Die Kirche muss Nein sagen

Im Gespräch Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinden Italiens, Amos Luzzatto, befürchtet eine epochale Wende in der Politik des Vatikans

Amos Luzzatto, geboren 1928, ist seit 1998 Vorsitzender der jüdischen Gemeinden in Italien und Präsident des Internationalen Studienzentrums Primo Levi in Turin. In einem Interview für die italienische Zeitung Il Manifesto äußerte er sich zu jüngsten Entscheidungen des Papstes, die für Luzzatto mehr als nur ein Indiz für die Abkehr der Katholischen Kirche von den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils sind.

Sind Sie zufrieden mit der Entschuldigung des Papstes an die „jüdischen Brüder“?

Alle zeigen sich bewegt von den Worten Benedikts XVI. Ich nicht. Der Pontifex hätte sofort reagieren müssen und nicht erst drei Tage warten dürfen.

Sind Sie besorgt über das, was gerade geschieht?

Sehr. Sehen Sie, in diesen Tagen summieren sich so viele „kleine“ Vorkommnisse, die – jedes für sich genommen – nur eine relative Bedeutung hätten. Ich denke an den Prozess der Seligsprechung von Pius XII., ich denke an die Freitagsfürbitte, die die Bekehrung der Juden wieder auf die Tagesordnung setzt oder an die Rehabilitierung der Lefebvrianer. Aber die Tatsache, dass diese Dinge zusammen oder fast zeitgleich geschehen, verleiht ihnen eine andere und keineswegs zweitrangige Bedeutung.

Denken Sie an einen dem zugrunde liegenden großen Plan?

Nein, aber ich verfolge sehr aufmerksam bestimmte Teile der katholischen Welt, die jahrelang randständig waren.

Sind das nicht interne Probleme des Vatikans? Warum soll man sich damit beschäftigen?

Weil die italienische Gesellschaft sich mit Themen auseinandersetzen muss, etwa die Bioethik zum Beispiel, bei der es verhängnisvoll wäre, den göttlichen Willen über den Willen des Staates zu stellen. Wobei man sich immer bewusst sein muss, dass der göttliche Wille de facto der Wille des Klerus ist.

Fürchten Sie die Durchsetzung eines Bekenntnisstaates?

Wenn der Staat abdankt, kann er nur noch dem Bekenntnis Platz machen. Mit den schlimmsten Folgen für Minderheiten, nicht nur die religiösen.

Aber der Papst hat jede Form von Holocaustleugnung für inakzeptabel erklärt.

Zugleich aber hat er einen Bischof wieder zur Ausübung seines Amtes zugelassen, der die Existenz der Gaskammern leugnet. Wenn Benedikt XVI. gegen das Leugnen des Holocausts ist, wozu braucht er dann einen Holocaustleugner als Bischof in seiner Kirche? Das Einzige, was mir dazu einfällt ist, dass offenbar innerhalb der katholischen Kirche beide Positionen für legitim befunden werden.

Pater Abrahmowicz erklärt, dass Erich Priebke*, der Henker beim Massaker der SS in den Ardeatinischen Höhlen 1944, in Wirklichkeit gar kein Henker war. Derselbe Abrahamowicz behauptet, dass die Zahl von sechs Millionen während des Völkermordes ermordeten Juden vom Vorsitzenden der deutschen jüdischen Gemeinde kurz nach der Befreiung mehr oder weniger erfunden worden sei.

Ich sage nur dies: Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Polen drei Millionen Juden. Wo sind sie geblieben? Und wurden die Bücher, die Synagogen und die kulturellen Zentren der Juden zerstört oder nicht? Sie haben mit dem Verbrennen von Büchern begonnen und mit dem Verbrennen von Menschen geendet. Sie haben das Volk und seine Kultur ausgelöscht. Auch die Soldaten der alliierten Truppen haben das gesehen – waren die ebenso Opfer ihrer Übertreibungen wie der deutsche Oberrabbiner?

Gibt es einen Richtungsstreit innerhalb des Vatikans?

Ich habe keine Anhaltspunkte, um das zu behaupten. Ich frage mich eher, ob wir nicht vor einer epochalen Wende stehen, die genau in die entgegengesetzte Richtung des Zweiten Vatikanischen Konzils geht.

Aus der italienischen Zeitung Il Manifesto. Übersetzung: Jens Renner

(*) Erich Priebke (geboren 1913), als SS-Haupsturmführer verantwortlich für die Erschießung von 335 Zivilisten am 24. März 1944 in den Ardeatinischen Höhlen nahe Rom. 1998 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt, die in Hausarrest umgewandelt wurde.

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18:35 05.02.2009
Geschrieben von

Il Manifesto | The Guardian

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