Unter der Gürtellinie

Soziale Medien Laut den Richtlinien erlaubt Facebook keine Hassbotschaften. Warum tauchen dann immer wieder Bilder auf, die Vergewaltigung oder häusliche Gewalt verherrlichen?
Unter der Gürtellinie
Foto: Joel Saget/ AFP/ Getty Images

Hat Facebook ein Problem mit Frauen? Die Frage kursiert seit Eve Ensler und das Ms Magazine im vorletzten Jahr darauf aufmerksam gemacht haben, dass bei dem sozialen Netzwerk frauenfeindliche Bilder nicht entfernt wurden, die Vergewaltigung und häusliche Gewalt zu verherrlichen schienen.

Gerade kam das Thema wieder auf. User äußerten sich bei Twitter empört darüber, dass Facebook sich geweigert hatte, Bilder zu löschen, die einen Witz aus einer Vergewaltigung machten. Insbesondere zwei Abbildungen machten die Runde. Auf einer war eine Frau zu sehen, die gefesselt und geknebelt auf einem Sofa lag. Darunter stand: „Keine Vergewaltigung. Wenn sie es wirklich nicht gewollt hätte, hätte sie etwas gesagt.“ Auf der zweiten war ein Kondom zu sehen, das mit der Unterschrift „Plan A“ versehen war. Außerdem eine Pille danach, unter der „Plan B“ stand und schließlich Plan C: Ein Mann, der eine Frau mit blutigem Gesicht eine Treppe herunter schubst.

In den Standards der Facebook-Gemeinschaft heißt es: „Facebook erlaubt keine Hassbotschaften, unterscheidet allerdings zwischen ernsthaften und humorvollen Botschaften.“ Unklar bleibt – trotz einiger aufsehenerregender Kampagnen und einer Change.org-Petition, die über 200.000 Unterschriften erhielt – wie diese Unterscheidung getroffen wird. In den letzten Jahren haben etwa Frauen geklagt, Facebook hätte sie gesperrt oder ihre Seiten entfernt, weil sie Fotos von Törtchen gepostet hätten, deren Glasur an Schamlippen erinnerte. Auch Fotos von stillenden Müttern oder von Frauen, die eine Mastektomie hinter sich hatten, hatten zu Sperrungen geführt.

Aus den Wunden fließt Blut

Hingegen blieben kürzlich Bilder auf der Seite, die sich über die Vergewaltigung eines Kindes mit Behinderung oder Geschlechtsverkehr mit einem minderjährigen Mädchen lustig machten. Außerdem macht ein drastischer „Scherz“ über häusliche Gewalt nach dem anderen die Runde. Die entsprechenden Bilder zeigen Frauen, die geschlagen wurden, mit Blut überströmt sind, Frauen mit blauen Augen. Es gibt zahllose Gruppen mit Namen wie „Kurz gesagt, Schlampen gehört die Kehle aufgeschlitzt“ oder „Nein, wenn sie tot sind ist es keine 'Vergewaltigung' und wenn sie leben, ist es Überraschungssex.“ Eines der schlimmsten Bilder, auf die ich bei einer kurzen Suche stieß, zeigt den Körper einer Frau, in den die Worte „Daddy hat mich gef***t und ich fand es toll“ eingeritzt wurden. Aus den Wunden fließt Blut.

Bei Facebook beteuert man: „Bei Facebook gibt es keinen Platz für Hassrede oder bedrohliche oder zu Gewalt anstiftende Inhalte.“

Jules Hillier von der britischen Organisation Brook, die Jugendliche über Sexualgesundheit aufklärt, sagt: „Soziale Medien können toll sein und jungen Männern und Frauen Raum für Debatten und Diskussionen bieten. Organisationen wie der unsrigen können sie Wege bieten, zu informieren und zu beraten. Dennoch sind sie ein zweischneidiges Schwert. Ich wünschte bloß, Fakten und Beistand würden sich ebenso schnell verbreiten, wie Mythen, Fehlinformationen, Schikane und Missbrauch – denn auch diese Dinge machen soziale Medien möglich.“

Als jemand von Facebook mich anrief, nachdem ich das Unternehmen um eine Stellungnahme zu den zwei auf Twitter kursierenden Bilder gebeten hatte, war die Seite, von der diese stammten, bereits komplett entfernt worden. Allerdings habe man, so mein Gesprächspartner, diese Maßnahme nicht ergriffen, weil die Bilder einen Regelverstoß darstellten, sondern weil der Administrator der Seite nicht öffentlich sein Profil damit verbunden hatte. In den Facebook-Communityregeln lässt sich allerdings kein Hinweis darauf finden, dass dies verlangt wird. Mal davon abgesehen, dass es die Veröffentlichung solchen Materials auch kaum eindämmen dürfte.

Törtchenbilder werden händisch gesperrt

Auf die Frage, ob die Törtchenbilder versehentlich von einem automatischen Bilderkennungsprogramm gelöscht worden sein könnten, lautete die Antwort, dies sei höchst unwahrscheinlich. Ein Mensch hat also entschieden, das Bild zu sperren. Genauso ist es eine menschliche Entscheidung, auf Seiten wie „Teenager LUDER Bilder“ die Veröffentlichung von Fotos zu gestatten, auf denen sehr jung aussehenden Mädchen zu sehen sind, ohne, dass erkenntlich wäre, dass diese der Verwendung ihrer Bilder zugestimmt haben.

„Wir nehmen Berichte über fragwürdige und anstößige Inhalte sehr ernst“, sagt der Facebook-Sprecher weiter. „Wir wollen allerdings auch, dass es bei Facebook möglich ist, mit Respekt für die Rechte und den Glauben anderer offen zu diskutieren und seine Ansichten zu formulieren. Gruppen oder Seiten, die eine Meinung zu einem Staat, einer Institution oder einem Glauben zum Ausdruck bringen, verstoßen nicht an sich gegen unsere Regeln – selbst wenn einige diese Meinungen anstößig oder abscheulich finden.“

Oft wird das Argument vorgebracht, solche Seiten seien „harmlos“. Leute, denen sie nicht gefielen, sollten sie sich einfach nicht angucken, heißt es. Dabei kann es jedem passieren, dass solche Bilder ohne Vorwarnung in der eigenen Timeline auftauchen, wenn ein Freund oder eine Freundin sie „liked“. Jedes Einzelne dieser Bilder trägt zur Normalisierung geschlechtsspezifischer Gewalt bei und vermittelt Tätern wie Opfern die Botschaft, dass diese in unserer Kultur nicht ernst genommen wird.

Es geht nicht um Zensur

Die feministische Autorin und Aktivistin Soraya Chemaly sagt: "Letztlich geht es nicht um Zensur, sondern darum, zu bestimmen, was akzeptabel ist. Facebook sieht in Darstellungen einiger Formen von Gewalt – nämlich Gewalt gegen Frauen – eindeutig einen qualitativen Unterscheid zu anderen.“

Der Facebook-Sprecher sagte: „ Es ist nicht die Aufgabe von Facebook zu bestimmen, was akzeptabel ist. Wir arbeiten hart daran, unsere User vor direktem Schaden zu bewahren. Letztlich ist Zensur aber keine Lösung für schlechtes Online-Verhalten oder anstößig Ansichten. Wir bekämpfen Vorurteile mit der Freiheit ernsthafte Themen zu diskutieren.“

Für alle diejenigen, die meinen, es bestehe kein Zusammenhang zwischen der Behandlung und Wahrnehmung von Frauen in der realen Welt und den kulturellen Normen, die über das soziale Netzwerk mit den weltweit meisten Nutzern verbreitet werden, hier eine Auswahl von Kommentaren. Einige stammen von jenen „harmlosen“ Facebook-Seiten. Einige galten echten Frauen im realen Leben, die sie dann auf der Internetseite des Projekts Everyday Sexism gepostet haben. Einige wurden an mich als die Frau gerichtet, die es wagt, im Internet über Frauen zu schreiben:

„Du kannst entscheiden, ob du Sex haben willst. Ich kann entscheiden, ob ich dich vergewaltigen will.“

„Wenn du nicht aufhörst, mir Ärger zu machen, bezahle ich meine Freude, damit sie dich vergewaltigen.“

„Ruf doch die Polizei – die können auch nicht rückgängig machen, dass du vergewaltigt wurdest.“

„Der einzige Grund, aus dem du auf diesem Planeten bist, ist, damit wir dich ficken können. Bitte stirb.“

Erkennen Sie den Unterschied?

Laura Bates ist die Gründerin des Projekts Everyday Sexism

10:32 20.02.2013
Geschrieben von

Laura Bates | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian
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The Guardian

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