Die aufgegebene Stadt

Syrien/Türkei Nach ihrem Rückzug aus Afrin wollen die YPG-Milizen zur Guerilla-Taktik übergehen
Die aufgegebene Stadt
Das Monument „Kaveh der Schmied“ stand für den Kampf gegen Tyrannei und Unterdrückung

Foto: Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Es wirkt wie eine erste Amtshandlung des Eroberers, als türkische Soldaten im Zentrum von Afrin die Kaveh-Ahangar-Statue schleifen, bisher ein Symbol gegen Tyrannei und Fremdbestimmung. Letzteres wird diesem Ort nicht länger erspart bleiben, seit die kurdischen YPG-Milizen abgezogen sind, bevor es zu Straßenkämpfen kam. Sie ergaben sich einem Gegner, dessen Überlegenheit man nichts anhaben konnte. So wurden die tragischen Verteidiger von Afrin zum Teil des Exodus der 200.000, eines nicht abreißender Stroms von Menschen auf Lastwagen, in überladenen PKW und auf Eselskarren, die seit Tagen mit starren Augen und leeren Gesichtern die Stadt verlassen. Mehr als sieben Wochen des Bombardements und Beschusses mit Artilleriegranaten fordern ihren Tribut.

Was zurückgelassen wird, kann unwiederbringlich verloren sein. Tote Angehörige, die nicht mehr bestattet werden können, gehören dazu. Zu guter Letzt marschierten die türkischen Truppen mit ihren islamistischen Alliierten, die sich als Freie Syrische Armee ausgeben, tatsächlich aber Söldner sind, ohne auf Widerstand zu stoßen in Afrin ein. Durch den jähen Fall der Stadt gab es keine zermürbende Blockade, kein Aushungern, kein Ausharren in unzureichender Deckung, keine Medikamentennot – keine Märtyrer. Das im Westen gern romantisch verklärte, aber mitnichten geschützte kurdische Selbstverwaltungsprojekt hat einen Standort verloren. Womöglich viel mehr.

Hit-and-Run-Taktik

Von den kurdischen Kommandeuren ist zu hören, sie wollten mit ihrem Rückzug der Zivilbevölkerung weiteres Leid ersparen. Das mag ein Motiv für die Aufgabe Afrins gewesen sein, doch standen die Milizionäre gegen einen Feind, der mit schweren Geschützen, Panzerverbänden und einer modernen Luftwaffe aufwartet, längst auf verlorenem Posten. Afrin verteidigen zu wollen, das hieß, die Stadt völliger Zerstörung preiszugeben, wie das im Herbst 2014 mit Kobane geschah, von der kaum mehr als ein Schatten übrig blieb.

Wenn die YPG Terrain verliert, eröffnet das eine neue Front im Syrien-Krieg und der türkischen Armee einen erweiterten Zugang in den Norden des Landes. Der ist bereits jetzt ein Epizentrum wilder Gefechte zwischen vom Ausland alimentierten Rebellen, islamistischen Freischärlern, regionalen Kräften und Verbündeten des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad. Die vielen Flüchtlinge aus anderen Teilen Syriens sind dem schutzlos ausgeliefert.

Schmach

Die Armee der Türkei hat die kurdische Stadt Afrin in Syrien erobert und damit einen Präzedenzfall geschaffen. Er zeigt, Aggression kann sich lohnen, marschiert man gegen Kurden, die auf sich allein gestellt sind und von ihren Verbündeten schamlos geopfert werden

Auch die Massenflucht aus Afrin muss von den bereits stark belasteten Gemeinden nördlich und westlich von Aleppo aufgefangen werden. Sie wären überfordert, gäbe es keinen Beistand durch das Welternährungsprogramm, dessen Personal unablässig Hilfsgüter verteilt, an 25.000 Menschen allein am vergangenen Wochenende.

Was will die YPG nun tun? Mit der Taktik einer unberechenbaren Guerilla weiter kämpfen, beteuern ihre Kommandeure. Die direkte Konfrontation mit dem Angreifer werde von einer Hit-and-Run-Taktik abgelöst, um dem Feind zu schaden. Auch wenn er bereits den Sieg verkündet habe, würden Erdoğan und seine Apparatschiks den eigenen Leuten wie der internationalen Öffentlichkeit Sand in die Augen streuen. „Unsere Kräfte werden überall in Afrin sein und ihnen einen lange anhaltenden Alptraum verschaffen“, heißt es. Der türkische Staatschef hatte vor Tagen erklärt: „Die meisten Terroristen sind mit eingezogenem Schwanz geflohen. Unsere Spezialeinheiten räumen auf und beseitigen die Fallen, die sie hinterlassen haben.“

Im Vergleich zu anderen Regionen im Norden Syriens ließ sich rings um Afrin für die Türken ein Krieg im sicheren Hafen führen, nicht weit von der eigenen Grenze entfernt, ohne Nachschubproblem und in nationalistischem Überschwang. Schließlich wurde den YPG-Einheiten unterstellt, sie seien das ideologische Scharnier zur Kurdischen Arbeiterpartei PKK und für den jahrzehntelangen Aufstand im Südosten der Türkei genauso verantwortlich wie die Anhänger Abdullah Öcalans. Anzunehmen ist, dass sich Erdoğan nicht mit dem zufrieden gibt, was er erreicht hat. Das zweite und größere Bollwerk der YPG bleibt ein fast 500 Kilometer langer Geländestreifen entlang der türkischen Grenze hin zum Euphrat und bis zum Irak. Dazwischen liegt ein knapp hundert Kilometer breites Gebiet, in dem Ankara seine Militärpräsenz zuletzt stark ausgebaut hat, um die Kurden davon abzuhalten, die Lücke zu schließen. Immerhin waren deren Verbände mit russischer Deckung vor fast zwei Jahren in die strategisch wichtige Stadt Tel Rifaat nordwestlich von Aleppo vorgestoßen.

Die YPG hatte an Russland appelliert, ihr bei der Verteidigung von Afrin beizustehen. Aber Moskau lehnte ab und erlaubte es türkischen Kampfjets, den von eigenen Kräften kontrollierten Luftraum über Nordsyrien zu passieren. Zuvor hatten Russland wie auch die USA – aus unterschiedlichen Gründen – die YPG unterstützt, nun aber saßen beide den Ansturm auf Afrin aus, um wie die schweigsamen EU-Staaten die Beziehungen mit Ankara nicht zu belasten. Dabei hatten die USA die kurdische Streitmacht in Nordsyrien als Vorposten im Kampf gegen den Islamischen Staat (IS) benutzt. Jetzt aber scheint es die Trump-Regierung nicht weiter zu stören, dass die Türkei in der Region Afrin – nicht nur in der gleichnamigen Stadt – die gleiche Rolle übernimmt wie zuvor in Al-Bab auf syrischem Hoheitsgebiet. Sie half dort beim Wiederaufbau urbaner Infrastruktur und war auf die Reputation einer freundlichen Besatzungsmacht bedacht.

In Ankara wird bereits angekündigt, bald weiter nach Manbidsch vorzurücken, wo das US-Militär gemeinsam mit den kurdischen Verbündeten einen Stützpunkt unterhält. Washington spielte die Möglichkeit einer solchen Operation, die zum Crash zwischen zwei NATO-Verbündete führen kann, wiederholt herunter. Ob das nach dem Fall von Afrin so bleibt?

Martin Chulov ist Nahostkorrespondent des Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 05.04.2018
Geschrieben von

Martin Chulov | The Guardian

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