Eine Schrift, um sie alle zu knechten?

Helvetica Die Helvetica ist eine der populärsten Schriftarten, doch wo kommt sie her und wo will sie hin? Wofür sie einmal stand
Ausgabe 11/2014

Der Friedhof ist einer der wenigen Orte, an denen sich die Helvetica in den vergangenen 50 Jahren nicht durchsetzen konnte. Auf Grabsteinen werden Serifenschriften bevorzugt. Ende Februar ist Mike Parker, der „Pate der Helvetica“ gestorben. Mit seinem Tod stellt sich die heikle Frage: Wird ihn sein wichtigstes Werk auf den Gottesacker begleiten?

Die Helvetica ist heute überall. Sie begegnet uns in den Logos großer Konzerne wie Nestlé, Lufthansa, Toyota und American Airlines. Bekleidungsketten wie American Apparel und Gap nutzen sie ebenso wie die Technologieunternehmen Microsoft, Intel und Apple (wobei die aktuellen iPhones die schlankere Helvetica Neue verwenden).

Die Wurzeln der Helvetica liegen – der Name verrät es – in der Schweiz. Ursprünglich hieß sie Neue Haas Grotesk, was eher wie eine deutsche Industrialband aus den Achtzigern klingt. Die Typografen Max Miedinger und Eduard Hoffmann entwickelten sie 1956 ganz im Sinne des neuen Schweizer Stils, der Grafikdesign als utopische Mission der Nachkriegszeit verstand. So wie die modernistische Architektur sich des überflüssigen Ornaments entledigte, kappte die neue Schweizer Typografie die frivolen Serifen. Das modernen Industriezeitalter hatte begonnen, nun kam es auf schnelle und klare Kommunikation an.

Mike Parker, US-Amerikaner und gebürtiger Brite, war zur richtigen Zeit am richtigen Ort, um den Aufstieg der Helvetica zu ermöglichen. 1961 wurde er Direktor des Setzmaschinenherstellers Mergenthaler Linotype in den USA. Seine Setzmaschinen waren der Standard im Zeitungs- und Buchdruck und lieferten auch die Schriften mit. Parker soll so über tausend Schriftarten eingeführt und bekannt gemacht haben – doch die Helvetica war sein größter Erfolg. Die neuen Corporate Identity Berater setzten die Helvetica in den Sechzigern wie einen Hochdruckschlauch ein. Sie fegten damit die Kursivschriften und piktografischen Logos, die aufgeregten Ausrufezeichen und das allgemeine typografische Chaos der vorangegangenen Jahrzehnte hinweg und ersetzten sie durch kühles, sachliches Understatement.

Und heute? Die Helvetica ist so allgegenwärtig, dass sie nichtssagend geworden ist. Vieles, wofür sie steht, erscheint dieser Tage nicht mehr so reizvoll: Konzerndominanz, Konformität, American-Apparel-Werbung. Spricht man heute mit Grafikdesignern, hegen viele eine tiefe Abneigung gegen die Schrift. Puristen haben versucht, die originale Neue Haas Grotesk wieder einzuführen, die sich in minimalen Details unterscheidet. Andere haben sich aus Sehnsucht nach einer Anti-Helvetica auf die kindische Comic Sans verlegt. In London sieht man immer häufiger Schriften im Stil der Avenir – Pate dafür stand möglicherweise das berühmte „Keep Calm And Carry On“-Poster. Sogar Wes Anderson hat seine geliebte Futura (eine serifenlose Schrift, die leicht mit der Helvetica zu verwechseln ist) abserviert und durch lebhaftere, prä-modernistische Schriften wie die Archer Bold ersetzt.

Für den Veteranen Parker hingegen, mit seinem Sinn für die feinen Unterschiede der Schriften, blieb die Helvetica unerreicht. In dem Dokumentarfilm Helvetica (2007) von Gary Hustwit schwärmte er: „Sie ist einfach brillant, wenn sie richtig eingesetzt wird.“ Das könnte man so auf seinen Grabstein setzen.

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Übersetzung: Zilla Hofman
Geschrieben von

Steve Rose | The Guardian

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