Ein schlechtes Datum

Silvester Guardian-Kolumnistin Tanya Gold ist am 31. Dezember geboren. Das ist noch schlimmer als an Heilig Abend Geburtstag zu haben, erklärt sie, und feiert dieses Jahr allein

Ich habe an Silvester Geburtstag. Ich brauche keinen Kalender, der mich daran erinnert, dass ich ein Jahr älter geworden bin – das weiß ich, wenn ich das Erbrochene auf den Bürgersteigen sehe, oder ich erkenne es daran, dass die Menschen wie in den Filmen Blumen des Schreckens oder Doctor Who gen Himmel starren und darauf warten, von Cybermen ermordet oder von Pflanzen gefressen zu werden. Ich muss es wissen, denn schließlich habe ich 35 Jahre lang versucht, eine gelungene Geburtstagsparty zu organisieren und bin gescheitert. Sie glauben, ich übertreibe? Ha! Ich habe alles versucht und nichts hat funktioniert. Sehen Sie selbst:

Plan A
Du machst eine Party und um Viertel vor Zwölf gehen alle woanders hin, wo es besser ist. Nur du selbst kannst nirgendwo anders hingehen, denn die Party fand in der Wohnung deiner Mutter statt und du musst das Sofa in Ordnung bringen, weil sich jemand darauf gesetzt hat. Tust du das nicht, straft dich deine Mutter mit einem Blick, wie ihn sonst nur die Katze draufhat, wenn sie verärgert ist. (Tanyas Geburtstag: 1988)

Plan B
Du machst eine Party und hast zu viele Frauen mit Essstörungen eingeladen. Kurz vor Mitternacht entwickelt die Feier sich zu einer Bulemie-Party. Alle pfeifen sich Schokoriegel rein und injizieren sich Sahne direkt zwischen die Zehen. („Spritz mir noch was von der extra Fetten!“ „Ich kann keine Vene finden!“) Vor der Toilette bildet sich eine Schlange, aber nicht, weil die Leute alle koksen wollen. Es ist erstaunlich, dass kollektives Übergeben sich anhören kann wie Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr [Auld lang syne erklingt traditionell auf englischen Silvester-Partys, d. Übersetzer]. (Tanyas Geburtstag: 2003, 2006)

Plan C
Du gehst auf eine Party, trinkst aber aufgrund der außerordentlich sensiblen chemischen Disposition deines Gehirns nichts. Dies führt dazu, dass du nicht versteht, was die Leute zu dir sagen, denn sie sind betrunken und du nicht: „Yxsds%fg/fvgfh!“ Dann fallen sie möglicherweise vom Balkon und stürzen lachend in den Tod. Dann kannst du a.) einen Krankenwagen oder b.) ein Taxi bestellen. (Tanyas Geburtstag: 2001, 2002, 2005)

Plan D
Du gehst in die Innenstadt um dir das Feuerwerk anzusehen und stellst fest, dass du der einzige Mensch in ganz London bist, der von zehn rückwärts zählen kann. (Tanyas Geburtstag: 1999)

Plan E
Du bleibst zuhause und siehst fern. Dies ist das Ticket, mit dem du dich von der Menschheit verabschiedest. Du weißt das. Und die Menschheit weiß es auch. (Tanyas Geburtstag 2009 – vorläufiger Entwurf)

Es gibt noch andere Möglichkeiten, sich runterziehen zu lassen, aber ich habe hier nicht den Raum, um diese im Detail zu beschreiben. (Wobei: Wussten Sie, wie langweilig es sein kann, von Alcopops betrunkenen Leuten dabei zuzusehen, wie sie in Amersham in einen Swimming-Pool springen?) Also grüble ich und ärgere mich, während der Tag herannaht. Ich widme mich merkwürdigen Fragen wie der, ob die Booker-Preis-Gewinnerin Hilary Mantel wohl zu einer Party eingeladen ist oder der Fernsehmoderator Noel Edmonds.

Ich kann mich zwar damit trösten, dass ich nicht allein bin. Simon Wiesenthal, Ben Kingsley und Anthony Hopkins teilen mein Schicksal. Dennoch erwarte ich diesen Tag mit einer besonderen Angst. Vielleicht liegt das daran, dass ich in einem Nonnenkloster zur Welt kam. Meine Mutter sagt, ich sei herausgekommen, hätte eine Nonne gesehen und angefangen zu schreien. Ich schreie immer noch. Aber ich vergesse mich.

Ein frohes Neues Jahr, liebe Leser und mir einen schönen Geburtstag!

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Übersetzung der gekürzten Fassung: Holger Hutt
Geschrieben von

Tanya Gold, The Guardian | The Guardian

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