Gott hat uns den Rock'n'Roll gegeben

Großbritannien Die Zeitschrift "Metal Hammer" will erreichen, dass bei der nächsten britischen Volkszählung 2011 Heavy Metal als Religionszugehörigkeit angegeben werden kann

„Metal is our religion“, verkündeten die mit Lendentüchern beschürzten Muskelpakete von Manowar 1987 in ihrem Song "Holy War", den sie wahrscheinlich aufnahmen, als sie sich beim Einölen ihrer Bauchmuskeln gerade mal eine Pause gönnten. Lange ist niemand auf die Idee gekommen, dieses Bekenntnis wörtlich zu nehmen. Vor kurzem hat nun aber die Zeitschrift Metal Hammer eine Kampagne gestartet – na ja, zumindest hat sie eine Pressemitteilung herausgegeben –, die erreichen soll, dass bei der für 2011 geplanten Volkszählung Heavy Metal als Religionszugehörigkeit angegeben werden kann. „Warum zum Teufel sollte uns nicht gelingen, was die Jedi-Ritter geschafft haben?“, sagte Metal Hammer-Herausgeber Alexander Milas. „Die Macht ist mit uns.“ Unterstützt wird die Kampagne von Biff Byford, dem ungeschlachten Frontmann der britischen Hardrock-Veteranen Saxon.

Die Idee scheint nicht schlecht. Da Metal schon immer mit der religiösen Ikonographie geflirtet hat, müßte die Transformation von der Musikrichtung hin zur staatlich anerkannten Religion eigentlich recht reibungslos verlaufen: Die Gemeinde sänge Kiss’ "God Gave Rock and Roll to You", die Band Holy Church könnte in einer richtigen Kirche aufspielen und Rob Halford von Judas Priest könnte zum echten Priester geweiht werden. (Cradle of Filfth müssten allerdings möglicherweise etwas wegen ihrer „Jesus-Is-A-Cunt“-T-Shirts unternehmen.)

Leider wird daraus nie etwas werden. Ich habe beim Fach-Magazin Kerrang! gearbeitet und weiß, wie Metaller ticken. Jeder Versuch eines Zusammenschlusses würde eher früher als später zu kleinlichen Grabenkämpfen führen. Schnell würden sich die Grindcore-Fans gegen die Sludge-Metaller zusammenrotten, die Stoner-Fans würden alle anderen als „Weicheier“ beschimpfen und der durchschnittliche Death-Metal-Fan würde sich überhaupt nicht einbringen, sondern nur in der Gegend herumstehen und behaupten, er heiße Horgoth und stamme aus dem eisigen Norden (Trondheim), obwohl er in Wahrheit Barry heißt und aus dem eisigen Nordosten (South Shields) stammt.

Ich kann mir tatsächlich viele andere Musikrichtungen denken, die weit besser dafür geeignet wären, in den Rang einer Religion erhoben zu werden. Diese hier zum Beispiel:

Trance
Mit der Angewohnheit, die Arme in die Luft zu strecken, einen entrückten Gesichtsausdruck anzunehmen und gelegentlich in unverständliches Gebrabbel zu verfallen, bevor sie ohnmächtig werden, gleichen Trance-Fans durchaus den Anhängern der Pfingstbewegung. Außerdem stünde mit Faithless’ "God Is a DJ" bereits eine hervorragende, wenn zugegebenermaßen auch sehr schmalzige Hymne zur Verfügung.

Shoegaze
Als sie die Rückseiten von Galaxie-500-Singles als „schillernde Bauweke von ekstatischer Pracht“ beschrieben, haben die Musikkritiker Shoegaze schon in den Achtzigern wie eine Religion behandelt. Nun könnten jene Soundkathedralen als echte Kathedralen eine neue Verwendung finden.

Emo
Mit ihrer Opfererfahrung und dem Hang, ihre Wunden zur Schau zu stellen, sind Emo-Fans für die Rolle der religiösen Märtyrer geradezu prädestiniert. Langfristig könnte sich allerdings ein Rekrutierungsproblem einstellen, da die Gemeindemitglieder nach Verlust ihrer Jungfräulichkeit vom Glauben abzufallen pflegen.

Prog
Mit seinen geheimnisvollen Ritualen (Schlagzeug-Soli) und bizarren Schöpfungsmythen (wurde „The Dark Side of the Moon“ tatsächlich so geschrieben, dass man den Film Der Zauberer von Oz komplett damit unterlegen kann? Wohl eher nicht) hat Prog-Rock viel mit dem Christentum gemeinsam, nicht zuletzt die Vorliebe für alte weiße Männer mit Bärten.

Krautrock
Stark auf Wiederholung basierende, dröhnende Hymnen, die nirgends hinführen, eine zwanghafte Vereherung fremdklingender Namen aus einer anderen Zeit, absolute Humorlosigkeit – das dürfte jedem vertraut sein, der als Kind in die Sonntagschule gehen musste.


Übersetzung: Holger Hutt

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04:55 29.01.2010
Geschrieben von

Luke Lewis, The Guardian | The Guardian

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The Guardian

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