Gentrifizierung tötet

Silicon Valley Sein ganzes Leben hat Alex Nieto in San Francisco verbracht. Mit dem Start-up-Boom hatte er nichts zu tun. Bis ihn Polizisten erschossen
Rebecca Solnit | Ausgabe 30/2016 4

Alejandro Nieto war 28 Jahre alt, als er getötet wurde, in einem Stadtviertel, in dem er sein ganzes Leben lang gewohnt hatte. Er starb in einem Kugelhagel, den vier Polizisten seiner Heimatstadt San Francisco auf ihn abfeuerten.

Es gibt ein paar Dinge an diesem Tod, über die sich alle einig sind: Nieto war in einem Park und aß dort einen Burrito mit Tortilla Chips. Er trug eine Elektroschockpistole bei sich, einen Taser, den er wegen seines Jobs als Türsteher eines Nachtclubs besaß. Jemand wählte seinetwegen die Notrufnummer 911. Das war am Abend des 21. März 2014, kurz nach 19 Uhr. Die Polizisten, die wenige Minuten später vor Ort waren, behaupten, Nieto habe den Taser herausfordernd auf sie gerichtet, sie hätten das rote Laserlicht mit dem Laservisier einer Pistole verwechselt und ihn in Notwehr erschossen. Allerdings widersprechen die Geschichten der vier Polizisten einander und zum Teil auch der Beweislage.

Auf der Straße, die sich in Kurven um die grüne Hügelspitze des Bernal Heights Parks windet, gibt es eine inoffizielle Gedenkstätte für Nieto. Leute, die Hunde spazieren führen oder joggen, halten an, um das Transparent zu lesen, das mit Steinen am Hang befestigt ist, umgeben von Blumen. Alex’ Vater Refugio kommt mindestens einmal pro Tag hierher – zu Fuß, die kleine Wohnung der Nietos liegt auf der Südseite des Hügels. Alex Nieto ist auf diesem Hügel herumgelaufen, seit er ein Kind war.

Refugio und Elvira Nieto sind zurückhaltende Menschen, aufrecht, aber von Sorgen gezeichnet. Sie sprechen beredt Spanisch und fast gar kein Englisch, ihr Sohn war ihr Botschafter in die englischsprachige Welt gewesen. Sie kannten sich schon als arme Kinder in einer kleinen Stadt in Mexiko und emigrierten getrennt voneinander in den 1970ern in die Gegend rund um die Bucht von San Francisco. Sie trafen sich dort wieder und heirateten 1984. Seitdem leben sie in demselben Haus. Elvira arbeitete Jahrzehnte lang als Reinigungskraft in Hotels im Zentrum von San Francisco und ist jetzt in Rente. Ihr Mann verdiente dazu, aber meistens blieb er zu Hause, kümmerte sich um Alex und dessen jüngeren Bruder Hector. Letzterer saß – gutaussehend, düster, mit glänzendem, ordentlich zurückgekämmtem Haar – im Gerichtssaal an fast allen Tagen neben seinen Eltern, nicht weit entfernt von den drei weißen und einem asiatischen Polizisten, die seinen Bruder getötet hatten. Dass es überhaupt einen Prozess gab, war ein Triumph. Die Stadt hatte der Familie und ihren Unterstützern die vollständige Autopsie und die Namen der Polizisten, die Nieto erschossen hatten, vorenthalten. Und es dauerte Monate, bis der Hauptzeuge seine Angst vor der Polizei überwand und sich meldete.

Zwei Farben, zwei Gangs

Nieto starb, weil mehrere weiße Männer ihn als bedrohlichen Eindringling in ein Gebiet betrachteten, in dem er sein ganzes Leben verbracht hat. Sie dachten, er sei vielleicht ein Bandenmitglied, weil er eine rote Jacke trug. Viele Jungs und Männer mit lateinamerikanischen Wurzeln in San Francisco vermeiden es, Rot oder Blau zu tragen, weil sie die Farben zweier Gangs sind. Aber die Farben des Footballteams von San Francisco, der 49ers, sind Rot und Gold. An diesem Abend trug Nieto, der dichte schwarze Augenbrauen und einen kurz geschnittenen Kinnbart hatte, eine neu wirkende 49ers-Jacke, eine schwarze 49ers-Kappe, ein weißes T-Shirt, schwarze Hose und den Taser in einem Halfter am Gürtel unter der Jacke.

Nieto besaß seit 2007 die staatliche Lizenz für Sicherheitspersonal und arbeitete seither in diesem Bereich. Er war noch nie verhaftet worden, hatte keine Vorstrafen – durchaus eine Leistung in einer Gegend, in der junge Latinos festgenommen werden können, nur weil sie irgendwo abhängen. Der junge Mann war Buddhist. Ein US-Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft, der Buddhismus praktiziert: Das ist die Art von Mischung, für die San Francisco früher einmal bekannt war. Als Teenager hatte er fast fünf Jahre als Jugendhelfer im Bernal-Heights-Nachbarschaftszentrum gearbeitet; er war aufgeschlossen und nahm an politischen Kampagnen ebenso wie an Straßenfesten teil.

Nieto machte einen Abschluss an der Fachoberschule, mit dem Schwerpunkt auf Kriminalrecht, wollte als Bewährungshelfer für junge Leute arbeiten. Nicht lange vor seinem Tod hatte er ein Praktikum in der dafür zuständigen Behörde absolviert, erzählt der ehemalige Jugendbewährungshelfer Carlos Gonzales, ein Freund Nietos. Gonzalez sagt, Nieto wusste, wie das Strafrecht in der Stadt funktionierte. Niemand hat bisher ein überzeugendes Motiv dafür vorgetragen, wieso er ein pistolenförmiges Objekt auf Polizisten hätte richten sollen. Er wusste, dass das fatal enden könnte.

Am Abend des 21. März 2014 führte Evan Snow, Mitte dreißig und laut seines Profils beim Job-Netzwerk LinkedIn „User Experience Design Professional“, seinen jungen Sibirischen Husky im Bernal Heights Park spazieren. Snow war rund sechs Monate zuvor in die Gegend gezogen und hat sie mittlerweile für einen Wohnort verlassen, der weiter draußen liegt.

Als Snow dabei war, die Grünanlage zu verlassen, kam Nieto gerade einen der schmalen ausgetretenen Pfade hinauf, die zur Ringstraße des Parks führen, er aß Tortilla Chips. In seiner eidesstattlichen Aussage vor dem Gerichtsprozess erklärte Snow, er wisse, wie Gang-Mitglieder angezogen seien, und habe daher „Nieto in eine Kategorie von Leuten eingeordnet“, mit der er „sich nicht anlegen würde“.

Seine Hündin ordnete Nieto in die Kategorie von Leuten ein, die Essen bei sich haben, und stellte ihm nach. Snow schien nie zu realisieren, dass sein außer Kontrolle geratenes Haustier der Aggressor war: „Luna versuchte, glaube ich, um die Bänke herum oder hinter mich zu kommen. Glücklich lief sie zu Herrn Nieto hin, um einen Tortilla Chip von ihm zu bekommen. Herr Nieto wurde zunehmend – was ist das richtige Wort? – verstörter. Er bewegte sich sehr schnell von links nach rechts, versuchte, seine Tortilla Chips von Luna fernzuhalten. Er rannte hinunter zu den Bänken und sprang darauf. Meine Hündin folgte ihm. Zu diesem Zeitpunkt gab sie Laute von sich, Gebell oder eine Art Heulen.“

Die Hündin hatte Nieto auf der Parkbank in die Enge getrieben, während ihr nachlässiger Besitzer etwa zwölf Meter entfernt war – in seiner Aussage unter Eid waren seine genauen Worte, er sei vom „Hintern einer Joggerin“ abgelenkt worden. „Ich kann mir vorstellen, dass jemand annahm oder annehmen konnte, dass die Hündin zu dem Zeitpunkt aggressiv war“, sagte Snow. Sie kam nicht, als er rief, sondern bellte weiter. Laut Snow schob Nieto daraufhin seine Jacke zurück und zog seinen Taser heraus. Er zeigte kurz damit in Richtung des weit entfernten Hundebesitzers, bevor er sie auf das Tier richtete, das zu seinen Füßen bellte. Die beiden Männer schrien einander an und Snow benutzte offenbar ein rassistisches Schimpfwort; den genauen Wortlaut wollte er aber später nicht wiederholen. Als er den Park verließ, schickte er einem Freund eine SMS. Darin stand laut seiner eigenen Zeugenaussage: „In einem anderen Staat, wie Florida, hätte ich das Recht gehabt, Herrn Nieto an diesem Abend zu erschießen.“ Er bezog sich dabei auf das berühmt-berüchtigte „Stand-your-ground“-Gesetz, das die Verpflichtung aufhebt, sich zurückzuziehen, bevor man zum Zweck der Selbstverteidigung Gewalt anwendet. Snow hoffte offenbar, er hätte das tun können, was George Zimmerman mit Trayvon Martin getan hat: ihn ohne jegliche Konsequenzen zu erschießen.

Kurze Zeit später kam ein Paar an Nieto vorbei. Tim Isgitt, vor kurzem in das Viertel zugezogen, ist Leiter der Kommunikationsabteilung einer von Tech-Milliardären ins Leben gerufenen Non-Profit-Organisation. Er wohnt heute weiter draußen, ebenso wie sein Partner Justin Fritz, der sich selbst als E-Mail-Marketing-Manager bezeichnet und rund ein Jahr in San Francisco gelebt hatte. Auf einem Foto, das einer der beiden in sozialen Medien gepostet hat, sind zwei braunhaarige, adrette weiße Männer zu sehen, die mit ihren Hunden posieren, einem Springer Spaniel und einer alten Bulldogge. Sie führten diese Hunde aus, als sie aus einiger Distanz Nieto sahen.

Fritz bemerkte nichts Ungewöhnliches, aber Isgitt beobachtete, wie Nieto sich „nervös“ bewegte und seine Hand auf den Taser in seinem Halfter legte. Snow war bereits weg, sodass Isgitt nicht wusste, dass Nieto gerade einen Streit und damit einen Grund hatte, aufgeregt zu sein.

„Welche Rasse?“

Vor Gericht sagte Fritz aus, er habe nichts Beunruhigendes an Nieto bemerkt. Er habe die 911 nur gewählt, weil Isgitt ihn dazu drängte. Um 19.11 Uhr begann er mit der Notruf-Mitarbeiterin zu sprechen und berichtete ihr, dass sich im Park ein Mann mit einer schwarzen Handwaffe aufhalte. Welcher Rasse der Mann angehöre, fragte die Mitarbeiterin der Leitstelle. „Schwarz, Hispanic?“ „Hispanic“, antwortete Fritz. Später fragte ihn die Leitstelle, ob der fragliche Mann „etwas Gewalttätiges“ tue. Fritz antwortete, „nur auf und ab laufen, es sieht aus, als äße er vielleicht Tortilla Chips oder Sonnenblumenkerne, aber es wirkt, als hätte er eine Hand an einer Art Pistole“. Alex Nieto hatte noch fünf Minuten zu leben.

San Francisco hat Neuankömmlinge bis vor kurzem stets mit offenen Armen empfangen, es war stets ein Ort gewesen, an dem neue Leute ankamen und sich neu erfanden. Wenn sie nach und nach eintrudeln, integrieren sie sich und tragen zu einer anhaltenden Transformation bei. Wenn sie als Flut kommen, wie während verschiedener Wirtschaftsboom-Zeiten seit dem Goldrausch im 19. Jahrhundert, unter anderem der Dotcom-Welle in den späten 90er Jahren und dem derzeitigen Technologie-Tsunami, spülen sie alles weg, was vorher da war. 2012 hatte sich der Einfall der Tech-Arbeiter von einem steten Strom in eine Flut verwandelt und immer mehr Leute und Einrichtungen – Buchläden, Kirchen, soziale Zentren, Bars, kleine Geschäfte – wurden langsam vertrieben.

San Francisco war früher eine Stadt, in die einige Leute aus Idealismus kamen oder in der sie blieben, um ein Ideal umzusetzen: für soziale Gerechtigkeit zu arbeiten oder Behinderte zu unterrichten, Gedichte zu schreiben oder alternative Medizin zu praktizieren – Teil von etwas Größerem als sie selbst zu sein; Teil von etwas, das kein Unternehmen ist; für mehr zu leben als für Geld. Das wurde immer weniger möglich, als die Miet- und Verkaufspreise für Häuser in die Höhe schossen. Was Alteingesessene zu verlieren fürchteten, schienen viele der Newcomer nicht verstehen zu können. Die Technologie-Kultur schien im Kleinen wie im Großen eine Kultur der Abtrennung und des Rückzugs zu sein. Und sie war sehr weiß, sehr männlich und ziemlich jung. Im Jahr 2014 waren etwa Googles Angestellte im Silicon Valley zu zwei Prozent schwarz, zu drei Prozent Latino und zu 70 Prozent männlich.

Tech-Unternehmen schufen Milliardäre, deren Einfluss die Lokalpolitik verändert hat. Sie trieben eine Politik voran, die der neuen Industrie und ihren Mitarbeitern auf Kosten des Rests der Bevölkerung diente. Nichts von dem Geld, das in der Stadt herumschwappte, sickerte nach unten durch, um das Zentrum für obdachlose Jugendliche zu erhalten, das 2013 geschlossen wurde, oder den landesweit ältesten Buchladen für schwerpunktmäßig schwarze Themen. Er gab 2014 auf. Weder San Franciscos letzte Lesben-Bar, die 2015 kapitulierte, profitierte von dem Geld noch die Afrikanische Orthodoxe Kirche von St. John Coltrane, die vor der Vertreibung aus einem Gebäude steht, in dem sie nach einer früheren Vertreibung während des Booms Ende der 1990er eine Heimat gefunden hatte. Ressentiments kamen auf. Kulturen prallten aneinander.

Um 19.12 Uhr am Abend des 21. März forderte die Mitarbeiterin, mit der Fritz gesprochen hatte, eine Streife an. Leutnant Jason Sawyer und Richard Schiff, ein Berufsanfänger, erst drei Monate im Dienst, antworteten und machten sich auf den Weg nach Bernal Heights. Zuerst versuchten sie mit ihrem Streifenwagen von der Südseite, auf der Alejandros Eltern leben, aus in den Park zu fahren, dann drehten sie um und näherten sich von der Nordseite. Dazu fuhren sie um die Barriere herum, die Fahrzeuge fernhalten soll, und dann die Straße hoch, auf der zu dieser Tageszeit häufig viele Jogger, Spaziergänger und Hunde anzutreffen sind. Sie fuhren schnell, aber ohne Blaulicht oder Sirene; sie waren nicht auf dem Weg zu einem dringlichen Notfall. Laut Gespräch von Fritz und der Notruf-Stelle kam um 19.17 Uhr und acht Sekunden Alejandro Nieto um eine Kurve der Straße den Hügel herunter. Um 19.18 und 8 Sekunden funkte ein anderer Polizist im Park, der aber nicht an dieser Stelle war: „Sehe einen Kerl mit einem roten Hemd, der auf euch zukommt.“ Schiff sagte vor Gericht aus: „Rot konnte darauf hinweisen, dass es etwas mit einer Gang zu tun hatte.“

Schiff sagte, er habe aus einer Entfernung von knapp 30 Metern gerufen: „Zeigen Sie mir Ihre Hände.“ Nieto habe geantwortet: „Nein, zeigen Sie mir Ihre Hände.“ Nieto habe dann seinen Taser gezogen, Kampfhaltung angenommen, die Waffe mit beiden Händen auf die Polizei gerichtet. Die Polizisten behaupten, die Pistole habe ein rotes Licht ausgestrahlt, das sie für das Laservisier einer Handwaffe gehalten und darum um ihr Leben gefürchtet hätten. Um 19.18 Uhr und 43 Sekunden begannen Schiff und Sawyer, Nieto mit 40-Kaliber-Kugeln zu beschießen.

Um 19.18 Uhr und 55 Sekunden schrie Schiff: „Rot“, ein Polizei-Codeword dafür, dass die Munition alle ist. Er hatte den Inhalt eines ganzen Magazins auf Nieto gefeuert. Er lud wieder auf und begann erneut zu schießen. Er feuerte insgesamt 23 Patronen ab. Sawyer schoss ebenfalls drauflos. Er feuerte 20 Geschosse ab. Sie scheinen nicht sehr genau gezielt zu haben, denn Fritz, der inmitten von Eucalyptus-Bäumen unterhalb der Straße Zuflucht gesucht hatte, ist auf der Aufnahme seines 911-Anrufs zu hören, wie er „Hilfe! Hilfe!“ ruft, als von der Polizei abgefeuerte Kugeln „die Bäume über mir trafen“.

Er zielte auf den Kopf

Sawyer sagte: „Sobald ich merkte, dass keine Reaktion kam, keine, nachdem er erschossen war, nahm ich mein Visier hoch und zielte auf den Kopf.“ Nieto wurde etwas oberhalb der Lippe von einer Kugel getroffen, die seinen rechten Oberkiefer und seine Zähne zertrümmerte, eine andere schoss durch beide Knochen seines rechten Unterschenkels. Zwei weitere Polizisten fuhren hinauf zum ersten Streifenwagen. Sie stiegen aus und zogen ihre Waffen. Es gab keine Kommunikation, keine Strategie, den Verdächtigen in Schach zu halten oder ihn lebend zu verhaften, sollte er sich als Bedrohung herausstellen. Keinen Plan, eine möglicherweise gefährliche Situation in einem populären Park zu vermeiden, wo Umstehende getroffen werden könnten.

Noch einige weitere Kugeln trafen Nieto, während er auf dem Boden lag – laut Autopsiebericht mindestens 14. Eine ging in seine linke Schläfe und schlug durch seinen Kopf in seinen Hals ein. Einige trafen ihn in Rücken, Brust und Schultern. Eine traf sein Kreuz und durchtrennte sein Rückenmark. Die Polizisten näherten sich Nieto um 19.19 Uhr und 20 Sekunden, weniger als zwei Minuten, nachdem alles angefangen hatte. Nietos Augen seien offen gewesen, und er habe nach Luft geschnappt und geröchelt. Er habe dann den Taser aus den Händen des Sterbenden getreten, sagte ein Polizist. Ein anderer meinte, er habe ihn mit Handschellen gefesselt, zur Seite gerollt und gesagt: „Er hat noch Puls.“ Als der Rettungswagen eintraf, war Alex Nieto tot.

Bei Nietos Beerdigung am 1. April 2014 war die kleine Kirche in Bernal Heights, in die ihn seine Mutter als Kind mitgenommen hatte, voll. Gekommen waren unter anderem drei Afro-Amerikanerinnen, deren eigene Söhne durch Polizisten getötet wurden und die routinemäßig die Beerdigungen ähnlicher Opfer besuchen. Da war auch Benjamin Bac Sierra, ein früherer Marine, der an San Franciscos Community College Schreiben unterrichtet, ein aufopfernder Freund und Mentor von Alex. Mit anderen führt er ein kleines Bündnis an, das sich „Justice for Alex Nieto“ nennt.

Jener Frühling von Nietos Tod weckte das Gefühl, dass diese Stadt nicht nur vom Konflikt zwischen langjährigen Bewohnern und reichen Neuankömmlingen zerrissen ist, zu denen noch die Vermieter, Makler, Häuserspekulanten und Stadtentwickler gehören, die versuchen Raum für sie zu schaffen, indem sie alle anderen hinaustreiben. Nein, es ist ein Konflikt zwischen zwei verschiedenen Visionen für die Stadt.

Bei der Beerdigung war sehr stark die große Kraft einer echten Gemeinschaft zu spüren: Menschen, die den Ort, an dem sie leben, als ein Gewebe aus Erinnerung, Ritual und Gewohnheit, Zuneigung und Liebe empfinden. Hier hatte der Wert eines Ortes nichts mit Geld oder Besitz zu tun, sondern nur mit Verbundenheit.

Bei dem Gefühl von Gemeinschaft, an dem die Leute festzuhalten versuchten, ging es um die Dinge, die mit Geld nicht zu kaufen sind. Darum, dass ein Zuhause eine ganzen Nachbarschaft und die Nachbarn dort sind. Nicht um Immobilien, die man besitzt oder mietet. Dieser Schatz gehörte im Übrigen nicht nur den Hispanics; auch Bewohner San Franciscos mit weißen, schwarzen, asiatischen und indigenen Wurzeln hatten langfristige Beziehungen zu Menschen, Institutionen, Traditionen und insbesondere zu Orten. „Umwälzen“, disrupt, ist ein Lieblingswort der neuen Tech-Ökonomie geworden, aber Alteingesessene beobachteten, dass Traditionen und Beziehungen umgewälzt wurden. Viele von den Leuten, die zwangsgeräumt oder vertrieben wurden, waren die Leute, die uns alle zusammenhalten: Krankenpfleger, Lehrerinnen, Sozialarbeiter, Schreiner und Mechaniker, Freiwillige und Aktivisten.

Zwei Monate vor der Beerdigung analysierte die Immobilien-Webseite Redfin die Statistiken und folgerte: 83 Prozent des Wohnraums in Kalifornien und 100 Prozent in San Francisco seien nicht mit dem Gehalt eines Lehrers bezahlbar. Was passiert mit einem Ort, wenn die wichtigsten Berufsgruppen es sich nicht leisten können, dort zu leben? Seit Nietos Tod gab es zahlreiche Geschichten von Senioren, die starben, als sie ihre Wohnungen verlassen mussten oder kurz danach. Gentrifizierung kann fatale Folgen haben.

Sie bringt Neuzugezogene in Viertel mit einer nichtweißen Bevölkerung, teils mit schrecklichen Konsequenzen. Eine Lokalzeitung berichtete, dass in Oakland, am Ostufer der Bucht von San Francisco, erst kürzlich zugezogene Weiße manchmal „Menschen mit dunkler Hautfarbe, die spazieren gehen, irgendwo herumstehen oder in der Nachbarschaft wohnen“ als „verdächtige Kriminelle“ einstuften. Einige nutzen die Webseite nextdoor.com, um Kommentare zu posten, die „Schwarze als Verdächtige etikettieren, einfach weil sie die Straße entlanglaufen oder ein Auto fahren“.

Am 1. März 2016, dem Tag, als der Prozess begann, verließen Hunderte von Schülern und Schülerinnen öffentlicher Schulen in San Francisco ihre Klassen, um gegen Nietos Tod zu protestieren. Vor dem Gericht fand eine große Demo statt. Nietos Gesicht auf Postern und Fahnen, T-Shirts und Wandgemälden ist in der Gegend rund um sein ehemaliges Zuhause zu einem gewöhnlichen Anblick geworden. Für manche Leute steht Nieto für die Opfer von Polizeibrutalität. Für eine Hispanic-Community, die sich durch Gentrifizierung gefährdet fühlt, durch eine Vertreibungswelle und Leute, die sie als Bedrohung und Eindringlinge in ihrem eigenen Wohnviertel ansehen. Viele Leute, denen die Nietos am Herzen lagen, kamen jeden Tag zum Prozess.

Der Zeuge bricht zusammen

Gerichtsverhandlungen haben etwas von Theater und diese Verhandlung hatte ihre Dramen. Adante Pointer, ein schwarzer Rechtsanwalt der Kanzlei John Burris in Oakland, die viele Klagen gegen Tötungen durch Polizisten geführt hat, vertrat die Kläger Refugio und Elvira Nieto. Ihr Star-Zeuge, Antonio Theodore, hatte sich erst Monate nach Nietos Tod gemeldet. Theodore ist ein Einwanderer aus Trinidad und wohnt in Bernal Heights. Der elegante Mann mit adretten schulterlangen Dreadlocks, der im Anzug vor Gericht erschien, sagte aus, er habe auf einem Weg oberhalb der Straße einen Hund spazieren geführt, und genau gesehen, wie sich alles abgespielt hat. Nieto habe die Hände in seinen Taschen gehabt. Er habe seinen Taser nicht auf die Polizisten gerichtet, kein rotes Licht sei zu sehen gewesen; die Polizisten hätten nur „Stop“ gerufen und das Feuer eröffnet.

Als Pointer ihn fragte, warum er sich nicht früher als Zeuge gemeldet hatte, sagte der Zeuge: „Überlegen Sie mal: Es kam mir schwierig vor, einem Polizisten zu sagen, dass ich gesehen habe, wie seine Kollegen jemanden erschossen haben. Ich hatte kein Vertrauen in die Polizei.“ Theodore machte bei der Befragung eine überzeugende Aussage. Doch am nächsten Morgen, als die Anwältin der Stadt, eine beeindruckende weiße Frau, die Feindseligkeit ausstrahlte, ihn befragte, fiel er in sich zusammen. Er widersprach seinen früheren Aussagen dazu, wo er gewesen war und wo geschossen worden war. Dann erklärte er, dass er Alkoholiker sei und Gedächtnisprobleme habe. Es wirkte, als wolle er sich in Sicherheit bringen, indem er sich selbst als nutzlos darstellte. Pointer befragte ihn wieder und er antwortete: „Ich möchte hier gerade nicht sein. Ich fühle mich bedroht.“

Einstimmiges Urteil

Die Details dessen, was geschehen ist, wurden heiß und häufig widersprüchlich debattiert, insbesondere im Hinblick auf den Taser. Nach Aussagen der Polizisten warNieto eine Art übermenschlicher oder unmenschlicher Gegner, der Widerstand leistete, selbst nachdem sie wieder und wieder gefeuert hatten, sich dann auf den Boden fallen ließ, um aus einer „taktischen Scharfschützenhaltung“ heraus den Taser mit rotem Laser weiter auf sie gerichtet zu halten. Die Anwälte der Stadt beriefen einen Taser-Experten, dessen Aussage ihre Position zu stärken schien, aber als Pointer ihn aufforderte, sich die Fotos der Szene des Verbrechens anzusehen, urteilte er, der Taser sei ausgeschaltet gewesen. Eine solche Pistole sei auch nicht leicht oder zufällig an- oder auszuschalten. Das Licht leuchtet nur, wenn der Taser an ist. Laut dem Polizisten, der den Taser aus Nietos Händen trat, leuchtete kein rotes Licht.

Es war ein Zivilprozess. Dadurch basierte die Entscheidung nicht auf dem Prinzip „Über begründeten Zweifel erhaben“, sondern nur auf „Abwägung der Beweislage“. Gefängnis hatte keiner zu befürchten, im Fall eines entsprechenden Urteils aber hätten die Nietos mit hohem Schadenersatz rechnen, die Karrieren der Beamten Schaden nehmen können. Am Donnerstag, dem 10. März, nach einem Nachmittag und einem Vormittag mit Beratungen, entschieden die Geschworenen – fünf Weiße, eine asiatische Frau und zwei asiatische Männer – in jeder Hinsicht einstimmig zugunsten der Polizei.

San Francisco ist ein grausamer Ort geworden und ein gespaltener. Einen Monat vor dem Gerichtsprozess entschied Bürgermeister Ed Lee, für den Super Bowl, das Finale im US-Profi-Football, die Straßen der Stadt von Obdachlosen zu säubern, obwohl das Spiel über 60 Kilometer entfernt im Silicon Valley ausgetragen wurde. Online-Schimpftiraden über die Obdachlosen in der Stadt sind symptomatisch für das Aufeinanderprallen der Kulturen geworden. Mitte Februar veröffentlichte Justin Keller, Gründer eines nicht sehr erfolgreichen Start-ups, einen offenen Brief an den Bürgermeister, dessen Ton typisch ist: „Ich weiß, dass die Leute wegen der Gentrifizierung in der Stadt frustriert sind. Aber die Realität ist, dass wir in einer freien Marktwirtschaft leben. Die wohlhabenden, arbeitenden Menschen haben sich ihr Recht, in der Innenstadt zu leben, verdient. Sie sind losgezogen, haben eine Ausbildung gemacht, hart gearbeitet und es verdient. Ich sollte mir keine Sorgen darüber machen müssen, dass ich angepöbelt oder um Geld angehauen werde. Ich sollte nicht gezwungen sein, jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit und auf dem Weg zurück die missliche Lage, den Kampf und die Verzweiflung obdachloser Menschen zu sehen.“

Wie bei Evan Snow, der Nieto nach ihrem Zusammenstoß gerne abgeknallt hätte, ging Kellers Wunsch gewissermaßen in Erfüllung. Nachdem sie von anderswo vertrieben worden waren, bauten hunderte Obdachlose unter einer Autobahnbrücke nahe Bernal Height ihre Zelte auf. Die Gegend ist ein düsteres Industriegebiet mit wenigen Wohnhäusern. Der Bürgermeister ließ auch diesen Zufluchtsort für die regenreiche Zeit zerstören: Stadtarbeiter warfen die Zelte und Habseligkeiten in Mülllaster und jagten die erneut Besitzlosen weiter. Eine dieser Räumungen fand bei Morgengrauen statt, an ebendem Tag, an dem der Nieto-Prozess begann.

Rebecca Solnit ist Autorin und schreibt unter anderem für den Guardian und das Harper‘s Magazine. Sie lebt in San Francisco

Übersetzung: Carola Torti

06:00 10.08.2016
Geschrieben von

Rebecca Solnit | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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