Jon Savage
22.10.2010 | 16:30 3

Ein Rest Chaos bleibt

Cut Punk kommt uns heute so vertraut vor, dass die Leute dazu tendieren, seine anfängliche, revolutionäre Energie zu vergessen: Zum Tod von Ari Up, der Sängerin der Slits

Ari Up, die am Mittwoch mit 48 Jahren an Krebs gestorben ist, war ein ausgesprochen kraftvoller Ausbund an Energie – eine Vorreiterin, die den Spirit des Punk verkörperte. Als Sängerin derSlits, die auch mit an den Texten schrieb, definierte sie ganz neu, was eine Frau in der Musik machen konnte. Und sie eröffnete – im Rahmen des Ethos ihrer Zeit – neue Möglichkeiten, die von ihr und vielen anderen in den darauffolgenden Jahren erkundet werden sollten.

 Die Slits traten mit ihrem Auftritt im Harlesden Coliseum im März 1977 ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Wie viele Bands ihrer Zeit, lernten sie in Aktion: Der Auftritt war chaotisch und brutal. Aber keiner hatte je zuvor eine Frau gesehen, die sich so auf einer Bühne benah: Sie parodierte schamlos sexuelle Vorstellungen und wirkte gleichzeitig tougher und aufwieglerischer als alle anderen (männlichen) Bands, die an diesem Abend spielten.

Ich liebte ihre Auftritte 1977 und 1978. Ihre Shows wurden zusammenhängender, aber ein Rest Chaos blieb immer – was den Reiz verstärkte. Drummerin Palmolive war phänomenal anzusehen: Sie spielte im Stehen und prügelte in einem donnernden, wilden Takt auf ihr Drumset ein. Bassistin Tessa Pollitt stand stocksteif und hellwach da, während Gitarristin Viv Albertine wie eine Tigerin auf der Bühne umherstreifte.

Vorne stand Ari und heulte, brüllte, prostete ins Publikum, säuselte, skankte, schob ihre Kleider hoch, zog an ihrem Haarnest und benahm sich so wenig Lady-like wie es nur ging. Sie war sowohl als Person als auch auf der Bühne provokativ, aber ihre Courage ging mit dem ausgelassenen, jugendlichen Verlangen zu Schockieren und für Entrüstung zu Sorgen einher, das eines der wichtigsten Impulse des Punk war.

Den Slits fiel es nicht leicht, sich in die konservative, von Männern dominierte Musikindustrie zu integrieren. Ihre Songs wurden klarer, und wenn man genau hinhörte, fiel auf, dass sie auch melodisch, gewitzt und extrem scharfsinnig waren. Zu ihren Meisterwerken zählt der Song FM – den sie 1977 für eine John Peel Session aufnahmen – der die heimtückischen Auswirkungen der Massenmedien auf die Psyche attackiert. Er endet auf die Geräusche eines Radios, aus denen auch der anzügliche Song Young Girl der Band Union Gap herauszuhören ist.

Als die Slits 1979 ihr erstes Album aufnahmen, hatten sie mit ihren thrashigen Anfängen kaum mehr etwas gemein. Cut gilt mit seinen Reggae-Anleihen zu Recht als bahnbrechendes Statement. Produziert wurde das Album von Dennis Bovell und es finden sich darauf so starke Stücke wie Newtown, Shoplifting und natürlich Typical Girls – ein nachhaltiges Manifest für alle junge Frauen, die sich den Normen widersetzen wollen.

Punk kommt uns heute so vertraut vor, dass die Leute dazu tendieren, seine anfängliche, revolutionäre Energie zu vergessen. Für eine kurze Zeit musste alles neu sein. Wenn es noch keiner getan hatte, dann tu es: warum nicht? Was sollte dich aufhalten? Ari Up hat diesen Impuls bis ins 21. Jahrhundert hinein auf der Bühne, auf ihren Platten und als Person ausgelebt. Was sie tat war schlichtweg heroisch und dafür ziehe ich vor ihr den Hut: Ich bedaure, dass sie nicht mehr bei uns ist.

Übersetzung: Christine Käppeler

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