Europas neue Sklavinnen

Missbrauch Tausende Frauen aus Rumänien arbeiten auf Sizilien als Erntehelferinnen. Ihre finanzielle Not ist groß. Viele Bauern nutzen das aus

Beinahe drei Jahre lang lag Nicoleta Bolos jede Nacht wach auf einer verdreckten Matratze und wartete auf das Geräusch von Schritten draußen vor der Tür. Während die Stunden verstrichen, bereitete sie sich darauf vor, dass die Tür sich knarrend öffnen, ein Gewehr auf dem Tischchen neben ihrem Kopf abgelegt werden und ihr Arbeitgeber sich auf die schmutzig-graue Matratze werfen würde.

Das Einzige, was sie mehr fürchtete als die Schritte des Bauern draußen vor der Tür, war es, ihren Job zu verlieren. Also ertrug sie Nacht für Nacht Vergewaltigungen und Schläge, während ihr Ehemann sich draußen in den Vollrausch soff.

„Das erste Mal sagte mir mein Mann, dass ich es tun müsse. Dass der Besitzer des Gewächshauses, in dem wir Arbeit bekommen hatten, mit mir schlafen wolle. Wenn ich das nicht tun würde, würde er uns nicht bezahlen und fortschicken“, erzählt sie.

„Ich dachte, mein Mann sei verrückt geworden. Aber als ich mich weigerte, schlug er mich. Er sagte, ich müsse alles tun, was unser Chef befehle – nur so könnten wir unsere Arbeit behalten. Als mein Arbeitgeber kam, bedrohte er mich mit einem Gewehr. Wenn ich mich bewegen würde, würde er mir den Kopf wegpusten, sagte er. Als er fertig war, ist er einfach gegangen.“

Gemüse für ganz Europa

Am nächsten Morgen kauerte Bolos wieder neben ihrem Mann bei der Arbeit in einem heißen Gewächshaus und erntete jene landwirtschaftlichen Erzeugnisse, die dazu beitragen, dass Italien der größte Erzeuger von Obst und Gemüse in Europa und die Provinz Ragusa auf Sizilien der drittgrößte Gemüseproduzent Europas ist.

Während sie in dem Betrieb gearbeitet habe, seien die Arbeiter in kaum bewohnbaren Unterkünften untergebracht worden, hätten Katzenfutter zum Abendessen erhalten, und medizinische Versorgung sei ihnen verweigert worden, sagt Bolos. Nachts hätten sie und die anderen Arbeiterinnen der Unterhaltung des Landwirts und seiner Freunde gedient. „Als ich hierher kam, dachte ich, mich erwarte ein harter, aber anständiger Job in einem europäischen Land. Aber wir wurden zu Sklaven.“

Versteckt zwischen Feldern mit weißen Plastikzelten arbeiten in Ragusa 5.000 rumänische Frauen wie Bolos als landwirtschaftliche Saisonkräfte. Die italienische NGO Proxyma Association, die sich für die Rechte von Migranten einsetzt, geht davon aus, dass über die Hälfte der Rumäninnen, die in den Gewächshäusern arbeiten, in sexuelle Beziehungen zu ihren Arbeitgebern gezwungen werden. Fast alle von ihnen arbeiten unter den Bedingungen von Zwangsarbeit und schwerer Ausbeutung.

Die Polizei schätzt, dass bis zu 7.500 Frauen, der Großteil davon aus Rumänien, auf den landwirtschaftlichen Betrieben der Region in Sklaverei leben. Guido Volpe, ein Kommandant der sizilianischen Carabinieri, sagt, Ragusa sei das Zentrum dieser Art der Ausbeutung auf der Insel. „Diese Frauen arbeiten als Sklavinnen auf den Feldern, und wir wissen, dass sie erpresst werden, damit sie Sex mit den Besitzern der Betriebe haben“, sagt er. „Es ist nicht leicht, in dieser Angelegenheit zu ermitteln oder zu verhindern, dass diese Dinge geschehen, weil die Frauen zu viel Angst haben, um darüber zu sprechen.“

Viele der Frauen haben Kinder und Familien zu Hause zurückgelassen, die von ihnen abhängig sind. Sie fühlen sich gezwungen, verzweifelte Entscheidungen zu treffen. „Wo ich herkomme, hat niemand einen Job“, sagt Bolos, während sie ihre fünfmonatige Tochter in einem Lagerhaus eines anderen landwirtschaftlichen Betriebs in Ragusa stillt. „Der durchschnittliche Monatslohn dort beträgt 200 Euro. Hier kann man viel mehr verdienen. Auch wenn man dafür leiden muss.“

Für diesen Text haben wir mit zehn rumänischen Frauen gesprochen. Alle haben von regelmäßiger sexueller Belästigung und Ausbeutung berichtet. Von zwölf Stunden Arbeit ohne Wasser in extremer Hitze, ausbleibenden Löhnen und unzumutbaren Unterkünften. Ihre Arbeitstage seien oft geprägt gewesen von physischer Gewalt. Man habe sie mit Waffen bedroht und mit Drohungen gegen ihre Kinder und Familien erpresst.

Alessandra Sciurba von der Universität Palermo war im Jahr 2015 Mitverfasserin eines Berichts, der den Missbrauch rumänischer Frauen in Sizilien dokumentierte. Sie sagt, die Zustände hätten sich seither noch verschlechtert. „Die Frauen erzählen, dass sie auswandern müssen, damit ihre Kinder in Rumänien nicht in vollkommener Armut leben. Sie selbst aber müssen schlimme Bedingungen und Missbrauch aushalten“, sagt Sciurba. „Was wir gesehen haben, ist nicht weniger als Zwangsarbeit und Menschenhandel, wie sie von der Internationalen Arbeitsorganisation der UN definiert werden.“

Die Staatsanwältin Valentina Botti geht mehreren Anzeigen wegen sexueller Belästigung und Ausbeutung von Arbeitskräften nach. Sie sagt, der Missbrauch rumänischer Frauen habe ein immenses Ausmaß. „Entführung, sexuelle Übergriffe und das Festhalten von Menschen in Sklaverei sind die drei schwerwiegendsten Verbrechen, die wir bislang nachgewiesen haben.“

Es gehe um tausende rumänische Frauen, die Opfer von schwerwiegendem Missbrauch geworden sind. „Nur sehr wenige kommen mit ihrer Geschichte auf uns zu. Die meisten von ihnen akzeptieren die Ausbeutung als ein persönliches Opfer, um ihren Job behalten zu können.“

Der enorme Anstieg von rumänischen Frauen, die um Abtreibungen bitten, alarmiert Ärzte und Menschenrechtsgruppen in Sizilien. Laut Angaben von Proxyma stellen rumänische Frauen nur vier Prozent der weiblichen Bevölkerung von Ragusa, lassen aber 20 Prozent der registrierten Abtreibungen vornehmen.

„Die Zahl bei rumänischen Frauen ist äußerst alarmierend“, sagt Ausilia Cosentini, Koordinatorin des Fari-Projekts, das Hilfe für rumänische Frauen in Krankenhäusern anbietet. Viele der Frauen, die Abtreibungen vornehmen lassen wollten, kämen in Begleitung ihrer Arbeitgeber oder anderer italienischer Männer. „Auch wenn man nicht davon ausgehen kann, dass all diese Schwangerschaften das Resultat sexueller Gewalt sind, muss man die hohe Zahl von Abtreibungen in Relation zu den wenigen rumänischen Frauen doch ernst nehmen.“

Gefährliche Chemikalien

Zudem sind die Arbeitsbedingungen in einigen Fällen äußerst gefährlich. Eine junge Frau berichtete, sie sei krank geworden, nachdem sie gezwungen worden war, ohne Schutzkleidung mit Chemikalien zu arbeiten. „Ich musste Lebensmittel verarbeiten, die mit Pestiziden bedeckt waren, und wurde wirklich krank davon. Ich musste husten und hatte Atemprobleme.“

Diejenigen Arbeiterinnen, die die Verstöße den Behörden gemeldet haben, berichten, dass sie danach oft keine Arbeit mehr finden konnten. „Ich habe mit meinem Mann zusammen in den Gewächshäusern gearbeitet, und der Besitzer wollte mit mir schlafen“, erzählt Gloria, 48. „Als ich mich weigerte, warf er mich hinaus. Ich habe ihn dann der Polizei gemeldet. Seitdem finde ich keine Arbeit mehr. Die anderen Bauern wissen, dass ich bei der Polizei war.“

Nicoleta Bolos konnte die allnächtliche Tortur irgendwann nicht mehr ertragen. Sie rannte davon und ließ den Hof mitsamt ihrem Mann zurück. Nun war sie arbeitslos und konnte ihren zwei Kindern kein Geld mehr nach Hause schicken. Als Freunde das Geld zusammenhatten, um ihr ein Busticket zu kaufen, damit sie nach Rumänien zurückkommen konnte, hatte sie das Sorgerecht für die Kinder bereits verloren. Sie leben jetzt bei einem Onkel ihres Ex-Manns, ihr ist jeder Kontakt verwehrt. So kam es, dass sie sich trotz der Gewalt, die ihr angetan worden war, wieder in einen Bus setzte und nach 50 Stunden Fahrt in die Gewächshäuser von Ragusa zurückkehrte.

Es gibt reichlich Arbeit für Erntehelfer in Ragusa. Die lokale Wirtschaft ist auf Arbeitsmigranten angewiesen. Die italienischen Exporte von frischem Obst und Gemüse sind in den vergangenen Jahren gestiegen und belaufen sich heute auf 366 Millionen Euro pro Jahr. Ein Großteil davon wird auf den 5.000 Anlagen in der Provinz Ragusa produziert.

Versuche, das Thema des sexuellen Missbrauchs im italienischen Parlament zur Sprache zu bringen, sind bislang ergebnislos geblieben. 2015 reichte die Abgeordnete Marisa Nicchi eine parlamentarische Anfrage nach der Versklavung rumänischer Arbeiterinnen ein und forderte die Regierung auf, eine Untersuchung einzuleiten. „Zwei Jahre sind vergangen und die italienische Regierung hat nichts unternommen“, sagt sie in ihrem Parlamentsbüro in Rom. „Aber wir geben nicht auf. Diese Verbrechen müssen ein Ende haben.“

Seit sie nach Italien zurückgekehrt ist, hat Nicoleta Bolos einen rumänischen Mann kennengelernt und zwei weitere Kinder bekommen. Sie meldete ihren Ex-Chef der Polizei, woraufhin dieser eine Anzeige erhielt. Der Prozess steht noch aus.

Sie habe sich entschlossen, an die Öffentlichkeit zu gehen, um anderen rumänischen Frauen zu helfen. Mit ihrem Baby im Arm sitzt sie auf einem Plastikstuhl und deutet auf ihre Unterkunft. Die Wände sind feucht, es gibt weder Heizung noch fließendes Wasser. „Das ist unser Leben hier. Ich werde meine Kinder aber nicht noch einmal verlieren. Sie sind der Grund, warum ich das durchgestanden habe, warum ich zur Sklavin geworden bin – ihretwegen musste ich diesen Mann jede Nacht in mein Bett lassen. Jetzt will ich, dass die Leute davon erfahren, und dass es aufhört.“

Einige der Namen wurden geändert, um die Betroffenen zu schützen.

Annie Kelly ist Redakteurin des Guardian, Lorenzo Tondo freier Journalist in Palermo. Unterstützt wurde die Recherche von der Humanity-United-Stiftung

Übersetzung: Zilla Hofman/Holger Hutt

06:00 19.04.2017
Geschrieben von

Annie Kelly, Lorenzo Tondo | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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