Fünf Minuten mit Justin

Kostbare Zeit Echte Stars haben nicht viel Zeit. Justin Timberlake hat sogar nur eine Stunde für die "ganze Welt". Einzelne Interviews dürfen nicht länger als fünf Minuten dauern

In fünf Minuten kommt man heutzutage nicht mehr weit. Nur sehr selten reicht es, nur fünf Minuten auf den Bus zu warten, bis er kommt. Auch um eine Kanne Tee zu machen, ist die Zeit knapp bemessen. Ja, sie reicht nicht einmal, um die Album-Version von The Verves Bitter Sweet Symphony vollständig anzuhören. Trotz alledem war ich fest entschlossen, die tiefsten Winkel der Seele von Justin Timberlake in 300 Sekunden zu ergründen.

Vergangene Woche fragte der PR-Mann von Timberlakes Mode-Label William Rast bei mir an, ob ich Justin nicht vor seiner Show in New York interviewen wolle. Ort und Zeit wurden vereinbart. Dann erhielt ich die folgende E-Mail: „Ihr Interview mit JT findet in der Zeit zwischen 17.05 – 17.10 Uhr statt.“ Zunächst hielt ich das für einen Tippfehler, aber nein, ich bekam wirklich nur fünf Minuten, denn, so sein Promoter: „Justin hat nur eine Stunde für die ganze Welt.“ Ich ließ mich aber nicht entmutigen. Schließlich hatte Justin selbst für Madonna nur vier Minuten, als sie zusammen ein Duett sangen – vier Minuten für Madonna!

Neugierig darauf, was man in fünf Minuten über einen Menschen in Erfahrung bringen kann, tauchte ich also im Backstage-Bereich von Justins Show auf, wo mir mitgeteilt wurde, dass ich meine fünf Minuten auch noch mit einem Kollegen von USA Today teilen müsse. Offenbar war eine Stunde dann doch nicht genug für die Welt. Den Mann, wegen dem wir uns hier versammelt hatten, konnte ich in der Traube von Pressevertretern nur ausmachen, weil er überaschend groß ist. Endlich wurden dann auch USA Today und ich vorgelassen.

Erste Frage: "Justin, wer sind Deine Mode-Ikonen?" – „Hm, Dean Martin, Steve McQueen, Grace Jones.“ Hat ihn seine Liebe zu Grace zu der Parodie des Beyonce-Videos Single Ladies inspiriert (ein großer Renner auf You Tube), in dem er einen Trikotanzug trägt? „Nein, das war einfach etwas, was jeder Mann einmal machen sollte“, sagt er, möglicherweise etwas ironisch. Was hält er von Speed-Interviews? „Find’ ich gar nicht schlecht, wobei die meisten der Interviews, die ich gebe, ziemlich lahm sind“, erwidert er mit überraschender Offenheit. Naja, was hat er denn von fünf Minuten erwartet? „Ich weiß, schon klar. Es ist nur so, dass im Zeitalter von Big Brother jeder wissen will, mit wem du die letzte Nacht verbracht hast und das geht niemanden etwas an!“ Dann blickt er mir direkt in die Augen und – ich schwöre, ich lüge nicht – legt seine Hand auf meinen Arm und sagt: „Aber mit Ihnen würde ich den ganzen Tag reden, solange Sie mir gute Fragen stellen.“ Hinter mir scharren die Leute von Access Hollywood allerdings schon ungeduldig mit den Füßen. Justin sieht müde aus.

Die Antwort auf die Frage, was man in fünf Minuten machen kann, lautet im Fall Justin Timberlake also: Man kann es schaffen, dass eine Journalistin sich ein klein wenig in einen verliebt und, was noch weniger vorhersehbar war, dass man ihr auch noch leid tut. Gott sei Dank hatten wir keine ganze Stunde!

Übersetzung: Holger Hutt

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15:25 26.02.2009
Geschrieben von

Hadley Freeman, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

Ausgabe 39/2020

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