Ein Monat Krieg in der Ukraine: Entwicklung einer Tragödie

Ukraine Die Ukraine hat im ersten Monat der russischen Invasion schreckliche Verluste erlitten. Trotzdem glauben die Ukrainer mit jedem weiteren Tag des Krieges, dass für sie ein wie auch immer gearteter Sieg möglich ist
Bei einem nächtlichen Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind mindestens acht Menschen getötet worden
Bei einem nächtlichen Raketenangriff auf ein Einkaufszentrum in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind mindestens acht Menschen getötet worden

Foto: Aris Messinis/AFP/Getty Images

Am 24. Februar, kurz vor Tagesanbruch in Moskau, hielt der russische Präsident Wladimir Putin die letzte einer Reihe von Fernsehansprachen. Immer bedrohlicher waren seine Tiraden über die Ukraine geworden. Nun kam der vorläufige Höhepunkt: die Ankündigung einer „spezielle Militäroperation“, wie es der russische Präsident euphemistisch nannte. Ziel sei die „Entmilitarisierung und Entnazifizierung“ der Ukraine.

Wenige Minuten später wurden Raketen auf Kiew, Charkiw und viele andere ukrainische Städte abgeschossen. Die erste Reaktion der Menschen in der Ukraine, die vom Lärm der Einschläge aufwachten, und von Millionen auf der ganzen Welt, die nach dem Aufwachen die Nachricht von Putins Entscheidung hörten, war Schock. Selbst die ukrainischen Regierungsmitglieder, die in den vergangenen Wochen immer wieder das Verhalten im Falle eines russischen Angriffs geprobt hatten, waren fassungslos, als die Invasion Realität wurde.

„Ich war zehn Minuten voll in Panik, rannte im Haus herum und hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Dann habe ich mich zusammengerissen und bin zur Arbeit gegangen“, erzählte Natalia Balasinowitsch, die Bürgermeisterin von Vasylkiv, einer Stadt außerhalb von Kiew. Dort befindet sich ein Luftwaffenstützpunkt, der gleich in den ersten Stunden des Krieges getroffen wurde.

Schon bald wurden im ganzen Land behelfsmäßige Checkpoints eingerichtet. Viele Freiwillige meldeten sich für die Verteidigungseinheiten. Sogar einige Rentner machten sich an die Arbeit, Molotowcocktails herzustellen. Gleichzeitig flohen Millionen von Menschen, vor allem Frauen und Kinder, in den Westen der Ukraine oder überquerten die Grenzen in die Nachbarländer.

Putin bringt Einsatz von Atomwaffen ins Spiel

Während der ersten Kriegstage hatte man das Gefühl, dass etwas Schreckliches und Folgenreiches geschehen war, das die Konturen des Weltgeschehens unwiderruflich verändern würde. Aber es herrschte auch Verwirrung darüber, wie das genau aussehen könnte und was es für die Zukunft der Ukraine, Russlands, Europas und der Welt bedeuten würde. Einen Monat nach Putins Invasion sind einige dieser Fragen beantwortet. Vieles Andere dagegen hängt weiter in der Schwebe.

Die internationale Gemeinschaft diskutiert weiter darüber, wie hart man gegenüber Russland vorgehen soll und wo die Grenze zwischen der moralischen Verpflichtung zur Unterstützung der Ukraine und einer möglichen Provokation Moskaus zu einer weiteren Eskalation liegt. Denn Putin brachte erstmals seit den frühen 1980ern wieder die Möglichkeit des Einsatzes von Atomwaffen ins Spiel.

Ursprünglich war der russische Plan offenbar eine etwas blutigere Version der Krim-Annexion von 2014: Man wollte einige Widerstandsnester zerschlagen und dann eine russische Marionettenregierung einsetzen. Der Plan, der auf schockierend mangelhafte Informationen über die Stimmung in der Ukraine und den Zustand der ukrainischen Armee schließen lässt, erwies sich schnell als aussichtslos.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bei einer Pressekonferenz in Kiew (3.3.20229).

Foto: Sergei Supinsky/AFP/Getty Images

Ein schneller Angriff auf Kiew kam ins Stocken und ging in harte Kämpfe in den westlichen Vororten über. Versuche, Charkiw und andere Städte im Osten einzunehmen, wurden abgewehrt, bei schweren russischen Verlusten.

Selbst in den wenigen Städten im Süden des Landes, in denen die Russen ohne Blutvergießen die Kontrolle übernahmen, stehen sie wütenden Menschenmengen gegenüber und haben wenig Erfolg damit, die lokalen Politikern zu vereinnahmen. „Über Jahre hinweg haben sie sich selbst belogen, dass die Menschen in der Ukraine angeblich darauf warten, dass Russland kommt“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer seiner zahlreichen Video-Botschaften. „Aber sie fanden keine Kollaborateure, die die Stadt und die Macht den Invasoren übergeben hätten.“

Neues Gefühl der nationalen Identität entsteht in der Ukraine

Der fehlende Erfolg leitete allerdings eine Phase des verschärften Krieges ein. Die Vorstellung, die von Russland in Syrien angewandten Taktiken könnten für die russische Führung angesichts der familiären Verbindungen von Millionen Russen und Ukrainern nicht akzeptabel sein, erwies sich schnell als naiv. Russland zeigte sich bereit, Mariupol, Charkiw und andere russischsprachige Städte rücksichtslosem Artilleriebeschuss und Bombardement aus der Luft auszusetzen.

Inmitten von Herzschmerz und Blutvergießen wirkt es dabei so, als entstehe in der Ukraine gerade ein neues Gefühl von einer nationalen Identität, auch wenn die Bedrohung einer Zerstörung des Staates durch das russische Militär lange nicht vorbei ist.

In der Ukraine lebten viele verschiedene Ideen davon, was es heißt ukrainisch zu sein, manchmal in problematischer Koexistenz nebeneinander. Jetzt scheint eine gemeinsame Idee gefunden, die sie vereint. „Ich nehme an, die russischen Verantwortlichen hatten sich etwas Anderes erhofft. Nicht, dass einfache Menschen hervortreten und ohne Waffen Panzer aufhalten und ihnen sagen, dass sie wieder gehen sollen“, erklärte Gennady Trukhanov, der russisch sprechende Bürgermeister von Odessa, der früher als russischer Handlanger galt. Er fügte hinzu, dass nur „ein Bastard, ein Idiot oder Dreckskerl“ Bomben auf Odessa werfen würde.

Aus Mariupol geflohene Bewohner erzählten in den vergangenen Tagen schrecklichen Geschichten. Sie lassen Putins Behauptung von vor einem Monat, Ziel des Angriffes sei, die Russischsprechenden in der Ukraine vor dem „Völkermord“ durch Kiew zu retten, noch verdrehter erscheinen als damals.

2014 war Mariupol zwischen pro-russischen und pro-ukrainischen Gruppierungen gespalten und es kam zu gewalttätigen Auseinandersetzungen auf den Straßen. Doch seither wurde die Stadt von den ukrainischen Behörden renoviert und auf Hochglanz gebracht. Der Terror, unter dem die Bewohner:innen der Stadt in den letzten Wochen als Geiseln leben mussten, ist eine Tragödie, die wahrscheinlich noch Jahrzehnte in Erinnerung bleibt.

Wirtschaftliche Stabilität Russland gerät ins Wanken

Für Russlands stockende, blutige Militärkampagne scheint es keine naheliegende Möglichkeit für einen Rückzug ohne Gesichtsverlust oder Friedensvertrag zu geben, der als Sieg verkauft werden könnte. Aber es existiert auch kein klarer Weg zum militärischen Sieg, außer vielleicht durch die Verstärkung der Luftangriffe, um die Ukraine eher zu zerstören als einzunehmen.

Ob das für die Elite um Putin herum akzeptabel wäre, ist eine zentrale Frage und eine, die Kreml-Spezialisten verstärkt versuchen lässt, die zunehmend undurchsichtige Welt von Putins innerem Zirkel zu verstehen.

Klar ist, dass Putins Entscheidung Russland ebenso wie die Ukraine unwiderruflich verändert hat. Putins politische Anziehungskraft baute stark darauf, für Stabilität und wirtschaftlichen Fortschritt zu sorgen. Noch vor kurzem stellte er seine Regierung gerne positiv dar im Vergleich zu den turbulenten 1990er Jahren. Jetzt hat er einiges dafür getan, um innerhalb von Wochen diese Instabilität wieder herbeizuführen: Flugzeuge bleiben am Boden; westliche Marken verlassen das Land; der Rubel fällt.

Bei der Annektierung der Krim 2014 waren noch Teile der öffentlichen Meinung für die russischen Narrative empfänglich. Im Gegensatz dazu ist das russische Vorgehen diesmal so schrecklich, dass der Kreml international nur wenige Verteidiger findet. Unterdessen sind die Verantwortlichen in Russland von der Stärke und dem Ausmaß der westlichen Reaktion überrascht, ebenso wie von der Geschwindigkeit, mit der sich das politische Klima im eigenen Land verschlechtert hat.

Russische Elite gespalten

Es ist schwer zu sagen, ob der Ukraine-Krieg den Anfang vom Ende Putins und seinem System markiert oder einfach der Beginn eines langen Zeitabschnitts ist, der viel dunkler ist als der vorherige.

Teile der russischen Elite haben sich auf das neue, düstere Klima eingelassen – die Chefredakteurin des staatlichen englischsprachigen Senders Russia Today (RT) Margarita Simonjan etwa oder Außenministeriumssprecherin Marija Sacharowa. Nur eine Woche vor dem Krieg verspottete Sacharowa noch Journalisten dafür, über US-amerikanische Behauptungen zu berichteten, eine russische Invasion sei möglich. Jetzt hat sie diese offenbar bereits akzeptiert. Bei einer Veranstaltung im Luzhniki Stadion in Moskau vergangene Woche sagte sie, Russland „bekämpfe das Böse“.

Viele andere aus der russischen Elite sind entsetzt über Putins Krieg. Außer für ein paar enge Vertraute scheint die Entscheidung auch für alle eine Überraschung gewesen zu sein. Allerdings bleibt das Unbehagen bisher eher stumm, weil die Unterdrückung im Land zunimmt und über die Sender zunehmend düstere Kriegstreiberei kommt.

Auch für den ukrainischen Präsidenten hat der vergangene Monat eine starke Veränderung seines Verhaltens und seines Ansehens gebracht. Kurz vor dem Krieg wirkte Selenskyj häufig wie ein Mann, der damit kämpft, die zugegeben miesen Karten zu spielen, die er ausgeteilt bekommen hat. Er sprach mit wirren und abschweifenden Sätzen, wobei er die russische Bedrohung gleichzeitig zum Thema machte und herunterspielte. Er war klar alarmiert durch die Warnungen aus Washington und London, aber erpicht darauf, die ukrainische Wirtschaft für den Fall zu retten, dass Putin nicht einmarschieren würde.

Während dagegen Putin heute in seinem Bunker brütet, hat Selenskyj mit Präsidenten, Premierministern und dem Papst geredet, vor Parlamenten auf der ganzen Welt gesprochen und eine Reihe von bissigen, leidenschaftlichen Video-Ansprachen an die Menschen in seinem Land gesendet.

Wolodymyr Selenskyj vereint Ukrainer, selbst frühere politische Gegner

Trotz der eher halbherzigen Behauptungen russischer Blogger, Selenskij sei schon lange aus der Ukraine geflohen und alle Videos seien Fake, ist klar, dass der Präsident und sein innerer Kreis in der Hauptstadt geblieben sind. Sie lehnten westliche Evakuierungsangebote und den Vorschlag ab, die Regierung nach Lwiw (Lemberg) im Westen des Landes zu verlegen – trotz glaubhafter Geheimdienstberichte über Trupps, die ausgeschickt worden sein sollen, ihn zu töten.

Im Lauf dessen hat Selenskyj die überwältigende Unterstützung vieler Ukrainer:innen auf sich vereint, selbst die früherer politischer Gegner. „Freie Menschen einer freien Nation”, begann er eine seiner jüngsten Reden am Dienstag. „Jeder Tag dieses Kriegs macht deutlicher, was ihre ‘Entnazifizierung’ bedeutet.“

Mit erschöpft wirkenden Augen, aber großer Leidenschaft in der Stimme listete Selenskyj die jüngsten zivilen Opfer des russischen Angriffs auf sowie weitere Ukrainer:innen, die mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet wurden. „Es war ein Tag voller schlimmer Ereignisse ... aber es war ein weiterer Tag, der uns unserem Sieg und Frieden für unseren Staat näher gebracht hat“, sagte Selenskyj zum Abschluss.

Die Ukraine hat im vergangenen Monat schreckliche Verluste erlitten. Aber wenige hatten erwartet, dass Russlands vier Wochen nach seinem Angriff auf das Nachbarland so wenige Erfolge vorzuweisen haben würde.

Noch ist es ein langer Weg bis zu einem Punkt, der als Sieg für die Ukraine betrachtet werden könnte. Aber mit jedem Tag, der vergeht, glauben mehr Ukrainer Selenskyj, und dass ein wie auch immer gearteter Sieg möglich ist.

Übersetzung: Carola Torti

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Geschrieben von

Shaun Walker | The Guardian

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