 19 Prozent. Staat und Ökonomie sind auf Finanztransfers aus der Diaspora von fast drei Milliarden Dollar im Jahr angewiesen, ein Drittel des Bruttoinlandsproduktes. Der Handel wird weitgehend von Dominikanern kontrolliert. Die Vermögenswerte des Landes befinden sich in den Händen einiger superreicher Familien, was zu heftigen Ressentiments führt.

Zu den derzeitigen Protesten kam es, als das Benzin ausging und der normalerweise rege Verkehr der Städte fast zum Erliegen kam. Mehrere aufeinanderfolgende Regierungen mühten sich, den Preis niedrig zu halten, indem sie den Treibstoff aus Venezuela bezogen und subventionierten, doch kann der Staat dafür nicht länger aufkommen. Wegen ausstehender Rechnungen in Höhe von über 63 Millionen Dollar ließen die Ölfirmen prompt den Benzinpreis steigen, womit auch der für Lebensmittel nach oben ging.

Didier Dominique sitzt im Restaurant Yanvalou am Fuße des Berges über Port-au-Prince im Schatten eines Mangobaumes. Er leitet Lakou Bovwa, eine religiöse Stätte, in der das Erbe von Max Beauvoir bewahrt wird, einem der berühmten Diener des Voodoo-Priestertums. Dominique kennt sein Land. In den 1970er Jahren half er mit, die einstige Festung Citadelle Laferrière zu restaurieren, die nach der Unabhängigkeit zum Schutz vor einer Rückkehr der Franzosen errichtet wurde. In den Jahrzehnten danach bereiste er das Land, um historisch bedeutsame Orte zu identifizieren.

Didier weiß nicht, ob etwas auseinanderzubrechen droht. Vor allem ist ihm nicht klar, mit welchen Folgen dann zu rechnen wäre. Er spricht von der Gefahr, die von Nicolas Duvalier ausgehe, von „Grandbaby Doc“, dem Sohn von Jean-Claude Duvalier, der von 1971 bis 1986 das Land als Diktator in Schach hielt. Gegenwärtig buhlt der Duvalier-Spross unter den Auslands-Haitianern in Miami um Unterstützung. Würde es Leute geben, die in Haiti ein Mitglied der Familie wählen, die ab 1957 drei Jahrzehnte lang Furcht und Schrecken verbreitete?

„Oh ja“, glaubt Didier Dominique. „Unter kleinen Geschäftsleuten gibt es viele davon. Ich habe einen getroffen, der Nägel herstellen möchte, aber die Bigio-Familie, die hier das Monopol auf Stahl besitzt, drängt ihn aus dem Geschäft. Diese Art von Leuten würden sich Nicolas wünschen.“

Auch auf der anderen Seite der Grenze sind die Geister der Vergangenheit nicht wirklich zur Ruhe gekommen. Lange schon weichen viele Haitianer in die Dominikanische Republik aus, um dort Arbeit zu finden. 1937 ordnete deren Patriarch, der Diktator Rafael Trujillo, ethnische Säuberungen an, bei denen Schätzungen zufolge 20.000 Haitianer ermordet wurden. Das mag lange her sein, aber Trujillos Enkel Ramfis kandidiert bei der Präsidentenwahl, die in der Dominikanischen Republik 2020 ansteht – und das mit einer strikt anti-haitianischen Agenda. „Trump ist derjenige, der mir folgt, denn ich habe schon vor ihm über eine Mauer geredet“, so Ramfis bei einer Spendenaktion in den USA. „Wir müssen eine Mauer von Norden nach Süden bauen.“ An regulären Übergängen passieren Haitianer derzeit die Grenze freilich in die andere Richtung. Sie sind mit Motorrädern unterwegs, haben Kanister für den Benzinschmuggel dabei und bestechen in aller Höflichkeit dominikanische Grenzposten.

Der Stolz über die Sehnsucht nach Freiheit ist das Ergreifendste an Haiti. Dennoch meint Didier Dominique, „die meisten Haitianer sind bereit, unter sklavenähnlichen Bedingungen zu arbeiten, und viele tun das bereits“. Die davon ausgehende Anspannung ist auf der Straße zu spüren. Immer wieder erzählen mir Leute, die Superreichen seien „Ausländer“, obwohl diese schon seit vielen Generationen im Land leben. An den Fassaden sind äußerst kunstvoll gemalte Graffiti mit einer Schlinge und der auf Kreolisch angedrohten Alternative „Geld oder Strick“ zu sehen. Dominique zeigt mir daraufhin ein ebenfalls auf Kreolisch verfasstes Pamphlet der Gruppe Batay Ouvriye (Kampf der Arbeiterklasse). Der Text besteht zum größten Teil aus einer marxistischen Analyse der Lage, er endet mit dem Aufruf zur Bildung eines bewaffneten Flügels zum „Selbstschutz“ und zu landesweiten Streiks. Trouillot, der Schriftsteller, ist sich sicher: „Es steht ein Aufstand bevor! Vielleicht nicht in den nächsten zwei Wochen, aber in drei oder vier Monaten ganz bestimmt.“

Gott ist mein Herr

Auf der anderen Seite der Brücke über den Rio Massacre liegt Ouanaminthe. An der geschäftigen Ecke, an der Rony Marceline vergangenen Sonntag seine letzte Reise begann, bieten Barbiere ihre Dienste an. Über den Türen hängen Schilder mit kreolischen Aufschriften wie „Gott ist mein Herr“ oder „Gott schützt Dich“. Im Schatten gehen Geldwechsler ihren Geschäften nach. Eine Beerdigungsprozession zieht vorbei, eine Band vornweg. Die Trauernden wirken so elegant und stolz, als würden sie durch New Orleans ziehen. Neben mir steht Joseph Theonone, der Marceline, den Benzinschmuggler, gut kannte. Ich frage ihn, was für ein Mensch er war, und höre: „Er hatte zwei Kinder, die jetzt wohl bei den Großeltern leben.“ Wie war er?, frage ich noch einmal und sehe, wie die Menschen ringsherum gelbe Benzinkanister aufladen und sie auf Motorrädern wegbringen. Joseph Theonone blickt mich an: „Rony war ein armer Mann.“

Ruaridh Nicoll war einst Herausgeber des Observer Magazine, ist heute freier Autor und arbeitet für den Guardian

Übersetzung: Holger Hutt
06:00 07.10.2019
Geschrieben von

Ruaridh Nicoll | The Guardian

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