„Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster“

Porträt Mary J. Blige hat ihre Liebe verloren und singt häufig über Schmerz. Nun beeindruckt sie als Schauspielerin – in einem neuen Netflix-Film über Rassismus

Bei einem Auftritt auf der Pyramiden-Bühne in Glastonbury glänzte Mary J. Blige 2015 mit einer leidenschaftlichen Performance. Die Menge betrachtete sie gebannt durch den starken Regen, und als ihr bekanntester Single-Hit No More Drama zum Ende kam, sank sie zu Boden und wirkte, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen. „Ich wusste nicht, dass so viele Leute meine Lieder kennen“, sagte sie zwei Jahre später bei einem Abendessen in einem Londoner Hotel. „Es hat mich emotional sehr berührt, aus so vielen Gründen, die ich gar nicht alle erklären kann. Aber das Leben bringt sie gerade zum Vorschein.“

Bliges Leben ist turbulent. Gerade mit dem Flugzeug aus den USA eingetroffen, braucht sie dringend etwas Frittiertes zum Essen. So sitzt die Königin des Hip-Hop-Soul schließlich da, pickt in Fisch und Pommes herum und trinkt eine Tasse Tee. Sie wirkt müde. Das Thema ihrer gescheiterten Ehe mit Kendu Isaacs lässt sie nicht los. Nach zwölf Jahren hatte sie 2016 die Scheidung eingereicht – wegen unüberbrückbarer Differenzen. Er war auch ihr Manager. Auch wenn sie selbst immer wieder darauf zurückkommt, will Blige nicht, dass dieses Interview nur „diese eine Sache zum Thema hat“. Die vergangenen fünf Jahre waren hart, aber am Horizont zeichnet sich Licht ab. „Dieses Kapitel meines Lebens ist vorbei“, betont sie.

Die vorherigen Kapitel waren, vorsichtig formuliert, ebenfalls ereignisreich. Blige wuchs in armen Verhältnissen in der Stadt Yonkers vor den Toren New Yorks auf. Bereits als Teenager kam sie in den 1980ern bei Uptown Records unter Vertrag. Das Label war durch die Aufnahme eines Anita-Baker-Songs, den Blige in einem Einkaufszentrum gesungen hatte, auf sie aufmerksam geworden. Zunächst war sie Backgroundsängerin, aber das änderte sich mit ihrem 1992 veröffentlichten Debüt-Album What’s the 411?, produziert von Puff Daddy.

Das Album gewann mehrere Awards und erreichte mit mehr als drei Millionen verkauften Kopien dreifach Platin. Mary J. Blige arbeitete mit George Michael, U2 und Elton John zusammen, der sie „eine der besten Stimmen, die Sie je hören werden“ nannte. Ihre Musik war oft rau und zeugte vom Leid, das sie in ungesunden Beziehungen erlebte, Alkohol- und Drogenprobleme kamen dazu. Als sie 2001 ihren Hit No More Drama herausbrachte, war es, als wollte sie endlich einen Strich unter all diesen Schmerz ziehen.

Aber Blige ist nicht in London, um ein neues Album zu promoten, auch wenn sie im April mit Strength of a Woman eine ihrer besten Aufnahmen seit Jahren veröffentlicht hat. Kurz vor dem Ende ihrer Ehe zog sie nach Los Angeles, um sich ernsthafter mit der Schauspielerei zu beschäftigen. Schon vorher unternahm sie Ausflüge in das Metier, spielte kleine Parts und Gastrollen hier und da, meist in Komödien. Aber heute sitzt sie hier, um über ihre Rolle im neuen Netflix-Film zu sprechen. Mudbound erzählt eine bewegende Geschichte von Rassismus und Freundschaft auf einer Farm in Mississippi nach dem Zweiten Weltkrieg. Blige spielt Florence Jackson, die stoische Mutter eines schwarzen GI, der nach dem Krieg in eine unverändert rassistisch geprägte Gesellschaftsordnung zurückkehrt. Es ist keine subtile Geschichte, aber tief erschütternd und emotional ergreifend.

Als Florence bewältigt Blige Härte, Schmerz und Ungerechtigkeit mit überraschender und sanfter Subtilität. „Ich glaube, dass der Film so viele beeindruckt, weil er sehr nah an der Welt ist, in der wir heute leben“, sagt Blige. Sie wolle nicht zu politisch werden, erklärt sie, glaubt aber, dass der Film nicht ohne Grund gerade jetzt Widerhall findet. Sie formuliert ihre Wut über die Politik in ihrer Heimat: „Gucken Sie sich unsere politische Führung an. Es ist außer Kontrolle. Es ist ein Albtraum. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Wie konnten wir von einem Präsidenten wie Obama mit seiner Reife, seinem Optimismus und seiner Weisheit so weit herabsinken: diese Negativität, SMS-Schickerei, Twittern und dieser ganze Mist, dieses Staubaufwirbeln und Mit-dem-Finger-Zeigen? Es ist verrückt.“

Ein Südstaatendrama im rechten Amerika

In ihrem Drama Mudbound folgt Regisseurin Dee Rees zwei Familien — eine weiß und eine schwarz — im Mississippi-Delta während des Zweiten Weltkriegs und der Zeit danach. R&B-Sängerin Mary J. Blige spielt Florence Jackson, eine Mutter, deren Sohn als Veteran aus Europa heimkehrt und in seiner Heimat mit Rassismus konfrontiert wird. Niemand anders als Mary J. Blige sei für die Rolle in Frage gekommen, so die Regisseurin. Sie hat Hillary Jordans Geschichte über Rassismus und Armut in den 1940ern adaptiert. Mary J. Blige ließ sich für ihre Rolle von ihrer Großmutter und ihrer Tante inspirieren, beide lebten im Süden. Sie habe auch die Schwermut über das Ende ihrer Ehe in die Rolle gepackt. Der Film, der vergangenen Januar seine Premiere beim Sundance-Festival feierte, hat laut New York Times das Zeug, die erste Netflix-Produktion zu werden, die um den Oscar konkurriert.

Regisseurin Dee Rees könnte laut Zeitung „die erste afrikanisch-amerikanische Frau werden, die für den Regie-Oscar nominiert wird“. Bislang waren in der 89-jährigen Oscar-Geschichte vier Frauen für die Statue nominiert, Kathryn Bigelow war die einzige, die sie (2010) gewann. Mudbound trifft einen Nerv, in Zeiten, in denen der Ku-Klux-Klan und weiße Nationalisten in den USA auf Straßen demonstrieren, geduldet von Trump.
Außerdem steht dieserFilm, der gleichzeitig auf Netflix und in manchen Kinos anläuft, für eine sich verändernde Branche: Streamingdienste wie Amazon und Netflix gewinnen Land. Und in der Oscar-Akademie gibt es seit Protesten gegen eine zu hohe Anzahl weißer Mitglieder (#OscarsSoWhite) mehr jüngere Repräsentanten verschiedener Herkunft. Maxi Leinkauf

Mudbound war Bliges erste richtige Chance, eine gehaltvolle Rolle zu spielen, und sie behauptet sich sehr gut neben einer bewährten Besetzung. Regisseurin Dee Rees wollte genau sie für die Rolle, erzählt Blige, und sie habe sofort akzeptiert, weil sie das Skript zu Tränen gerührt hat. Sie engagierte einen Schauspieler-Coach, der sie lehrte, eigene Erlebnisse für die Figur zu nutzen: „Da hat mein Leben ja einiges zu bieten“, lächelt Blige. Und dann habe sie sich daran gemacht, ihre Popstar-Haut abzustreifen: „Ich konnte nicht mehr Mary J. Blige sein. Ich musste Florence sein, in der Hitze, inmitten der Moskitos, im Matsch, in der kleinen ärmlichen Hütte mit all den Kindern und dem Mann. Mary J. Blige hat ja keinen Mann – nicht mehr.“

Kritiker? Zum Teufel damit!

War es angenehm, mal eine Weile nicht Mary J. Blige zu sein? „Absolut. Es war befreiend. Ich habe immer Flechtfrisuren, Haarteile und Perücken getragen und meine nicht ganz perfekten Seiten abgedeckt. Florence hat mich dazu gebracht, mich mit all meinen Kanten zu zeigen. Ich bin ohne Dauerwelle rumgelaufen, kein Glätten, nur meine eigenen, natürlichen Haare, kaum Make-up. Das hat mir gutgetan.“ Mit den großen diamantbesetzten Ohrringen und einem schwarzen Seidentop, das wellige blonde Haar hochgesteckt, wirkt Blige erwartungsgemäß glamourös, wie sie da vor mir sitzt, trotz Fish ’n’ Chips auf dem Teller. Ihr hat der Film bewusst gemacht, wie sehr sie normalerweise auf ein gestyltes Äußeres achtet: „Ich habe mich total darüber aufgeregt, keine langen Wimpern zu haben! Und dann dachte ich plötzlich: ,Oh mein Gott, Mary, du bist ja so eitel.‘“

Dort, wo Blige aufgewachsen ist, im sozialen Wohnungsbau von Yonkers, war Aussehen wichtig. „Alles drehte sich immer darum, wie man aussah. Auch wenn man nichts hatte, ging es darum, wie man aussah. Als Salt ’n’ Pepa mit blonden Haaren auftraten, ging es darum. Wichtig waren die Turnschuhe, die man trug, die Jacken. Dann wurde ich zu Mary J. Blige, und da ging es erst recht darum. Sie ist eine so reale Person, dass ich sie loswerden musste, um den Charakter wirklich zum Leben zu erwecken.“ Ich bin kurz verwirrt. Wer ist eine reale Person? „Mary ist eine reale Person“, stellt sie klar. „Ich musste sie wirklich aufgeben, damit Florence leben konnte. Es sieht so aus, als ob Florence cooler ist als Mary J. Blige.“ Blige spricht häufig so von „Mary J. Blige“, als sei sie etwas Eigenständiges, abgetrennt von der Frau, die mir am Tisch gegenübersitzt. Die Veröffentlichung von What’s the 411? ist 25 Jahre her, aber die Diskrepanz zwischen Mary, der Künstlerin, dem Star, und Mary, dem Mensch, ist so stark, dass sie manchmal die Orientierung zu verlieren scheint, auch heute noch. Sie sucht nach den richtigen Worten, um zu beschreiben, wie es sich anfühlt, aus der Armut kommend zu solcher Berühmtheit zu gelangen: „Wenn man sehr viel Geld hat, kann man damit alles verdecken. Wenn man wenig Geld hat, ist nichts zu machen. Dadurch lernt man, Peinlichkeit und Scham zu ertragen. Das weiß ich zu schätzen und bin dankbar dafür.“ Es ist Teil ihrer Überlebensstrategie: „Man weiß, wie man es übersteht, kein Geld zu haben. Dann übersteht man es auch, wenn irgendein peinlicher Mist in den Boulevard-Medien einen trifft. Man entwickelt ein dickes Fell.“ Ich frage mich, wie dick ihr Fell wirklich ist. In ihrem Leben hat es viele Dramen gegeben, trotz des Postulats, kein weiteres zuzulassen.

Als sie im vergangenen Jahr die damalige Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton interviewte, musste sie sich viel Spott dafür gefallen lassen, dass sie ihr etwas vorsang. „Ich dachte, ich trage dazu bei, etwas zu verändern“, seufzt sie. „Hallo, das bin ich, Mary J. Blige, keine Journalistin. Ich bin sehr beunruhigt.“ Während des Gesprächs mit Clinton hatte sie ein kurzes Cover von Bruce Springsteens American Skin (41 Shots) gesungen, einem Lied über Polizeibrutalität gegen einen Schwarzen. „Es trifft mich, dass die Leute nichts wohlwollend betrachten können. Immer müssen sie auf einen einhacken. Egal wie positiv etwas ist, sie müssen einen Weg finden, um einen Kommentar auf Twitter oder so abzusetzen. Es ist – irgendwie cool. Aber wissen Sie was? Auch gut. Zum Teufel mit ihnen. Oder nicht?“ Sie lacht trocken auf.

Unaufgefordert kommt sie wieder auf ihre Scheidung zurück. Das ganze vergangene Jahr hat sich das Ex-Paar einen hässlichen Gerichtsstreit geliefert. Als in ihrem Berufsleben Dinge schiefgingen, begannen ihre persönlichen Alarmglocken zu klingeln, meint Blige. „Erst kam die Sache mit der Burger-King-Werbung (die schnell wegen rassistischer Stereotypisierung zurückgezogen wurde), dann waren meine Steuern und Geschäfte auf allen Sendern und so ging das weiter. Ich verstand gar nichts mehr: ,Was zum Teufel ist hier los? Haben mich alle verlassen? Ja.‘ Das waren deutliche Zeichen. Aber eigentlich bin ich in meiner Ehe verlassen worden.“

Ihre Stimme bricht ab

Gleichzeitig hatte es etwas Positives. „Es machte mir klar, wie wichtig ich für die Welt war. So ein großer Star bin ich? Dann sollte ich wohl besser meine Angelegenheiten geregelt kriegen.“ Wieder lacht sie auf. „Was ich richtig gemacht habe, hat mich nicht weitergebracht im Leben, sondern die ganzen Fehler. Es war ein solches Desaster, dass ich nicht wusste, ob ich es überleben würde.“ Meint sie das letzte Jahr? „Die letzten fünf Jahre waren ein Desaster. Ich hoffte noch, meine Ehe zu retten, als sie längst vorbei war. Und dann blieb ich allein zurück.“ Sie habe sich so verloren gefühlt, dass sie sogar daran zweifelte, ob sie je wieder Musik machen wollte: „Ich war mir über gar nichts mehr sicher. Wenn jemand immer weiter an deinem Selbstbewusstsein nagt, bis es so klein ist, dass man nicht einmal mehr weiß, was man kann ...“ Ihre Stimme bricht ab.

Um Abstand zu gewinnen, zog die Sängerin für eine Weile nach London und veröffentlichte 2014 ihr Album The London Sessions, für das sie unter anderem mit Sam Smith und Disclosure zusammenarbeitete. „Sie haben mir geholfen, mein Selbstbewusstsein wieder aufzubauen. Sie glaubten an mich und mein Talent, und ich dachte: ,Hey, vielleicht solltest du auch wieder anfangen, an dich zu glauben.‘ Moment mal. Spricht da Mary J. Blige? Wieso braucht sie Disclosure, um ihr zu sagen, wie gut sie ist? „Wenn man so lange in einer Sache steckt, die Stückchen um Stückchen am Selbstbewusstsein nagt, bis man praktisch nicht mehr da ist – das ist eine verrückte Erfahrung. Es ging darum, dass mich wieder jemand wertschätzt.“

Dieses Jahr veröffentlichte sie den schmerzhaft ehrlichen Song Strength of a Woman: „Ja, wenn es um Musik geht, weiß ich, dass ich ein großartiges Bauchgefühl habe. Das hatte ich verloren, mein Bauchgefühl und mein Talent. Aber ich habe es jetzt wieder.“ Zudem sind nach Mudbound weitere Rollen in Aussicht. Zum ersten Mal in ihrem Leben kümmert sie sich auch selbst um ihre Finanzen, kontrolliert alle Ein- und Ausgaben genau, weil sie das Gefühl hat, niemandem wirklich trauen zu können. Immer wieder habe sie Menschen kennengelernt und für anständig gehalten, aber „stattdessen bestehlen sie dich genau wie alle anderen“.

Rebecca Nicholson ist Autorin beim Guardian

Übersetzung: Carola Torti

06:00 13.12.2017
Geschrieben von

Rebecca Nicholson | The Guardian

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