Herold einer verlorenen Zeit

Václav Havel Das Leben des ehemaligen Präsidenten erinnert an eine Zeit, in der Europa für etwas Erhabenes wie Befreiendes stand und auf Sympathie bei vielen seiner Bewohner stieß

Wir leben in einer Zeit, in der ein zunehmend in sich gekehrtes und ängstliches Europa zum Synonym des Scheiterns geworden ist, in der man Politikern mit Verachtung und Verbitterung begegnet. Europäische Politik wird nur allzu oft als korrupt, feige und irrelevant betrachtet. Václav Havels Persönlichkeit und berufliche Laufbahn waren hingegen die Antithese zu all diesen düsteren Vorurteilen.

Im Zenit seiner Karriere war dieser Präsident Tschechiens eine authentische nationale Führungsfigur mit einer lebendigen europäischen Vision – ein Politiker, dessen Geist und Vorstellungskraft nicht nur die Kunst des Möglichen, sondern auch die des Unmöglichen umfasste. Und er war eine zivile Führungsfigur, deren Sinn für das Entscheidende über das rein Materielle hinausging und die Sphären der Phantasie und des Intellektuellen mit umfasste. In einer Zeit, in der von der EU wegen der Euro-Krise oft nur noch verächtlich die Rede ist, erinnert Havel an eine noch gar nicht so lange zurückliegende Zeit, in der Europa für etwas Erhabenes und Befreiendes stand – ein Eindruck, das von all seinen Bewohnern geteilt wurde.

Der zum Präsidenten avancierte Theaterautor kam mit der damaligen Tschechoslowakei aus einem Teil Europas, der im 19. und 20. Jahrhundert für die kulturelle, politische und ökonomische Entwicklung des Kontinents von entscheidender Bedeutung gewesen ist, in dem aber – mit Havels Worten – nach dem Zweiten Weltkrieg die Zeit stehen blieb. Ost- und Westeuropa drifteten auseinander. Kaum jemand hat mehr dafür getan, diesn Kontinent wieder zu vereinen als Havel – erst als Dissident, dann als Präsident. Auch wenn seine Bemühungen nur teilweise von Erfolg gekrönt waren, ist es in erster Linie ihm zu verdanken, dass sich die Transformation vom Sozialismus zum Kapitalismus in der gesamten Tschechoslowakei friedlich vollziehen konnte und sich die EU für die osteuropäischen Länder öffnete.

Gemeinsames Schicksal

Havel hatte die Niederschlagung der Aufstände 1956 in Ungarn und 19968 in der Tschechoslowakei miterlebt. Für seine Generation war der Kommunismus zu einem Alptraum geworden. Sein Dissens mit den Verhältnissen nach 1968 erschien lange völlig aussichtslos und gefährlich. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR wurde die moralische Autorität, die er besaß zu einem Schlüssel für eine bessere Zukunft. Als einziger Liberale unter den vier emblematischen Figuren dieser Zeit – neben ihm Gorbatschow, Johannes Paul II. und Lech Walesa – war es ihm möglich, sowohl für seine eigenen Leute zu sprechen, als auch auf der linken wie auf der Rechten zuhause zu sein. Er besaß das Vermögen, im Ausland für Unterstützung zu werben.

Aber auch er konnte den Kräften von Konsumismus und Nationalismus irgendwann nicht mehr standhalten und verlor an Popularität. Angesichts der Trauer über seinen viel zu frühen Tod könnte der Eindruck entstehen, Havel habe einer längst verlorenen Zeit angehört, deren Widerstand gegen den Totalitarismus und deren zivilgesellschaftliches Engagement in der Phase des Übergangs der tschechischen und europäischen Erfahrung heute nichts mehr zu bieten habe. Dabei ist nichts weiter von der Wahrheit entfernt als dieser Eindruck. Alle Europäer sind Bürger relativ kleiner Nationalstaaten, die angesichts der Verschiebung von politischer und ökonomischer Macht von Europa und Nordamerika nach Asien ein gemeinsames Schicksal teilen. Sie alle müssen ihre Nationalismen mit dem Druck in Einklang bringen, den die Globalisierung auf sie ausübt, ohne in nationalistische Rivalitäten zu verfallen. Und alle müssen bereit sein, für das Neue und Schwierige die Moral und die Weisheit nicht über Bord zu werfen. In diesem Sinne gehört Václav Havels Europa nicht der Vergangenheit an, sondern der Zukunft.

Übersetzung: Holger Hutt

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17:50 19.12.2011
Geschrieben von

Editorial | The Guardian

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