Durststrecke am Blauen Nil

Sudan Die Angst vor akutem Wassermangel wächst, seit Äthiopien ein Staudammprojekt rücksichtslos vorantreibt
Durststrecke am Blauen Nil
Dammbau im Norden Äthiopiens: „Ich glaube, dieses Projekt gefährdet das Recht auf Arbeit, vor allem aber das Recht auf Leben“

Foto: Eduardo Soteras/AFP/Getty Images

Er bereite sich jeden Tag auf den unausweichlichen Wasserkrieg vor, meint Ahmed al-Mufti halb ironisch, halb ernst in seinem Khartumer Anwaltsbüro. Einen solchen Konflikt sehe er unweigerlich auf den Sudan zukommen. Darum habe er sich als Jurist und Wasserexperte vor zehn Jahren schon aus der Delegation zurückgezogen, die mit Ägypten und Äthiopien über das Nilwasser verhandelt.

Seinerzeit hatte ihn die Entscheidung in Addis Abeba verärgert, den „Großen Damm der Äthiopischen Wiedergeburt“ zu bauen, ein 4,5-Milliarden-Dollar-Vorhaben am Blauen Nil, der vom Tana-See in Äthiopien in die sudanesische Hauptstadt fließt, um sich dort auf dem Weg nach Ägypten mit dem Weißen Nil zu vereinen. Dabei steht außer Frage, je nachdem, wie sehr Äthiopien den 74-Milliarden-Kubikmeter-Stausee flutet, wird das Dammprojekt den Wasserstand flussabwärts beeinflussen.

„In ein, zwei oder zehn Jahren ist daher mit schweren Konflikten zu rechnen“, so Ahmed al-Mufti. Eine instabile Wasserversorgung werde womöglich einen Wasserkrieg auslösen. „Wenn nicht unter dieser Regierung, dann unter einer anderen. Kein Sudanese wird hinnehmen, dass er verdurstet, während ganz in der Nähe viel Wasser vorhanden ist. Aus diesem Grund habe ich mich zurückgezogen.“

Lüge von Billigstrom

Nach einem Jahrzehnt angespannter Verhandlungen zwischen den Ländern des Nilbeckens will Äthiopien noch 2020 damit beginnen, Wasser zu stauen. Anfang April erklärte Premier Abiy Ahmed, der Bau des Damms werde trotz der Covid-19-Pandemie vollendet. Dann könne der Stausee während der Regenzeit gefüllt werden, die im Juni beginnt. „Leben gegen die Seuche zu retten, hat Vorrang, aber an zweiter Stelle steht für uns der Damm, das soll die äthiopische Bevölkerung wissen.“

Der sudanesische Regierungschef Abdalla Hamdok hat eine „gemeinsame Verwaltung“ des Staudamms vorgeschlagen, der dem Sudan billigeren Strom und so ökonomische Entlastung beschert. Weiter im Norden und flussabwärts betrachtet Ägypten das Projekt hingegen seit Langem als existenzielle Bedrohung, getrieben von der Furcht, seinen 100 Millionen Einwohnern werde das nötige Wasser vorenthalten, um in Zeiten des Klimawandels zu überleben. Vereinzelt verlangen ägyptische Politiker, den Damm zu bombardieren.

Der Anwalt Ahmed al-Mufti lässt Perlen einer Gebetsschnur durch die Finger gleiten. „Ich glaube, dieses Projekt gefährdet das Recht auf Arbeit, vor allem aber das Recht auf Leben. Nicht allein wegen eines möglichen Wassermangels, auch die fehlende Sicherheit des Damms fällt ins Gewicht.“ Nach seiner 2010 erfolgten Demission aus der offiziellen Verhandlungsdelegation des Sudan, hat al-Mufti mehrere Bücher zum Thema geschrieben. „Dieses hier ist als Protokoll gedacht. Wenn etwas völlig aus dem Ruder läuft, kann ich sagen, dass ich gewarnt habe“, sagt er und schiebt ein Taschenbuch über seinen Schreibtisch.

Von den USA vermittelte Gespräche zwischen den drei Nil-Staaten brachten im Januar zumindest die vorläufige Einigung, dass in der diesjährigen Regenzeit stufenweise mit dem Stauen begonnen werden soll, andererseits unbedingt ein Abkommen über spätere Phasen gebraucht wird, nicht zuletzt, um die Frage zu beantworten, was in Dürrezeiten geschieht. Denn viel wird in den nächsten Jahren davon abhängen, wie sich der Klimawandel auf den Blauen Nil auswirkt. Als dann Ägypten und Sudan im Februar an den Verhandlungstisch in Washington zurückkehrten, blieben die äthiopischen Gesandten fern. Man brauche mehr Zeit, hieß es. US-Außenminister Mike Pompeo räumte ein, einen belastbaren Vertrag zu schließen, könne „Monate“ dauern.

Prompt hat Äthiopiens Abstinenz einen verbalen Schlagabtausch befeuert. Kairo wirft Addis Abeba vor, „Hydro-Hegemonie ausüben zu wollen“, und wandte sich an die Arabische Liga. Ägyptens Außenminister Samih Schukri bereiste auf der Suche nach Beistand den Nahen Osten und versuchte wiederholt, den Sudan auf seine Seite zu ziehen. Plötzlich erschien sogar das Ende eines jahrzehntelangen Grenzstreits in Sicht. Doch ist der Sudan bis heute auf Balance bedacht und hat es bislang abgelehnt, eine Erklärung der Arabischen Liga zu unterschreiben, die Äthiopien kritisiert.

Ahmed al-Mufti hält nichts von dieser Position. Er verweist auf eine Grundsatzerklärung der drei Staaten von 2015. „Darin steht, falls es einen Stromüberschuss gibt – falls –, dann sollen Länder wie der Sudan ein Vorkaufsrecht erhalten. Es gibt keine genaue Menge, keine Preise, nichts“, sagt er wütend. „Als die Erklärung aufgesetzt wurde, ging man von einer Stromproduktion von 6.000 Megawatt aus. Aber nach den Aussagen von Experten wird der Energieausstoß anfangs nicht über 2.000 Megawatt hinausgehen, was kein Überschuss wäre. Und sollte es den geben, wird er dann nicht zu regulären Preisen verkauft? Ganz nebenbei – noch immer liefert uns Ägypten den Strom.“ Für al-Mufti hat am Ende Regionalpolitik gesiegt, und dem Sudan werde die Lüge von billigem Strom aufgetischt.

Am Ufer des Blauen Nil zeigt der sudanesische Bauer Abdullah Ali auf das Flussbett. Das Wasser lässt einen breiten Streifen brauner, sandiger Erde unbedeckt, aber noch reicht es, um sein trockenes Land zu versorgen. Bald aber wird er sein Bewässerungssystem weiter ausbauen müssen. „Der Wasserpegel ist niedrig – auch jetzt noch“, erklärt der 65-Jährige, der sein Leben lang als Bauer gewirtschaftet hat. „Es war noch nie so schlimm. Im Vorjahr gab es um diese Zeit schon viel mehr Wasser.“

Am Blauen Nil zeigen sich Auswirkungen des Klimawandels besonders krass, betroffen sind nicht nur Wasserressourcen des Sudan, sondern ganz Ostafrikas. Ali läuft über rissige Erde, während er mit seiner Peitsche auf die angebauten Pflanzen deutet, sein langes weißes Gewand flattert im Wind. In diesem Jahr hat er verstärkt auf die Futterpflanze Alfalfa gesetzt, weil sie in trockenen Böden gedeiht. Nur bedeutet das auch weniger Geld, da Alfalfa nicht den gleichen Gewinn wie Tomaten und Okra-Gemüse verheißt, die Abdullah Ali in Khartum verkauft. Wegen des Wassermangels musste er außerdem Geld ausgeben, um eine mit Diesel betriebene Bewässerungspumpe anzuschaffen. Er weiß, was die trockenen Stellen im Flussbett bedeuten: Die Dörfer flussabwärts haben nicht genug Wasser. Wegen der außergewöhnlich niedrigen Pegel hat Ali keinen Zweifel, dass Äthiopien bereits damit begonnen hat, den Stausee zu füllen und den Wasserabfluss in den Blauen Nil zu drosseln. „Wir werden hier merken, dass es diesen Damm gibt. Ich kenne Bauern, die ihr Land aufgegeben haben und weggegangen sind, um für andere zu arbeiten, die sich Pumpen leisten können.“ Ali befürchtet, dass ihm ein gleiches Schicksal droht, sollte er die steigenden Produktionskosten nicht bezahlen können. „Wir waren noch nie so müde und so niedergeschlagen wie in diesem Jahr. Wie soll ich etwas anbauen und ernten, wenn das Wasser immer mehr versiegt?“, fragt er bitter.

Salih Hamad Hamid, der sudanesische Vertreter bei den Verhandlungen mit Ägypten und Äthiopien, ist überzeugt, sein Land könne mit weniger Wasser auskommen, sofern die Vorteile günstigen, durch Wasserkraft erzeugten Stroms dafür entschädigen. „Das Ziel meines Landes ist es, seine Wasserrechte zu schützen und das Optimum aus dem gemeinschaftlich genutzten Wasser des Blauen Nil zu ziehen. Wir sagen: Optimiert die Stromerzeugung und minimiert den entstehenden Schaden für die stromabwärts liegenden Länder Sudan und Ägypten.“ Man stehe nicht am Anfang, sondern habe sich für den Stausee auf einen Zeitplan in sieben Stufen geeinigt. Das könne bis zu sieben Jahre dauern, je nach Wassernot und -stand. Wenn der Pegel des Blauen Nil unter dem Durchschnittswert liege, verlängere sich der Zeitplan.

Das sollte auf jeden Fall einkalkuliert werden, weil der Damm in Äthiopien einen Stausee schafft, der das Wasser des Blauen Nil um bis zu 25 Prozent verringert. Das kann sogar die Kapazitäten des Assuan-Staudamms in Ägypten beeinträchtigen. Die sudanesischen Befürworter des Damms halten dem entgegen, die jährliche Regenzeit, die den Nil stellenweise über die Ufer treten lasse, sorge für mehr als genug Wasser. Dadurch blieben dem Sudan genügend Ressourcen.

Andererseits zeigen Studien, dass die Nilbecken-Länder künftig wegen des Klimawandels mit längeren Trockenzeiten rechnen müssen. Analysten der American Geophysical Union warnen, dass es „trotz einer erwarteten Zunahme regionaler Niederschläge durch die Erwärmung wahrscheinlich häufiger zu heißen und trockenen Jahren kommen wird, mit Konsequenzen für die Landwirtschaft. Verbunden mit rasantem Bevölkerungswachstum werden klimatische Extreme in den kommenden Jahrzehnten für noch mehr Wasserknappheit im Oberen Nilbecken sorgen“. Zwei Verfasser der Studie – Ethan Coffel und Justin Mankin – schlagen deshalb Alarm.„Derzeit leidet nur ein Zehntel der Bevölkerung im Nilbecken unter chronischer Wasserknappheit. Das liegt zum einen an der saisonalen Dürre, aber ebenso an den enorm ungleich verteilten Wasserressourcen“, meint Justin Mankin. „Bereits jetzt ist Wasser in Teilen der Provinz Darfur und anderen Wüstenzonen des Sudan ein rares Gut, was innere Konflikte um das kostbare Gut zusätzlich anheizt.“ Coffel und Mankin wagen die Prophezeiung, dass 2040 bis zu 35 Prozent der Menschen in den Ländern des Nilbeckens von Wassermangel betroffen sein könnten. Das seien dann mehr als 80 Millionen, denen es an Wasser fehlt, um ihr tägliches Leben zu bewältigen.

Golf am See mit Karpfen

Auf dem Fenti-Golfplatz an der Peripherie von Khartum scheinen die fast apokalyptisch anmutenden Warnungen noch nicht angekommen zu sein. Sprenger wässern den Rasen, an dessen Rändern Blumenbeete angelegt sind. Dattelpalmen umringen künstliche Seen mit Karpfen, auch an schmückenden Wasserfontänen fehlt es nicht. „Hier sind überall Abflüsse. Das heißt, überschüssiges Wasser geht direkt ins Grundwasser“, der Eigentümer Osama Daoud Abdellatif zeigt auf ein Bodenrost im Rasen des etwa 50 Hektar großen Terrains. Im Sudan gilt Abdellatif als einflussreicher Industriemagnat, von dem man weiß, dass er das äthiopische Damm-Projekt unterstützt.

Wasser spritzt, als unser Buggy durch die Pfützen auf den Wegen des Golfplatzes fährt. Abdellatif zeigt auf Flächen, die für exklusive Wohnungen vorgesehen sind. Wie viel Wasser seine Anlage verbraucht, will er nicht sagen, nur anmerken, dass fast alles recycelt werde. „Schauen Sie sich die Wassermenge an und die Wirkung, die eine solche Grünfläche hat. Areale wie diese sind die Lunge der Stadt. Ohne sie würde Khartum ersticken.“ Nur was ändert dies daran, dass Ahmed al-Mufti und viele Bauern besorgt auf das schwindende Flusswasser des Blauen Nil blicken? Sie sehen eine Bedrohung auf das Land zukommen, die sich kaum beherrschen lässt.

Ruth Michaelson ist Korrespondentin des Guardian in Kairo

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 27.05.2020
Geschrieben von

Ruth Michaelson | The Guardian

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Ausgabe 48/2020

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