„Ich habe mich früh gegen die Jungs gestellt“

Porträt Ilhan Omar kennt den Krieg aus eigener Erfahrung und wuchs in einem Flüchtlingslager auf. Angst hat sie vor niemandem
„Ich habe mich früh gegen die Jungs gestellt“
Ilhan Omar kam als erste Muslima in den Kongress und ist Trumps liebste Zielscheibe. Sie wünscht sich Bernie Sanders als Kandidaten, eckt aber auch bei Linken an

Foto: Erik Tannar/Contour/Getty Images

Longworth House steht südlich vom Kapitol in Washington, es ist eins der drei Bürohäuser für die Mitglieder des Repräsentantenhauses, ein riesiges neoklassisches Gebäude, die Anonymität der Gänge wird nur durch amerikanische Flaggen und identische Messingplaketten unterbrochen, auf denen steht, wer hinter welcher Tür sitzt. Um die Ecke taucht plötzlich eine bunte Schmetterlingswolke auf, die sich bei näherem Hinsehen als Sammlung Hunderter viereckiger und herzförmiger Post-it-Notizen entpuppt. „Danke, dass du so stark bist“ steht auf einem. „Du bist das Beste, was Amerika sein kann“ auf einem anderen. Ein mit Smiley-Gesicht verschönertes Herz verkündet: „Du bist zu Hause.“ Dahinter, auf einer fast verdeckten Messingtafel: „Abgeordnete Ilhan Omar, Minnesota“.

Selbst für Washingtoner Standards ist die Atmosphäre an diesem Nachmittag geladen. Am Tag vor unserem Treffen wurden die Anklagepunkte im Impeachment-Verfahren gegen Präsident Donald Trump (das, wie zu erwarten war, letztendlich scheiterte) vor den Senat gebracht. Unterdessen waren die beiden führenden Kandidaten der Linken im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur für die Demokraten, Elizabeth Warren und Bernie Sanders, öffentlich heftig aneinandergeraten.

Wenn man die Abgeordnete Omar trifft, die Sanders unterstützt, spürt man nichts von all dem Lärm. Sie wirkt unerwartet ruhig. Sie sitzt in ihrem Büro, winzig wie ein Vogel, über eine Tasse mit Suppe gebeugt, sie lächelt. „Vieles in meiner Geschichte fühlt sich manchmal absurd an“, erklärt sie und tupft sich den Mund mit einer Serviette ab. „Vielleicht gucke ich daher so gern Filme, die übertrieben sind. Meine Situation ist bizarrer als House of Cards, aber auch ein Beispiel dafür, dass Erzählungen nebeneinander existieren können.“ Ihre Ruhe – Minuten können vergehen, bevor sie eine Frage beantwortet – ist überraschend.

Seit sie in den Kongress gewählt wurde, war sie Kontroversen ausgesetzt. Sie war nicht nur die erste Abgeordnete, die im Unterhaus einen Hijab trug, sondern auch die erste eingebürgerte Afrikanerin und eine der beiden ersten muslimischen Frauen, die im US-Parlament saßen. Sie gehört zum sogenannten „Squad“, einer Gruppe von vier Frauen, die 2018 in den Kongress gewählt wurden (siehe Kasten).

Sie stehen für progressive Ideale wie den Green New Deal, unterstützen Medicare for All, die Einführung einer durch Steuern finanzierten Gesundheitsversorgung für alle. Dem linken Flügel ihrer Partei angehörend, zieht Omar die Wut der eigenen Seite sowie der Rechten auf sich – vor allem, wenn es um Israel geht.

Im vergangenen Februar wurde Omar, die die BDS-Bewegung unterstützt, die Boykott, Desinvestitionen und Sanktionen gegen die israelische Siedlungspolitik als politisches Mittel gewählt hat, vorgeworfen, sie habe sich antisemitischer Bilder bedient. Omar entschuldigte sich bei den Demokraten, dankte jüdischen Kollegen dafür, sie „aufgeklärt“ zu haben. Die schärfsten Angriffe kamen aber von Republikanern.

Im vergangenen Jahr veröffentlichte der Wahlkampf-Twitter-Account von Danielle Stella, einer Republikanerin, die ihr in Minnesota den Sitz streitig machen will, zwei Nachrichten, in denen dazu aufgerufen wurde, Omar wegen Hochverrats vor Gericht zu stellen. Sie habe geheime Informationen weitergegeben, die im Iran gelandet seien, dafür müsse sie hängen.

In den sozialen Medien lassen die Attacken auf sie nicht nach. Als ich Omar – mit riesigen gelben Ohrringen – in der Late Show im Fernsehen sah, war ich beeindruckt von ihrem Charisma. Sie wählte ihre Worte politisch versiert und vorsichtig, trotzdem hat sie einen umgehauen. Im persönlichen Umgang merkt man schnell: Es ist ihre Furchtlosigkeit.

Wie fühlt es sich für sie an, in sozialen Medien ein solcher Blitzableiter zu sein? Als Trump im vergangenen Sommer twitterte, alle Frauen des „Squad“ sollten „dahin zurückgehen, woher sie gekommen sind“, erlebte sie einen alarmierenden Anstieg der Online-Attacken; es komme weiter „enorm viel“ Hasspost. Aber sie fühle sich dadurch nicht verletzlich. Sie sei nur besorgt, „wie das auf all die wirkt, die eine ähnliche Identität haben wie ich“.

Ende Januar startete Omar die Kampagne für ihre Wiederwahl mit dem Slogan: „Schickt sie zurück in den Kongress!“, mit dem sie Trumps Tweets auf die Schippe nimmt. Wo kommt es her, dieses Unbeugsame? „Schon als ich sehr klein war, vermittelte man mir das Gefühl, dass ich mein Schicksal in der Hand habe“, erzählt sie. „Ich war winzig, aber ich habe mich immer geweigert, das zuzugeben. Ich glaubte, ich sei irgendwie größer und weniger unsichtbar. Einmal vor der Schule rief uns der Vater meines Vaters in sein Zimmer und sagte, wir seien Arawelos. Wissen Sie, wer sie war? Sie war eine mythische Königin: klein von Statur, aber mächtig in ihrer Art, zu regieren. Es gibt ein Grab im heutigen Somaliland: Die Frauen werfen Blumen drauf und die Männer Steine.“ Sie lacht.

Sie muss hängen!

Als Omar zwei war, starb ihre Mutter. Sie wurde von ihrem Vater und Großvater erzogen, beide hatten progressive Ideen für die Erziehung von Mädchen. Ihr Opa wollte ihre innere Entschlossenheit fördern, der Ungleichheit entgegenzutreten. „Dass ich mich wirklich niemals minderwertig fühle oder Angst vor einer Situation habe, hat die Leute schon immer verwundert“, sagt sie. „Ich habe mich gegen Jungs gestellt, die Leute schikaniert haben, nicht einmal mich selbst, sondern andere Kinder. Sie lachten und sagten: ‚Wer glaubst du, dass du bist? Nach der Stunde kriegst du Prügel.‘ Und ich ging tatsächlich hin und stellte mich dem Kampf. Die Psychologie meines Großvaters hat Früchte getragen.“

Omar wurde als jüngstes von sieben Kindern in Somalias Hauptstadt Mogadischu geboren. Krieg ist für sie kein abstraktes Konzept. Nach der gezielten Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani im Januar sagte sie öffentlich, die Eskalation der Spannungen zwischen den USA und dem Iran habe ihr posttraumatisches Stresssyndrom ausgelöst – ein Kommentar, den ein Republikaner als „beleidigend für die Veteranen unserer Nation“ verurteilte. Sie nimmt ihre Aussage nicht zurück.

„Ich weiß, wie schnell eine Gesellschaft verfallen kann“, erklärt sie leise. „Andere Kongressmitglieder, die als Kinder vor Konflikten geflohen sind, wissen, wie das ist, unter einem repressiven Regime zu leben. Aber ich bin die einzige Abgeordnete, die einen Krieg miterlebt hat und sich an die Zerstörung erinnert.“ Was weiß sie noch vom Krieg?

„Meine Erinnerung besteht aus einzelnen Momenten. Da sind die ersten Geräusche von Gewehrschüssen durch Betonwände. Ich war vielleicht acht. Und ich erinnere mich an das Geräusch einer Rakete, wenn sie über unser Haus flog. Ich erinnere mich an den Wunsch, dem eigenen Körper zu entkommen, während du dich unter dem Bett versteckst und nicht weißt, ob diese Rakete dein Zuhause trifft. Als der Krieg begann, lebten wir zwischen den Rebellenstreitkräften und dem Regime. Ich war regelrecht im Kreuzfeuer gefangen, und unser Haus wurde im Laufe der Zeit mehrfach getroffen. Ich habe auch erlebt, wie Männer von der Miliz in unser Haus eingedrungen sind.“

Die Familie floh in ein Flüchtlingscamp in Kenia, wo sie vier Jahre verbrachte. „Ich kann mich auch noch gut an die Ankunft dort erinnern. Eine Sache, die bis heute meine Politik prägt, ist das Gefühl von Erleichterung, das ich hatte, darüber, dort angekommen zu sein, Wasser und Decken zu bekommen. Und wenn die Flüchtenden Zelte auf dem offenen Feld zugeteilt bekommen, bedeutet das, man kann als Kind frei herumlaufen. Wenn ich die Bilder von Kindern in den Käfigen an unserer Grenze zu Mexiko sehe, weiß ich, dass es ihnen ganz anders ergeht.“

Das Camp wurde ein neues Zuhause, „so sehr, dass ich dagegen protestierte, dass wir es verlassen würden. Darüber hat sich meine Familie immer lustig gemacht. Aber man entwickelt eine Routine. Für jemanden wie mich, der in einer beschützten Umgebung aufgewachsen ist, immer unter Beobachtung einer großen Familie, gab es plötzlich viele neue Freiheiten. Die Regeln veränderten sich. Wenn man klein ist, kann man sich wegstehlen. Zwischen den Zelten herumrennen, in der Schlange auf Wasser warten – das habe ich geliebt. Ich wollte nicht schon wieder von vorn anfangen müssen. Ich hatte mir bereits eine neue Wirklichkeit geschaffen.“ Ihr Vater entschied, dass die Familie in den USA Asyl suchen würde. In Somalia hatte er Lehrerinnen und Lehrer ausgebildet. In Minneapolis arbeitete er als Taxifahrer und bei der Post. Als sie ankamen, war Omar zwölf. Mit 17 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin. „Mein Vater ist ein ewiger Optimist. Es ist schwierig, sein immer lächelndes Gesicht zu sehen und sich vorzustellen, was er überlebt hat. Die Sehnsucht nach zu Hause vergeht nie. Aber es ist natürlich viel leichter, in die USA zu kommen, als in einem Flüchtlingscamp zu leben, immer in der Schwebe. Die Probleme waren nur meine.“

Sie hasste es, kein Englisch zu können. „Man wird praktisch stumm gemacht. Ich war einsam und wütend. Ich habe meine eigenen Kinder selbst ein paarmal mit einschneidenden Veränderungen konfrontiert.“ (Omar ist geschieden, sie war zweimal verheiratet und hat drei Kinder aus der ersten Ehe. Im vergangenen Sommer berichtete die rechte Presse schadenfroh, sie habe eine „heimliche Affäre mit einem verheirateten Mitarbeiter“.) „Wenn meine Kinder sich beschwert haben, habe ich immer gesagt: ‚Stellt euch einmal vor, ihr müsstet das in einer fremden Kultur machen, in der eure Religion nicht anerkannt ist und in der ihr nicht kommunizieren könnt.“

War die neue Welt, in die sie kam, rassistisch? „Ich bin in einer schwarzen Welt aufgewachsen, bis ich zwölf war. Daher hatte ich nicht einmal ein Gespräch darüber erlebt, schwarz zu sein. Und sogar in Kenia waren die Leute hauptsächlich muslimisch, sodass auch Religion kein Thema war. In die USA zu kommen, war daher tatsächlich brutal. Mir wurde nicht nur bewusst gemacht, dass ich schwarz und muslimisch war; ich war auch noch geflüchtet und weiblich. Aber dass ich muslimisch war, fiel wirklich auf. Die anderen Kinder machten Bemerkungen, weil ich ein Kopftuch trug. Mir wurde deutlich gezeigt, dass ich nicht wie alle anderen bin. Ich erkannte, dass Diskriminierung Teil des Systems ist.“

Der Hijab im Kongress

Nach dem Studium der Politikwissenschaften an der Universität von North Dakota kehrte sie nach Minnesota zurück und arbeitete in der Kinderernährungsberatung. Nachdem sie andere Kandidaten im Wahlkampf unterstützt hatte, wurde sie 2016 selbst ins Repräsentantenhaus des Staates gewählt, gegen den Kandidaten, der 44 Jahre im Amt gewesen war. Zwei Jahre später kandidierte sie für den Kongress. „Ich bin ein Gegenmittel zu Trumps Rhetorik“, so erklärt sie das.

Sie ist erst 37, und sie sieht, dass Wunder geschehen können. Aber sie ist vorsichtig: „Das hier ist ein Ort, der darauf angelegt ist, dich zu verändern. Nur dass wir nicht verändert werden wollen. Wir wollen ihn verändern – und das haben wir auch schon getan.“ Es klopft an der Tür. Jemand aus ihrem Team mahnt mich zur Eile. Omar fasst an ihr Kopftuch: „Jetzt ist an diesem Ort sogar Platz für einen Hijab.“

Der Trupp der Frauen

Sie sind mehr als nur eine Clique: „Squad“, so nennen Amerikanerinnen gern Gruppen von engen Freundinnen. Die Bedeutung kommt ursprünglich aus dem Hip-Hop – einen „Squad“ zu haben, das heißt, dass man sich gegenseitig gegen Angriffe in Schutz nimmt.

Von den US-Medien werden die vier Demokratinnen Alexandria Ocasio-Cortez, Rashida Tlaib, Ilhan Omar und Ayanna Pressley nur „The Squad“ genannt (zu Deutsch: Der Trupp). Außer Omar sind alle von ihnen in den USA geboren. Ocasio-Cortez, Tlaib, Pressley und Omar haben schon mehrere politische Initiativen zusammen auf den Weg gebracht – und sie haben als progressive Women of Color im Kongress den „Squad“ zu einer Marke gemacht.

Rashida Tlaib ist Anwältin und das älteste von 14 Kindern einer palästinensischen Einwandererfamilie. Sie wurde 2008 als erste Muslima in das Parlament von Michigan gewählt – und nannte Donald Trump einen „motherfucker“. Alexandria Ocasio-Cortez ist puertoricanischer Abstammung, in der Bronx geboren und arbeitete für Bernie Sanders. Beinahe fünf Millionen User folgen ihr bei Twitter. Ayanna Pressley fing mit zehn Jahren an, Politik zu machen. Zwischen 2009 und 2017 war sie – als erste afroamerikanische Frau – durchgehend Stadträtin in Boston. Im vergangenen Jahr kandidierte sie mit Erfolg in Massachusetts. Zu ihren Unterstützern zählt Ex-Präsident Barack Obama.

Anfang Februar boykottierten Pressley und Ocasio-Cortez die Rede von Präsident Trump an die Nation – sie wollten sein Unterwandern der Verfassung nicht noch „normalisieren“.

Rachel Cooke ist Journalistin beim Guardian

Übersetzung: Carola Torti

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06:00 03.03.2020
Geschrieben von

Rachel Cooke | The Guardian

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Ausgabe 32/2020

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