Einmal Bagdad und zurück

Irak-Tourismus Zum ersten Mal nach Kriegsende reisen wieder Touristen in den Irak. Ein englischer Reiseanbieter hat sich auf Touren nach Bagdad spezialisiert. Aber wer fährt da hin?

Noch vor vier Jahren hörte es sich nicht eben ermutigend an, wie die Tourismuschefs in Basra die Lage für Besucher aus dem Westen einschätzten: Es bestünde, sagten sie damals, „eine Chance von 70 bis 80 Prozent, dass einem nichts passiert.“

Inzwischen allerdings muss sich die Lage verbessert haben. Immerhin kehrte am vergangenen Freitag eine Gruppe westlicher Rucksacktouristen nach einer siebzehntägigen Reise durch den Irak an den Ausgangspunkt Bagdad zurück – müde, ohne Versicherungsschutz, ein wenig entnervt, aber glücklich. Noch vor zwölf Monaten wäre das undenkbar gewesen.

Bei den letzten westlichen Ausländern, die vor dem Sheraton Hotel in Bagdad eintrafen, hatte es sich um einmarschierende US-Marines gehandelt. Nun - ironischerweise am sechsten Jahrestag der Invasion des Irak - stand eine aus vier Briten, einem in London lebenden Russen, zwei Amerikanern und einem Kanadier bestehende Reisegruppe vor dem Hotel in der irakischen Hauptstadt und führte nichts Bedrohlicheres mit sich als ihre Koffer und eselsohrige Reiseführer.

Die erschöpften Abenteurer hatten einen zehnstündigen Trip nach Basra mit Höhe- (drei Zwischenstops an berühmten mesopotanischen Stätten) und Tiefpunkten (nicht weniger als vierzig Checkpoints) hinter sich.

Was sind das für Leute, die in ein immer noch vom Krieg zerrüttetes Land reisen? Die pensionierte siebzigjährige Beamtin Bridgett Jones wollte, seit sie vor 55 Jahren einmal für das Near Eastern Institute of Archeology in London gearbeitet hatte, unbedingt einmal die antike Stätte Ur sehen, die Historiker als Wiege der Zivilisation betrachten. Zu Jones` Mitreisenden zählten unter anderem der ehemalige Postmeister und jetzige Entrepreneur Gordon Moore, 55, aus Northumberland und die 36-jährige Beamtin Tina Townsend-Graves, aus Yorkshire. Sie alle waren zuvor mindestens bei einer „Pionierreise“ in Länder wie Afghanistan, Aserbaidschan oder den kurdischen Norden des Irak dabei gewesen, die genau wie ihr jetziger Irak-Trip von dem britischen Reiseveranstalter Hinterland Travel organisiert worden waren.
„Ich hatte erwartet, viel mehr Schäden zu Gesicht zu bekommen,“ sagt Townsend-Greaves. „Ich war auch schon in Afghanistan. Da waren überall vor sich hin rostende Panzer. Hier sind nur Plastiksäcke und Betonblocks.“

Auf dem Weg nach Basra hat die Gruppe das antike Grab des Hebräer-Propheten Erza besichtigt, das sich fünfundsechzig Kilometer von der Hafenstadt im Süden des Landes entfernt befindet und nur eine der unzähligen Stätten ist, die daran erinnern, dass das Land zwischen Euphrat und Tigris für mehr als einen monotheistischen Glauben von großer Bedeutung ist.

Organisiert wurde die Tour von Geoff Hann, der schon seit den siebziger Jahren Reisengruppen in den Irak führt. Nachdem er seit Oktober 2003 nicht mehr in dort gewesen war, hatte Hann Ende vergangenen Jahres an einer Tourismuskonferenz in Bagdad teilgenommen und war zu dem Schluss gekommen, dass die Sicherheitslage sich soweit verbessert hatte, dass eine neue Tour riskiert werden könne.
Die meisten seiner Kunden, so Hann, seien keineswegs Kriegstouristen, sondern vornehmlich Pensionäre mit profunden kulturellen Interessen.

Nach dem Unterschied zwischen damals und heute gefragt, erinnert er sich: „Mit der vorherigen Regierung liefen die Absprachen geordneter ab. Solange man machte, worum Saddams Garden einen baten, war alles okay.“

Keiner der Reiseteilnehmer, die den Trip trotz ausdrücklicher Warnungen des britischen Außenministeriums antraten, hatte eine Reiseversicherung bekommen.

Auch jenseits der vielen Checkpoints und abgesehen von ständigen Programmverzögerungen hielt die Reise einige frustrierende Momente für sie bereit gehalten. So wurde ein Besuch im irakischen Nationalmuseum ohne Angabe von Gründen kurzfristig abgesagt. Die Gesellschaft erklärte, sie fühlten sich wie Spielfiguren in einem Machtspiel zwischen rivalisierenden Regierungsbehörden, die im Umgang mit ausländischen Touristen noch nicht zu einer Übereinkunft gekommen seien.

„Was soll ich machen,“ sagt Saadi Kashaf, ihr irakische Begleiter von der Tourismusbehörde mit einem Schulterzucken. „Sie wollten nun mal an gefährliche Orte wie Mosul oder Samaraand. Da hab ich sie auch hingebracht,“ fügt er hinzu.

Die Regierung des Irak hoffe, mehr Touristen anlocken zu können, erzählt Kashaf. Von einem günstigen Pauschalreiseziel ist das Land indes noch weit entfernt. Für eine siebzehntägige Tour muss der Reisende mindestens 2.000 Euro hinlegen.

Die Mesopotamien-Tour, wie sie auf der Internetseite des Anbieters genannt wird, schlägt mit um die 2.000 britischen Pfund (rund 2.150 Euro) zu Buche.Ausgangspunkt der siebzehntägigen Tour ist Bagdad, von wo aus es über die Städte Samarra und Hatra in die Stadt Erbil im kurdischen Norden weitergeht.Hinterland Travel

Nach einem weiteren Zwischenstopp in Bagdad folgt ein Abstecher in den Süden, wo die heiligen Schreine von Kerbala und Najaf besichtigt werden. Außerdem die antike Stadt Ur, die Ausgrabungsstätte Uruk aus dem 4. Jahrtausend vor Christus, sowie die alte Heimat der Marsch-Araber, einer beduinischen Bevölkerungsgruppe. Nach einem zweitägigen Aufenthalt in Basra geht es dann zurück nach Bagdad.

Wer sich an schäbigen Hotels stößt, für den ist diese Reise wohl eher nicht zu empfehlen. Darauf weist man auch bei Hinterland Travel hin: Die Hotels sind nicht eben sorgsam behandelt worden. Die Qualitätsstandards der uns zur Verfügung stehenden Hotels variieren dementsprechend stark, heißt es auf der Hinterland-Webseite. Die nächste Tour ist für April angesetzt.


Tag 1 Anreise: Von London nach Damaskus

Tag 2 Damaskus

Tag 3 Anreise: Flug von Damaskus nach Bagdad

Tag 4 Bagdad

Tag 5 Bagdad-Samarra-Hatra-Erbil

Tag 6 Erbil, mit Ausflügen

Tag 7 Tour:Erbil-Nimrud, Mar Benham-Assur-Bagdad

Tag 8 Ausflüge in und um Bagdad

Tag 9 Tour: Bagdad-Ctesiphon-Babylon-Bordippa-Hilla

Tag 10 Tour:Hilla-Kish-Ukheider-Kerbala

Tag 11 Tour:Kerbala-El Khifal-Kufa-Najaf

Tag 12 Tour: Najaf-Nippur-Warka (Uruk)-Larsa-Nasiriya

Tag 13 Tour:Nasiriya-Ur-Eridu-Tel Ubaid-Nasiriya

Tag 14 Durch die Marsch-Gebiete nach Basra

Tag 15 Ausflüge in und um Basra

Tag 16 Reise per Flugzeug oder Zug: Von Basra nach Bagdad

Tag 17 Rückreise: Bagdad-Damaskus-London

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Geschrieben von

Martin Chulov, The Guardian | The Guardian

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