Die Macht hinter dem Thron

Ägypten Die Armee ist zum Balanceakt gezwungen. Die Protestbewegung drängt auf Schutz, während sich die Generäle bemühen, bis zum Abgang Mubaraks Status und Macht abzusichern

Als auf dem Kairoer Tahrir-Platz Truppen gegen Mubarak-Anhänger vorgingen, forderte Oppositionsführer El Baradei die Armee auf, sie solle eingreifen. Die USA und die EU haben ihrerseits klar gestellt, dass sie vom Militär den Schutz der öffentlichen Ordnung Ägyptens erwarten. Und westliche Diplomaten berichten, der neue Vizepräsident und Ex-Geheimdienstchef Omar Suleiman widerstehe gemeinsam mit anderen Schlüsselfiguren dem US-Druck, Mubarak zu überzeugen, entgegen seiner Ankündigung noch vor den Präsidentschaftswahl im September zurückzutreten. Neben Suleiman werden in diesem Zusammenhang auch Verteidigungsminister Mohammed Hussein Tantawi und Stabschef Generalleutnant Sami Einan genannt.

Mubaraks Abgang könnte unausweichlich sein, sollten diese Honoratioren zu dem Schluss kommen, dass damit den Interessen Ägyptens und der Armee am besten gedient wäre. Doch soweit ist es noch nicht. „All diese Männer sind alte Freunde, und ich wäre nicht überrascht, wenn es ihnen gelänge, Mubarak zu überzeugen, dass er eine dringendere medizinische Behandlung in Deutschland benötigt“, sagt ein ehemaliger hochrangiger westlicher Diplomat. Verteidigungsminister Tantawi hält außerdem Kontakt mit US-Verteidigungsminister Robert Gates. Beide Staaten pfllegen eine strategische Partnerschaft, sie kostet die USA 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe pro Jahr, die als „unantastbare Kompensation“ betrachtet wird für den mit Israel geschlossenen und bewahrten Frieden.

Nassers patriotische Offiziere

Vizepräsident Suleiman und Stabschef Einan genießen großes Ansehen in den USA. Admiral Mike Mullen, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, soll Ägyptens Armee nach einem Gespräch mit Einan für ihre „Professionalität“ gelobt haben. Dass diese Streitkräfte über politischen Einfluss verfügen, ist nicht neu. Mit fast 500.000 Mann ist dieses Korps das zehntgrößte der Welt. Die Revolution von 1952, mit der die Monarchie fiel, wurde von Oberst Gamal Abdel Nasser und seinen „Freien Offizieren“ geführt. Anwar al-Sadat und der frühere Luftwaffen-Kommandant Hosni Mubarak sicherten die Macht der Armee in den Kriegen mit Israel 1967 und 1973.

Soviel ist bekannt, das Oberkommando war zuletzt nicht entzückt von der Vorstellung, auf Mubarak könnte sein Sohn Gamal folgen. Dahinter stand die Sorge, die Liberalisierungsagenda des Geschäftsmanns und seiner Kumpane im Privatsektor könnten die exponierten ökonomischen Interessen des Militärs gefährden. Firmen im Besitz der Armee und unter Führung pensionierter Generäle sind aktiv in der Wasser- und Olivenöl-Wirtschaft, der Zement- und Bau-Industrie, dem Hotel-Gewerbe und der Ölindustrie. Im Nildelta und am Roten Meer verfügt das Militär über einen großen Landbesitz. Offenbar eine Vergünstigung, wie sie einem unverzichtbaren Garanten für Stabilität und Sicherheit des Regimes zuteil wird. Oftmals bekleiden pensionierte Offiziere hohe zivile Posten in Schlüsselministerien, obschon die Privatisierung militäreigene Unternehmen gezwungen hat, die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern.

Mubaraks Pudel

Jüngste diplomatische US-Depeschen, die von Wikileaks veröffentlicht wurden, zeichnen das Bild einer Institution, die vor schweren internen Herausforderungen und einem Statusverfall steht. Einem Bericht von 2008 zufolge wird Verteidigungsminister Tantawi, der mit 85 Jahren sogar älter ist als der Präsident, von jungen Offizieren verächtlich „Mubaraks Pudel“ genannt. „Im Kabinett, wo er nach wie vor über bedeutenden Einfluss verfügt, hat Tantawi sich gegen ökonomische wie politische Reformen gestellt, die seiner Auffassung nach die Macht der Zentralregierung untergraben“, heißt es in der bewussten Depesche. „Er ist zutiefst um die Einheit des Landes besorgt und hat sich gegen politische Initiativen gestellt, von denen er denkt, sie würden politische oder religiöse Zwietracht in der ägyptischen Gesellschaft fördern.“

In einem anderen Bericht zitiert die US-Botschaft „Wissenschaftler und zivile Analytiker, [die] ein Porträt des ägyptischen Militärs im intellektuellen und sozialen Niedergang zeichneten, dessen Offiziere größtenteils von den Elite-Rängen der Gesellschaft gefallen sind.“ Es gebe „ein verärgertes mittleres Offizierskorps, das einen Verteidigungsminister schwer kritisiert, den es für inkompetent hält“. Bei seinen Untergebenen halte der mehr von Loyalität als von Befähigung.


Ian Black ist Nahost-Redakteur des Guardian

Übersetzung: Steffen Vogel
10:40 05.02.2011
Geschrieben von

Ian Black | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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