Digitaler Sexismus

Schattenseiten Stalking in sozialen Netzwerken, Belästigung per SMS oder die Veröffentlichung privater Fotos – mit der Technik verändern sich die Ausdrucksformen der Gewalt gegen Frauen
Online können sich Frauen gegen Belästigung und Demütigung nur schwer wehren
Online können sich Frauen gegen Belästigung und Demütigung nur schwer wehren

Illustration: narghee-la

Die versuchte Vergewaltigung im neusten Lara Croft-Spiel und Berichte, Pädophile machten sich die Social-Gaming-Seite Habbo Hotel zu Nutze, haben zu einem Wiederaufflammen der Debatte um Technik, neue Medien und Gewalt gegen Frauen geführt. Neu ist sie derweil keineswegs.

Vor einigen Jahren kam eine Version von Grand Theft Auto heraus, bei der die Spieler durch „Transaktionen“ mit Prostituierten, ihre Gesundheit wieder herstellen und ihr Geld verlieren konnten. Außerdem konnte man die Frauen überfahren oder erschießen. Als das Spiel auf den Markt kam, regte sich ebenfalls öffentliches Empörung, Boykott- und Verbotsforderungen wurden laut.

Jedes Mal, wenn neue Spiele oder Technologien vorgestellt werden, die Gewalt gegen Mädchen und Frauen ermöglichen, billigen oder gutheißen, tauchen die gleichen Fragen auf, um dann auch stets wieder zu verschwinden: Welchen Einfluss haben diese Spiele auf die Nutzer, welche Gefährdung stellen sie für Kinder und die Gesamtgesellschaft dar und welche Bestimmungen sollten erlassen oder auch nicht erlassen werden, um die potentiellen Schäden so gering wie möglich zu halten?

Sexuell explizite Videos

Über die Jahre wurde immer wieder versucht, einzelne Spiele zu regulieren, zu verhindern oder zu verteidigen, ohne dabei den weiter gefassten Kontext zu berücksichtigen. Hier einige Beispiele, die sich in den letzten 12 Monaten in Großbritannien ereigneten: Über Twitter wurde der Name eines Vergewaltigungsopfers verbreitet, obwohl es ein Gesetz gibt, das Vergewaltigungsopfern Anonymität gewährt.

Ein Mann wurde verurteilt, weil er seine Freundin online anonym belästigt hatte, indem er unzweideutige Fotos von ihr ins Netz stellte. Eine bei Facebook eingeführte Ortungs-App ermöglichte es den Anwendern, jederzeit herauszufinden, wo sich ihre PartnerInnen gerade aufhielten.

Weiterhin wurden mehrere Männer vor Gericht der sexuellen Ausbeutung für schuldig befunden, die jungen Frauen Mobiltelefone geschenkt hatten, über die sie diese ausfindig machen konnten und die Nummern dann an andere Männer weitergaben. Immer wieder werden sexuell explizite Videos von Frauen ins Internet gestellt, die dazu nie ihr Einverständnis gegeben haben.

Ob es nun um Stalken in sozialen Netzwerken, Belästigung über Textnachrichten oder die Demütigung durch die Veröffentlichung von Videos geht – mit der Technologie verändern sich auch die Ausdrucksformen der Gewalt gegen Frauen. Darüber hinaus ermöglicht die Technik Leuten, die Gewalt gegen Frauen gut finden oder ausüben, zueinander zu finden, sich auszutauschen und nicht selten auch Journalisten und Journalistinnen, die sich gegen dagegen aussprechen, durch Trollen zu belästigen oder zu drohen.

Bei der Geschwindigkeit, mit der sich diese Veränderungen vollziehen, ist es kaum verwunderlich, dass Eltern und diejenigen, die beruflich versuchen, Frauen gegen Gewalt und Missbrauch durch Partner, Familie, Bekannte oder Unbekannte zu schützen, in ihrem Kampf immer hinterher hängen. Tatsächlich gibt es darauf, wie die Technik Gewalt gegen Frauen ermöglicht und befördert, keine schnellen Antworten.

Schneller reagieren

Immerhin leistet die moderne Technik auch einen Beitrag zum Schutz von Frauen, indem sie etwa eine Fülle von Informationen über Initiativen und Organisationen bietet, die Aufklärung, Schutz und Rat für Betroffene bieten.

Von Mobiltelefonen bis hin zu sozialen Netzwerken ist die Technik im Guten wie im Schlechten Teil unseres Lebens geworden und es sieht nicht danach aus, als ob sie wieder an Bedeutung verlieren würde. Sexistische Gewalt findet heute immer wieder neue Ausdrucksformen, was eine junge Frau, deren Freund ihr bei Facebook nachstellte, fragen ließ: „Er muss gar nicht in meiner Nähe sein, mich anschreien oder mit wehtun, wie kann ich ihm da entkommen?“

Ohne Zweifel ist das öffentliche und professionelle Bewusstsein für die Risiken, denen Frauen und Mädchen durch die Technik ausgesetzt sind, in den vergangenen Jahren gewachsen. Wir müssen aber ebenso schnell auf Missbrauch reagieren können, wir er sich ereignet. Soweit sind wir noch nicht.

Übersetzung: Zilla Hofman

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Geschrieben von

Carlene Firmin | The Guardian

Der Freitag ist Syndication-Partner der britischen Tageszeitung The Guardian

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